Reise nach Jerusalem

Prolog: Die folgenden Zeilen habe ich im Frühjahr 2005 verfasst, während ich für meine Diplomarbeit den ersten von zwei 1,5 Monate dauernden Aufenthalt in Jerusalem absolviert habe. Ich habe BWL mit Schwerpunkt Tourismus studiert und bekam durch eine glückliche Fügung die Chance, diese Diplomarbeit über ein christliches Gästehaus mitten in der Altstadt von Jerusalem zu schreiben. Obwohl ich vorher nie etwas mit Jerusalem, Israel oder dem Nahen Osten am Hut hatte (mich zieht es grundsätzlich eher in den Norden und/oder in den Westen), habe ich die Herausforderung damals schon ganz gerne angenommen.

Warum ich nun diese Aufzeichnungen hier wieder veröffentliche, die schon über 2 Jahre alt sind und zudem damals schon in einem anderen Forum gepostet habe?
Nun, zum einen ist diese Zeit für mich durchaus prägend gewesen und als Bestandteil meines Lebens gehört dieser Text natürlich auch auf meinen Blog.
Zum anderen finde ich es wichtig, dass man nicht immer nur Informationen aus zweiter Hand vorgesetzt bekommt, was diesen ganzen Themenkomplex angeht. Meine Sicht der Dinge ist zwar selbstverständlich auch komplett subjektiv geprägt und manchmal auch durchaus polemisch, aber ich nehme für mich auch gar nicht in Anspruch alles korrekt zu sehen. Ganz einfach, weil es in dieser ganzen Gemengelage dort so verflixt schwer ist, überhaupt einen klaren Blick für „Wahrheiten“ zu bekommen – falls dies nach so vielen Jahrzehnten, nein, Jahrhunderten, während derer in dieser Region so viel Scheisse passiert ist, überhaupt noch möglich ist.

Vielleicht gelingt es mir ja, zumindest den einen oder anderen von Euch hiermit unterhalten zu können und im Optimalfall sogar den einen oder anderen Denkanstoß zu geben. Denn in dieser Region ist vieles nicht so wie es scheint und ich musste selbst mit vielen Vorbehalten und Klischees, die ich als vollkommen Unbefleckter hatte, kräftig aufräumen.Viel Spaß bei der Lektüre und falls jemand sich dazu äußern möchte, sei er/sie dazu natürlich herzlichst eingeladen!——————————————————————————————

Tag 0 – „T minus 9 Stunden“

 

Wieso hatte ich mich eigentlich zu diesem Himmelfahrtskommando gemeldet? Ich könnte jetzt schön irgendwo in Köln in einem Büro rumgammeln, ein paar Anfragen bearbeiten, irgendwas kopieren oder meinetwegen auch durch irgendein Treppenhaus wischen. Immerhin hätte ich dann die Gewissheit was alles so rund um mich passiert. Ich könnte einschätzen was mich erwartet, bis ich den ganzen Kram hinter mir habe und das Studieren erneut losgeht, für ein letztes Mal. Aber nein, ich konnte ja wieder die Klappe nicht halten, habe das Maul wieder weit aufgerissen, so wie es eigentlich immer ist. Tja, das habe ich nun davon. Morgen geht es los, ich fliege nach Israel, nach Jerusalem, um dort bei irgendeinem christlichen „Hospiz“ ein dubioses Projekt anzuschieben, von dem ich selbst noch nicht einmal genau weiß, wie ich das überhaupt angehen soll. Aber gut, hab ja ausreichend in meine Bildung investiert und ordentlich Praktika abgerackert – da muss doch irgendwas hängen bleiben.

Also schauen wir mal, ob Israel auch für mich das Land ist, in dem Milch und Honig fließen.

Und wenn’s schlimm läuft, dann kann ich immer noch in die sichere Westbank flüchten…

  

Tag 1 – „Reise nach Jerusalem“

 

Sternzeit 230405, unendliche Weiten lagen vor mir. Genauer gesagt etwa 3500km…

Und was muss passieren? Natürlich, Mutter steht in der Tür, ich habe verpennt. Muss ja das Klischee bestätigen. Aber gut wir haben ja noch Zeit, also schnell geduscht, frisch gemacht, wichtige Emails (Adresse, Wegbeschreibung, etc.) ausgedruckt -ja, hätte ich auch gestern machen können- anschließend noch ein von Mama geschmiertes Brötchen eingeschmissen, Mama auf den Beifahrersitz und ab mit 170 Sachen über die A3 nach Düsseldorf.

Yes, wir haben 5.25h, also 45min Fahrzeit, nur geringfügig später als geplant am Terminal eingetroffen, schnell noch verabschiedet und zum Check-In gewetzt – super, noch nicht geöffnet. Relaxen. Schalter ist offen, ich bin Vierter, zwei Teile Handgepäck mit locker über 5 Kilo locker durchgebracht. Ab durch den Sicherheitscheck – was, ich muss den Laptop auspacken, buuuh! Jetzt muss ich auch noch wieder einpacken. Ja, Zeit, endlich, Kaffee, 3 Euro, verdammt. Blick auf die Uhr: 5.47h – na super, wofür hab ich mich jetzt so abgehetzt? Naja, die Zeit bis ca. 7 Uhr kriegen wir schon rum, aber wie? Ah, Zeitschrift kaufen. Kicker – Mist, schon alle Meldungen im Internet gelesen. Spiegel – Mist, schon teilweise im Platz16 gelesen. Stern – Mist, hätte ich den bloß nicht gekauft (werde ich mir später sagen).

Tja, dann geht’s auch schon in den Flieger. Dachte ich. Dummerweise blockiert die hintere Tür, der Gang kann nicht eingelegt werden. Neuer Bus muss her. Kostet Zeit. Zeit hab ich nicht wirklich in rauen Mengen, der Anschlussflug in Zürich  hebt schon mahnend den Zeigefinger.

Im Flieger dann eine Dreier-Sitzreihe nur für mich, eine blendend aussehende Stewardess, ein Glas Orangensaft und ein Stück Schweizer Schoki. Wie einfallsreich. Mir stand da mehr der Sinn nach Käsefondue.

In Zürich dann gelandet mit lediglich 15 Minuten Verspätung, macht ja nix bei nem Zeitfenster von einer Stunde. Überflüssigerweise kamen wir allerdings in Terminal A an. Und der Anschlussflug von Zürich nach Tel Aviv? Klar, Terminal E, Gate 57…

Wer hat’s versaut?

Folge den Schildern, folge den Schildern, folge den Schildern – Hmpf? Was ist das? U-Bahn? Mitten im Flughafen? Okay… die Schweizer halt… Einsteigen, Aussteigen, Rolltreppe hoch, noch ne Rolltreppe hoch – Hmpf? Schon wieder ne Sicherheitskontrolle? Trauen die Schweizer den deutschen Kontrollen nicht? Na super, auch noch Schlange stehen… *wart*… Naja, immerhin nicht auch noch den Laptop aus- und wiedereinpacken müssen. Dafür wurde die asiatisch aussehende Frau in der Reihe rechts zur Leibesvisitation in eine gesonderte Kammer geführt. Ist doch auch mal was.

Also weiter, Richtung E67… oder war’s doch E57? Egal, weiter… den da vorne kenne ich, der war mit im Flieger von Düsseldorf aus… aber der geht an ein anderes Gate… verdammt… AH! Da ist es. Aber oh gott! Es steht keiner mehr an!

„Ist schon Boarding-Time?“  – „Ha, nein, jetzt doch noch nicht, wir starten 15 Minuten später.“ Na supi, dann kann ich wenigstens noch aufs WC und einen Lungentorpedo zünden. Den hab ich mir auch verdient.

Tja, aus den 15 Minuten sind dann letzten Endes 30 Minuten geworden. Aber egal. Das schlimmere war eigentlich dass die Tuse am Kölner Check-In-Schalter mich übel verarscht hat. Ja, im ersten (wesentlich kleineren!) Flieger war 9F ein Fensterplatz. Der zweite Flieger war aber leider wesentlich größer, ergo ging die Buchstabierung bis K, ergo war F in der wunderbaren Mittelreihe – und zwar mittendrin. Das schöne daran: Rechterhand saß eine alte, korpulente amerikanische Jüdin, linkerhand ein großer Israeli mit seeeehr langen Beinen und das Kleeblatt des Fliegerglücks komplettierte dann noch irgendeine arabisch aussehende Frau mit ihrem schreienden Blag! Und zu allem Überfluß begann direkt in der Reihe vor uns die First Class, und ich konnte direkt auf diese galaktischen Beinfreiheiten draufschauen.

Der Flug bestand aus keiner gut aussehenden Stewardess, stattdessen aber aus Rindsgulasch mit Erbsen und Möhren, einem Becher O- und einem A-Saft (für die Verdauung und so), dazu noch ein Kaffee und –natürlich- Schweizer Schoki. Wie das Videosystem funktionierte hab ich leider erst zur Hälfte des Flugs rausgefunden und da wars dann schon zu spät um „Ray“ zu gucken. Aber musste mich ja eh noch um meinen Visa-Antrag kümmern. Gut, da hab ich mal glatt gelogen, aber man muss denen ja nicht alles auf die Nase binden. Hab ich mir dann auch bei der Passkontrolle gedacht und das dann auch weiter durchgezogen. Aber ein Arbeitsvisum wäre nun auch wirklich zu viel Stress gewesen.

Kleine Randnotiz: Die israelische Armee scheint vor allem aus gut aussehenden Frauen zu bestehen, zumindest war das mein Eindruck nach Grenz- und zwei Straßenkontrollen.

Diese Straßenkontrollen haben wir allerdings mit unserem Sammeltaxi Richtung Jerusalem problemlos überwunden. Einzig brenzlige Situationen dieses Trips waren die Sache mit der bedächtig weit offen stehenden Tür zum Kofferraum, sowie der kurzzeitig vergessene Koffer der Französin neben mir. Aber glücklicherweise sprintete der arabische Rentner noch dem Taxibus hinterher.

 Am Jaffa-Gate dann Ausstieg für mich und rein ins bunte Treiben: „Do you want to have a car?“, „Where do you want to go?”, “Ah I show you the way, but first come into my shop!”, 7 einsame Gassen später war ich dann am Ziel: Das Lutheran Hospice!

Dort werde ich erst mal vom gärtnernden Hotelmanager begrüsst, der mir kurz einen Welcome-Drink hinstellt und sich dann wieder in den Garten begibt. Gut, stell ich mich eben auf die Dachterasse: Wahnsinn, was für ein Ausblick! Ich bin beeindruckt. Darauf endlich die erste Zigarette in Israel, Verzeihung Jerusalem, um nicht den palästinensischen Lesern vor die Füsse zu hauen.

Ohnehin, dieses Israel-Palästina-Problem ist definitiv akut. Nein, keine Probleme mit Gewalt, aber es ist in den Diskussionen allgegenwärtig, wie auch gerade bei Amstel aus Dosen und Arak mit Eis in der Wohnung der Hotelmanager. Und da das definitiv zu viel für mich ist, trotz reichhaltigem und überaus leckerem arabischen Essen, werde ich nun noch kurz einen Blick durch mein Fenster auf Felsendom, Tempelberg und Al Aksa-Moschee werfen und mich dann endlich zur wohlverdienten Bettruhe begeben. Für heute reichts.

  

Tag 4 – “400 Meter unter Null”

 

Nach zwei Tagen Eingewöhnung verbunden mit viel Lauferei durch die Myriaden von kleinen Gässchen mit Shops an beiden Seiten und viel, sehr viel Volk in den zwei Metern zwischendrin, fange ich so langsam an mich hier „heimisch“ zu fühlen. Nicht dass die Tagesabläufe sich so langsam einspielen –denn da gibt es weiterhin nur die Fixpunkte Frühstück (was ich regelmäßig verpenne) und Abendessen (was regelmäßig ein Festschmaus ist)-, aber man bewegt sich doch mittlerweile selbstverständlicher durch diesen unglaublichen Mix an verschiedensten Kulturen. Am Sonntag wurde nicht nur das jüdische Pessach-Fest eingeleitet sondern darüber hinaus auch noch das Osterfest der orthodoxen Christengemeinschaften. So zur Information: Das Osterfest der Orthodoxen wird u.a. durch  Prozessionen gefeiert. Da es hier aber ungefähr 1073 unterschiedliche christlich-orthodoxe Glaubensgemeinschaften gibt war das ein wirklich faszinierendes Ereignis. Denn syrisch-orthodoxe, koptisch-orthodoxe, russisch-orthodoxe, armenisch-orthodoxe, griechisch-orthodoxe und was ich wie sie alle heissen – allesamt prozessierten sie in ihren jeweiligen „Trachten“ durch die Stadt. Und zwischendurch liefen auch noch irgendwelche jüdischen Gruppen – Quel spectacle!

Dass das im Übrigen nicht ganz friedlich abging ist wohl auch klar, denn vor bzw. in der Grabeskirche gab es wohl einige Streitereien, bei denen es irgendwie darum ging, wer wann in der Kirche feiern darf. Jaja, alles etwas anders hier. Aber nicht irgendwie bedrohlich, sondern eher amüsant.

Aprospros bedrohlich, heute, also am Dienstag (Tag 4) haben wir mit einer Gruppe der evangelischen Gemeinde hier einen Ausflug gemacht. Und zwar nach Jericho. Falls einer der Leser nicht so ganz über die Verhältnisse Bescheid weiß: Jericho ist die Stadt mit den Trompeten (Bibel und so, Eroberung, einstürzende Mauern – bei Gegebenheit mal nachlesen, ist spannend). Liegt darüber hinaus etwa 25km nordöstlich von Jerusalem, in der judäischen Wüste. Genauer gesagt: in der Westbank (für die, denen auch das nix sagt: Palästinensisches Autonomiegebiet Stufe A, sprich man reist quasi „aus Israel raus“, so richtig mit Strassensperre und Passkontrolle – wobei wir die nicht vorzeigen mussten; im Übrigen die allererste Stadt die vom Staat Israel an die Palästinenser übergeben wurde).

Jetzt denkt sich natürlich der durchschnittliche mitteleuropäische Leser (also DU!) so etwas wie „Huiuiui, fahren die mitten ins Palästinensergebiet. Da wimmelts doch nur so von Terroristen. Und die sind doch alle bewaffnet bis an die Zähne.“

Ähm ja, an dieser Stelle möchte ich übrigens um folgendes bitten:

Wer mal ein wenig Zeit hat sollte sich mal ein wenig über den Nahost-Konflikt informieren. Sprich über die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten, die Hintergründe und Ursachen. Das schadet nichts, und dann kann man evtl. sogar positiv über Palästinenser reden, ohne gleich als Antisemit betitelt zu werden.

Abgesehen davon waren wir als in Jericho. Bzw. wir waren in den Bergen kurz vor Jericho, das selbst in einer recht großen Tiefebene (etwa 400 Meter unter dem Meeresspiegel) liegt, die im Osten in das jordanische Gebirge übergeht. In dieser Tiefebene liegt im Übrigen auch das „Tote Meer“.

Wir sind auf jeden Fall mit zwei Kleinbussen eine kleine mal geteerte, mal kaum vorhandene Straße hinaufgefahren und haben dort die Ruinen einer herodianischen Festung besichtigt,  die allerdings inzwischen teilweise von israelischen Militärstellungen überbaut worden ist. Die Ruinen an sich waren eher weniger spektakulär –wenngleich es ungemein beeindruckend ist, sich vorzustellen, wie die ganzen Bausteine auf diesen hohen Berg geschafft worden sind, ganz zu schweigen von dem Wasser das dort täglich für die Badehäuser benötigt wurde-, allerdings die Aussicht über die Tiefebene war ein wirklich faszinierender und tief beeindruckender Blick. Die Fotos wird der eine oder andere hier evtl. noch einmal zu sehen bekommen.

Anschließend wurden noch weitere Ausgrabungsstätten unter fachlicher Führung und vor allem unter glühender Sonne besichtigt, bevor dann anschließend der einheimischen Küche gehuldigt werden konnte. Köstlichst.

Dies war also Tag 4, ein weiterer Schritt zur Beseitigung der eigentlich lächerlichen Vorurteile, dass man hier ständig um sein Leben fürchten muss und dauernd irgendwo, irgendwelche Bomben explodieren, so dass man sich nicht in irgendwelche belebten Plätze begeben darf. (In der Jerusalemer Fußgängerzone war ich im Übrigen am Montag und bin, welch Wunder, mit heiler Haut zurückgekehrt.)

Ich muss nach den ersten 4 Tagen wirklich sagen, dass ich mich bislang noch nie in irgendeiner Weise bedroht oder verunsichert gefühlt habe. Im Gegenteil, wenn ich spät abends durch Köln-Mülheim spaziert bin, dann war mir schon mal wesentlich mulmiger. Ganz zu schweigen davon, dass ich Menschen kenne, die schon vor unserer Stammdiscothek von Leuten mit Messern und Bodenkampferfahrung attackiert worden sind.

In diesem Sinne. Für heute reicht’s.

  

Tag 6 – Der reguläre Ausnahmezustand

 

Jerusalem ist dicht. Zu. Keiner kommt mehr rein. Warum? Naja, irgendson russischer Mafia-Boss war hier auf Besuch. Hat vor ein paar Wochen Atomrakten nach Syrien verkauft, und kurze Zeit drauf auch noch im Iran dem dortigen Atomprogramm seine Unterstützung zugesagt. Naja, und jetzt schaut er halt mal in Israel vorbei, trinkt ein Tässchen Tee mit so nem grauhaarigen israelischen Pummelchen und sagt den Israelis, dass doch alles gar nicht so schlimm ist. Die Atomforschung im demokratischen Staat Iran dienen ganz bestimmt nur zivilen Zwecken und was die Raketen angeht: Das ist doch alles halb so wild, schließlich reichen die eh nicht weit genug. Nur so 200 km. Also macht euch locker.

Da aber nicht jeder Israeli die ganze Geschichte so sonderlich locker sehen wird, hat man das gemacht, was hier in Israel scheinbar zur Patentlösung für Probleme geworden ist: Man sperrt einfach alles ab und lässt das Pack aussen vor. Dass mancher Tourist dann nicht zu seinem gebuchten Hotel kommt? Hmm, was soll’s. Passiert halt. Dass mancher Palästinenser nicht zu seiner Arbeit kommt? Hmm, um so besser.

Ohnehin, das mit dem Aussperren und den Palästinensern. Da können die sich schon mal ordentlich dran gewöhnen. Schließlich hat Herr Scharon ja im vergangenen Jahr endlich die  Patentlösung für das Palästinenserproblem gefunden: Einfach ne Mauer hochziehen. Das hat ja schließlich schon mal ausgezeichnet funktioniert.

Gut, Herr Scharon hat ja auch schon den Grund für das Versagen damals gefunden. Das Teil war einfach zu niedrig! Also hat er jetzt einfach ne Mauer mit 9 Metern Höhe bauen lassen. Und, wie das bei Mauern in der Geschichte so guter Brauch ist, wurde der Verlauf dieses nette kleine Deko-Accessoire richtig clever geplant. Nämlich einfach dahin setzen, wo’s Herrn Scharon grad in den Kram passt. Also, zack, ab durch Gärten, Felder und Höfe. Stromleitungen? Egal, sind sowieso total überbewertet. Kann man einreissen.

Die Schule liegt auf der anderen Seite? Egal, Bildung tat Palästinensern noch nie gut.

Das Feld des Bauerns ist geteilt worden? Macht ja nix, er darf weiterhin Besitzer bleiben. Nur drauf darf er leider nicht, sonst wird er beschossen. Altes Kriegsrecht von 1907. Völlig legitim. Ist ja schließlich keine Enteignung.

Naja, und so reiht sich dann eins ans andere.

Wer jetzt kritisch sein will, der könnte schon mal anmerken, dass es doch nicht einer gewissen „Ironie“ entbehrt, wenn ausgerechnet das jüdische Volk ein anderes Volk einsperrt.

Wer gar zynisch sein will könnte aber wiederum anmerken, dass sich dieses Volk vielleicht abgeschottet am wohlsten fühlt. Das wäre wohl bei dem tragischen Hintergrund dieses Volkes wiederum zuviel der beissenden Kritik.

Ungeachtet dessen, sollte man sich aber dennoch –ohne hier antisemitische Meinungen verbreiten zu wollen, und ohne den Sarkasmus der vorigen Zeilen weiter zu strapazieren- in einer ruhigen Minute fragen, wieso der Bau dieser Mauer, die insgesamt 728 Kilometer lang sein wird (die offizielle Grenze zwischen Israel und Palästinensergebieten beträgt eigentlich etwas mehr als 300km…), eigentlich nicht für mehr internationales Aufsehen erregt hat.

Hier werden Menschen aufs übelste diskriminiert. Sie müssen sich Tag für Tag übelsten Demütigungen aussetzen und können teilweise nicht weiter bewegen als in einem 25km-Radius.

Ob das tatsächlich der richtige Weg ist, für Frieden und Versöhnung zwischen diesen beiden Völkern zu sorgen lässt sich doch stark bezweifeln. Dass sich ein Volk, dem Bildung verwehrt wird, dem die Möglichkeit genommen wird, seinen Horizont zu erweitern, nicht zu einer Gruppe absolut friedliebender Geschöpfe entwickeln kann, sollte doch auch dem größten Zionisten dabei klar sein. Natürlich will ich weder Gewalttaten legitimieren, noch dem palästinensischen Terror eine Lobby bieten, aber ich habe einfach das Gefühl, dass in Deutschland immer noch viel zu sehr die Meinung vorherrscht, das ein Palästinenser jemand ist, der mit nem irren Blick in den Augen und nem Sprengstoffgürtel um den Bauch Busse voller jüdischer Schulkinder in die Luft sprengt.

Dass es solche Menschen gibt, die verblendet von blindem Eifer und verzerrten Ideologien sind, das will ich gar nicht bestreiten und erst recht nicht beschönigen.

Aber garantiert ist auch die israelische Politik nicht unschuldig an den Entwicklungen und hat durch stets hartes Durchgreifen, oft ungerechter Behandlung und meist aggressive Ausgrenzung keinen Deut zur Besserung der Situation beigetragen. Von Tausenden toten palästinensischen Zivilisten alleine in den letzten Jahren will ich erst gar nicht anfangen.

Es tut mir leid, dass ich hier heute relativ ernst werden muss, und wenig über „meine“ Reise erzählt habe, aber dieses kleine bisschen, das ich nur tun kann, haben die zahlreichen, freundlichen und hilfsbereiten Palästinenser absolut verdient, die hier im Gästehaus und in der Propstei arbeiten. Ich hoffe ihr versteht das und vielleicht kann sich ja der eine oder andere auch dazu aufraffen sich mal ein wenig über die Situation zu informieren. Links gibt es weiter unten. Für heute reicht’s.

Übersichtliche Chronologie des Nahostkonflikts (sehr zu empfehlen!!!):

http://www.ex-oriente-lux.de/nahost.htm

Sehr interessanter und schockierender Artikel zum Thema „Schutzwall“ im Stern:

http://www.stern.de/politik/ausland/?id=519483

Fotos vom israelischen „Schutzwall“:

http://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/texte/mauer-bilder-1.htm

  

Tag 8 – Der irreguläre Ausnahmezustand

 

Ich schrieb im vorigen Abschnitt davon, dass Jerusalem mal wieder weiträumig abgeriegelt war? Okay, jetzt grade liegt hier neben mir auf dem Tisch ein kleines Plastikkärtchen. Etwas was man gemeinhin „Ausweis“ nennen würde (das wurde mir zumindest gesagt, denn meine Hebräisch-Kenntnisse haben sich während der ersten Woche leider noch nicht entscheidend verbessert). Es ist kein gelber Stern oder so, aber mit diesem kleinen Plastikkärtchen hat man die Befugnis an diesem Samstag in die Altstadt reinzukommen – rein theoretisch zumindest. Jetzt fragt sich der eine oder andere sicherlich, wofür braucht man einen Ausweis um in die Altstadt reinzukommen. Nun, da kann ich relativ einfach drauf antworten: Osterfeiern.

Moment, wird jetzt der aufmerksame, zwar säkularisierte aber doch immer gut informierte Zentraleuropäer sagen, Ostern war doch erst vor einigen Wochen, da will mich wohl jemand vergackeiern. Nein, das liegt nicht in meiner Absicht.

Und auch nein, „DIE“ sind hier auch nicht so rückständig, dass sie so was mit Verzögerung feiern, sondern es hängt einfach damit zusammen, dass es neben der katholischen und der evangelischen Kirche, die wir so in Deutschland gemeinhin kennen, ja durchaus auch noch andere christliche Glaubensgemeinschaften gibt. Und wieder nein, damit meine ich nicht irgendwelche Sekten, sondern „die“ Orthodoxen.

Und „die“ Orthodoxen haben ja bekanntermaßen eine etwas andere Zeitrechnung, so dass Ostern eben in diesem Jahr auf dieses Wochenende fällt.

Nun aber zur Kernfrage, warum denn wegen so was dann die Altstadt abgesperrt wird.

Zum einen liegt das daran, dass „die“ Orthodoxen nicht einfach nur in ihren Gärten ein paar versteckte Eier suchen (wäre bei den Temperaturen auch ungünstig, wenn sie ZU gut versteckt sind), sondern es gibt die große Lichterzeremonie. Bei dieser Festivität wird eben ein großer Gottesdienst in der Holy Sepulchre Church (Grabeskirche) abgehalten, bei der halt irgendwie ein göttliches Licht gesandt wird, und ein Feuer entzündet wird, das von mehreren „Fackelläufern“ nach draussen getragen wird, wo dann alle Gläubigen ihre mitgebrachten oder vor Ort gekauften „Kerzen“ (sind mehr so Sturmfackeln) ebenfalls entzünden können.

Und dieses Ereignis ist halt durchaus beliebt, so dass jede Menge Pilger zu dieser Kirche wollen, also wirklich jede Menge, was natürlich platzmäßig in der Altstadt schnell zu Schwierigkeiten führen kann. Daher haben die israelischen Sicherheitskräfte eben das gemacht, was sie am besten können: Absperren.

Das ganze hat allerdings auch noch einen weiteren Hintergrund. Und zwar wenn ich von „die“ Orthodoxen spreche, dann ist das etwas sehr unpräzise. Denn es gibt unter den orthodoxen Christen wiederum zahlreiche Gruppen, wie eben die Griechisch-, Syrisch-, Armenisch-, Äthiopisch-, Russich- und wasauchimmer-Orthodoxen. Da diese Gruppen auch alle jeweils Anspruch auf die Grabeskirche erheben und dort natürlich „ihren“ Gottesdienst feiern wollen, kann das unter Umständen schon einmal zu Problemen handgreiflicher Natur führen.

Erschwerend kommt dann in diesem Jahr hinzu, dass der griechisch-orthodoxe Patriarch ein *klitzekleines* bisschen mit dem Feuer gespielt hat.

An einem der Haupteingänge zur Altstadt gehörten ihm nämlich ein paar durchaus schöne Gebäude, mit Hotels in den oberen Stockwerken und netten kleinen Läden mit freundlichen arabischen Pächtern im Erdgeschoss.

Nun, der griechische Patriarch dachte sich vor kurzem dann wohl, dass man die Dinger eigentlich nicht mehr braucht und doch verkaufen könnte, was er dann auch prompt umsetzte. Tja, der Käufer war ein Investor aus den USA. Und Jude. (und zudem vermutlich nur ein Strohmann der israelischen Regierung…)

Und das schmeckt den Leuten hier nicht wirklich. Und zwar weder den Muslimen, noch den eigenen Reihen, tja und so kam es dann dass dem Herrn Patriarchen die eine oder andere Morddrohung zugestellt worden ist.

Lange Rede, kurzer Sinn, Israels höchste Sicherheitsbeamte durften für den guten Herrn dann am Wochenende sorgen. Und das können sie. Passiert ist zumindest nix.

Dafür hatten wir einen wunderbaren Überblick über das ganze Geschehen vom Kirchturm der Erlöserkirche aus, die den mit Abstand höchsten Punkt der Altstadt markiert und damit einen perfekten Rundum-Blick bietet.

Verbesserungsvorschlag meinerseits allerdings: Man sollte die ganze Zeremonie auf nachts verlegen, da sähe das mit den ganzen Fackeln wesentlich beeindruckender aus, als nachmittags um drei. =)

Den mit Abstand schönsten Moment des Tages hatten wir allerdings dann am Abend als wir den Osterfeierlichkeiten der Äthiopier in einem der Innenhöfe der Grabeskirche beiwohnten. Ein Zelt in dem dumpfe Trommeln „Musik“ machten, in einer der Ecken des Hofes wurde ein kleiner Gottesdienst zelebriert, überall verstreut ein paar Kerzen, in einer anderen Ecke ruhten sich die afrikanischen Pilger in ihren strahlend weissen Gewändern aus – eine Atmosphäre, die sich weder auf Fotos festhalten, noch in Worten beschreiben lässt. Daher nur der kleine Hinweis: Sollte tatsächlich mal einer der Leser Jerusalem besuchen und das ausgerechnet zur Zeit des orthodoxen Osterfestes, dann kann ich nur dringendst empfehlen dort vorbeizuschauen!

  

Tag 9 – „Deutsche wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!“

 

Nachdem ich in den letzten Einträgen vor allem auf den Israelis verbal rum gedroschen habe, ist es jetzt einmal an der Zeit etwas inne zu halten. Denn an diesem Sonntag habe ich, zusammen mit einem anderen Deutschen, die Holocaust-Gedenkstätte Yad VaShem besucht. Yad VaShem liegt ein wenig ausserhalb von Jerusalem, so dass wir den Bus nehmen mussten – und, oh Wunder, wir wurden weder beschossen, noch vergewaltigt und glücklicherweise auch nicht in die Luft gesprengt. Einziges Problem (neben dem, der hebräisch beschrifteten Haltestellenschilder) war, dass die Israelis solche Sachen wie Fahrpläne irgendwie nicht für wichtig erachten, so dass man grundsätzlich einfach auf sein Glück hoffen muss, dass an einer Haltestelle irgendwann mal ein Bus vorbeikommt. Und nein, es ist nicht so wie, z.B. in London, oder auch manchmal bei der KVB in Köln, dass sich die öffentlichen Verkehrsmittel nicht an etwaige Fahrpläne halten. Nein, es ist einfach so, dass hier schlicht und ergreifend keine Fahrpläne existieren. Es gibt keine an den Haltestellen, man kann sich keine im Internet runterladen und am Busbahnhof kann man sich auch keine besorgen. Nein, man muss einfach hoffen. Gut, vielleicht sollte sich die deutsche Bahn dieses System auch angewöhnen, dann würden nicht mehr so viele Gäste über Verspätungen meckern. Aber nun ja, zurück zum Thema.

Der Komplex an sich ist schon einmal sehr beeindruckend: Mitten in einer Art Parkgelände mit einigen kleineren Gebäuden ist das zentrale Element ein Toblerone-Schachtel-förmiges Gebäude dass quer in einen Hügelrücken reingesetzt wurde. In diesem Gebäude wird man dann sozusagen durch die Geschichte des jüdischen Volkes geführt. Angefangen bei den antisemitischen Bewegungen in Altertum und Mittelalter, über die Beinahe-Ausrottung während des zweiten Weltkriegs bis hin zur Gründung des Staates Israel. Im Fokus dieses „Mahnmals“ stehen natürlich die schrecklichen Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs. Und das alles durchaus… unaufdringlich, absolut informativ und glücklicherweise weder pathetisch noch plakativ. Und zudem, dank der amerikanischen Gelder, die bei der Entstehung im letzten Jahr geflossen sind, technisch auf dem absolut neuesten Stand. Videoinstallationen, Original-Dokumente, Zeitzeugenberichte, Fotos, Modelle – ein wirklich gelungene Inszenierung der Aufarbeitung. Und das meine ich absolut nicht pietätlos, denn die Israelis selbst trauern/gedenken einfach anders, als wir das mit unserer grundsätzlich demütigen Einstellung in Deutschland tun. Aber das hier zu erklären ist schwerlich machbar.

Nichtsdestotrotz war der Besuch dort wirklich berührend, auch wenn ich das hier jetzt relativ nüchtern und bisweilen flapsig kommentiere. Und speziell das Gefühl als Deutscher dort durchzugehen, zwischen all den Menschen aus aller Welt die Dokumente der Ausrottung eines Volkes durch uns Deutsche anschauen – das ist schon seeehr speziell. Aber durchaus eine Erfahrung wert.

Eine Gedenkstätte die mir aber noch wesentlich näher gegangen ist, und die sich auch auf dem Gelände befindet, ist allerdings das „Memorial for the Children“ (könnte auch leicht anders heißen).

 Dort geht man quasi in einen Berg rein und kommt in einen absolut dunklen Raum bzw. Saal, in dem lediglich eine Kerze steht. Allerdings ist dieser Raum völlig verspiegelt, so dass sich die Kerze tausendfach spiegelt. Und während man dort durch geht, werden im Hintergrund die Namen von getöteten Kindern verlesen – und das ist alles irgendwie richtig heftig. Ich wäre vermutlich sogar richtig ergriffen gewesen, wenn nicht ausgerechnet hinter uns eine lärmende südamerikanische Jugendgruppe in diesen Raum gekommen wäre. Aber nun ja, andere Länder, andere Sitten. Um mal mein Lieblingstier ins Spiel zu bringen, das Phrasenschwein.

Anschließend durften wir übrigens noch feststellen, dass die ca. 100 Soldaten doch nicht alleine zu unserem Schutze da waren, sondern vor allem weil zwei Tage nach dem Russen auch noch der Türke nach Jerusalem gekommen ist und ausgerechnet an diesem Tag auch Yad VaShem besuchen wollte. Aber gut, im Sinne der jüdisch-muslimischen Verständigung haben wir dann freiwillig Platz gemacht und haben uns auf den Rückweg gegeben. Natürlich mit leichten Problemen bei dem Versuch einen Bus zu bekommen. Aber konnte ja auch keiner ahnen, dass 5 Meter auf der anderen Seite der Kuppe ein Haltestellenhäuschen war, dass nicht nur zur Dekoration rum stand, wie das in dem wir es uns bequem gemacht hatten, sondern sogar Busse davor hielten.

Tag 13 – Kingdom of Heaven

 

Wir alle kennen das: Man geht durch eine Fußgängerzone, und verschluckt sich am Pistazieneis, weil  man eine fette Frau in pinken Leggins sieht. Und alles was man denkt, ist „Oh mein Gott!“. Aber Gott – was ist das eigentlich? Wieviel Gott steckt in einem Karel? Und welches Duschgel benutzt ein Fa-Gott. Wir zeigen’s Ihnen!

Die alten Azteken kannten Gott schon vor weit über 6 Jahren….

Jetzt aber genug der Kalauerei. Heute, bzw. mittlerweile gestern, war Christi Himmelfahrt. Was bedeutet uns Himmelfahrt im christlich geprägten Deutschland? Nun ja, wahrscheinlich vor allem ein verlängertes Wochenende. So wie fast jeder kirchlicher Feiertag. Mal abgesehen von Weihnachten, denn das bedeutet zusätzlich auch noch Geschenke.

Nun, anlässlich dieses Feiertages, würde ich mich an dieser Stelle gerne einmal dem oben angeschnittenen Thema zuwenden: „Gott“. Bzw. dem Christentum, der Religion an sich.

Meine „Erfahrungen“ in diesem Bereich sind zwar einerseits recht beschränkt, aber auf der anderen Seite im Vergleich zum durchschnittlichen deutschen Jugendlichen vermutlich durchaus groß. Ich würde nicht sagen, dass ich ein gläubiger Mensch bin. Zumindest nicht nach der klassischen kirchlichen Definition. Denn Kirche stinkt mir. Ich finde es eigentlich schade, denn der christliche Glaube ist an sich eine wunderbare Sache, die auf wirklich sinnvollen, hochwertigen und eigentlich höchst simplen Prinzipien basiert.

Doch auf der einen Seite hat man in Deutschland die verstaubte katholische Kirche, die in ihren Gottesdiensten vor allem auf Demut und Konvention beharrt.

Auf der anderen Seite die oftmals etwas geöffnetere evangelische Kirche. Ich selbst bin evangelisch, habe mich brav konfirmieren lassen und war auch 5 Jahre lang in einem Jugendprojekt des CVJM aktiv.

Aber auch in der evangelischen Kirche ist vieles einfach zu institutionalisiert und zu … naja… weltfremd. Klar, das Bestehen auf Traditionen hat auch was gutes, bietet es doch immer eine Art „verlässlichen Anker“. Aber ich bin doch der Meinung dass sich „Kirche“ etwas mehr der heutigen Zeit anpassen sollte. Das Thema „Glauben“ muss einfach viel unverkrampfter angegangen werden, um es eben auch in den heutigen Zeiten attraktiver zu gestalten. Das wird nur leider meist verpasst. Und so geht man aus Pflichtbewusstsein vielleicht einmal an Weihnachten in die Kirche und ansonsten nutzt man es als stimmungsvollen Rahmen für eine Bilderbuchhochzeit, bevor man dann austritt um die Kirchensteuer zu sparen.

Doch es ist wirklich schade, denn der Glaube bietet eine hervorragende Möglichkeit sich von der Hektik des alltäglichen Lebens zurück zu ziehen, sich zwischendurch einfach mal selbst zu reflektieren und mit essentielleren Dingen des Seins zu befassen.

Gestern war eben wieder so ein Tag. Wie gesagt, Christi Himmelfahrt. Und wo könnte man ein solches Fest besser begehen, als in der Hauptstadt des heiligen Landes. Und wo könnte es dort besser passen als im prunkvollen Gebäude der Auguste Viktoria-Himmelfahrtskirche, die vor Jahrhunderten von Kaiser Wilhelm II. errichtet worden ist. Diese Kirche befindet sich auf dem Tempelberg, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der Jesus der Legende nach in den Himmel aufgefahren ist. Und ich muss sagen, wenn man dort oben auf dem Berg so steht, den Blick über die judäische Wüste, die Tiefebene mit Jordan und Totem Meer, sowie die jordanische Bergkette ganz hinten am Horizont schweifen lässt, ja dann kann man schon nachvollziehen, wie sich diese Legende gebildet hat. Man fühlt irgendwie, dass der Himmel nahe ist, und es ist ein Platz an dem man in der Minute seines Todes durchaus gerne wäre. Ja, mit diesem Panorama vor Augen würde auch ich sterben wollen. Von daher kann man sich schon vorstellen, was Lukas (*siehe unten) dazu bewogen hat, die Geschichte so zu schreiben.

Ungeachtet dessen habe ich aber auch wieder einmal festgestellt wie wohltuend ein Gottesdienst eigentlich sein kann. In unserem Falle wurde er von drei Geistlichen aus drei unterschiedlichen Ländern und drei unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften geleitet. Bei der Segensspende gesellte sich dann sogar ein dänischer Pfarrer hinzu und da dachte ich mir:

Doch, so muss Glaube eigentlich sein. Grenzen überwinden und nicht errichten. Dieses Gefühl war einfach ein… richtiges. Und das fehlt leider heute zumeist, da der „Glaube“ so von den Institutionen Kirche für sich vereinnahmt wurde. Und das macht mich eigentlich ein wenig traurig.

*Lukas-Evangelium
24,50 Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie.
24,51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.

Für diejenigen, die auch noch einmal die eigentliche Bedeutung des Feiertages erfahren wollen, habe ich eine kleine Erläuterung von folgender Seite kopiert:

http://www.bistum-dresden-meissen.de/Detailed/1078.html

 Vierzig Tage nach Ostern feiern katholische und evangelische Christen das Fest „Christi Himmelfahrt“, in diesem Jahr am 20. Mai. Diese vierzig Tage entsprechen der Länge der Fastenzeit vor Ostern und greifen damit eine in der Bibel mehrfach verwendete Symbolzahl auf: Vierzig Tage dauerte die Sintflut, vierzig Tage lang war Mose auf dem Berg Sinai, um die Gebote Gottes zu empfangen, vierzig Tage lang fastete Jesus in der Wüste vor seinem öffentlichen Auftreten, vierzig Jahre wanderten die Israeliten durch die Wüste.
„Wäre Jesus zu seiner Himmelfahrt vor ca. 2000 Jahren mit Lichtgeschwindigkeit gestartet, wäre er heute in Höhe des Andromedanebels, also noch immer unterwegs und für uns mit entsprechendem Gerät sichtbar“, erklärt Internetpfarrer Joachim Scholz, Netzschkau, in einer Predigt zu „Christi Himmelfahrt“. Im Zentrum des Festes stehe jedoch nicht die Frage nach dem technischen Wie der Himmelfahrt. Das Fest müsse vielmehr tiefer verstanden werden. Es will deutlich machen, dass Jesus Christus dorthin zurückgekehrt ist, von wo aus er in die Welt gekommen ist: zu Gott, seinem Vater. Die Autoren der Bibel hätten das vor etwa 2000 Jahren eben mit den Vorstellungen ihrer Zeit ausgedrückt.
Seit alters her waren am Himmelfahrtstag Flurumgänge und -umritte üblich. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelten sich daraus „Herrenpartien“. Diese wurden nach der Einführung des Muttertages im 20. Jahrhundert zum „Vatertag“ umbenannt.“  

Tag 19 – „Do you have weapons?“ 

Nach kleiner Pause gibt es nun mal wieder etwas von mir zu lesen. Denn Klein-Marcel war heute unterwegs. Zwar nicht direkt im Namen des Herrn. Aber doch so ein wenig. Weil, ist ja beruflich und das Gästehaus hat ja einen christlichen Träger. Damit war ich quasi in göttlicher Mission unterwegs. Bepackt mit tollen Sachen, die das Leben schöner machen, ging es in Richtung Tourismus-Ministerium wo ich mit einer netten Dame verabredet war, die mir ein paar Informationen geben sollte.Erstes Problem, wo ist diese Straße. Einen Straßenplan habe ich natürlich nicht, aber wozu gibt es schließlich Internet? Doch auch da fand kein Routenplaner, kein Straßenverzeichnis besagte Straße. Glücklicherweise aber gibt es ja noch die Rezeption und da gab es sogar eine Karte, auf der erfreulicherweise eben jene Straße zu finden war.Zweites Problem, wie komme ich dahin. Für laufen bin ich zu faul und es fehlte mir auch die Zeit dazu, und für Taxi wollte ich nicht auf eine Woche Mittag essen verzichten.Bleibt also der Bus. Der BUS. Doch Busse und Israel sind ja so eine Geschichte für sich. Erstmal warnt jeder Reiseführer davor, da an jedem Bus mindestens vier Sprengsätze angebracht sind und darüber hinaus auch meistens noch 23 Selbstmordattentäter drin sitzen. Und ausserdem, wie ich ja schon in der Yad VaShem-Episode berichtete, sind Wörter wie „Streckennetzplan“ und „geregelte Abfahrtszeiten“ (bzw. die hebräischen Übersetzungen, für alle Klugscheisser) in Israel nicht wirklich existent. Gut, vom letzten Mal Bus fahren wusste ich immerhin noch, dass Linie 20 vom Jaffa Gate (quasi „mein“ Altstadtausgang) an der Central Station vorbeifuhr. Und da musste ich ungefähr hin. Glücklicherweise kam dann auch gleich ein 20er, und ab ging die Post bis Central Station. Ab dort musste ich mich dann zu Fuß durchschlagen – Problem war nur, dass ich lediglich die ungefähre Richtung.Aber Israel ist ein gottverdammtes Wohlfühlland,an jeder Ecke steht ein –nein, kein Elefant, ist ja nicht Schweden- sondern irgendein Uniformierter, und etwa 5 Beamten später (u.a. einmal vor ner Bank, einmal vor nem Parkplatz und einer der wasweissichwas bewacht hat) war ich dann endlich am Ziel angelangt. Dem ministerialen Gebäude. Als erstes natürlich Sicherheitskontrolle, und dann kam ich sogar auf den Vorhof. Muss aber zugeben, ich war etwas irritiert, denn es kam Musik von dort. Nun gut, Tourismusministerium, da spielen die vielleicht ein wenig Folklore und so ein Kram. Und dort stand dann auch eine Bühne, auf der ein paar Musiker ein wenig probten.Wie dem auch sei, rein ins Gebäude und natürlich – Sicherheitscheck. Name bitte, was wollen sie hier, zu wem wollen sie, haben Sie irgendwelche Waffen dabei? „Rhetorik für 50 Euro – Was ist eine dumme Frage?“ Nach ein wenig Palaver und gründlicher Durchsuchung der Tasche wurde ich als Nicht-sicherheitsgefährend eingestuft und durfte passieren. Oben im Büro dann angelangt, die nette alte Dame, die leider kaum Englisch spricht, ein Kaffee und jede Menge Unterlagen, in die ich mich vertiefe.Bis mich die nette, alte Dame plötzlich anspricht, ob ich denn nicht mit in den Hof kommen wollte, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Kurz nachgedacht, welche Feierlichkeiten? Hmm, gut, eine andere Möglichkeit hab ich eh nicht, da sie mich nicht alleine im Büro lassen würde. Tja, und auf dem Weg nach unten dämmerte es mir dann auch langsam… Kriegsende. Genauer gesagt „Heldengedenktag“.Und dann war ich auch schon mitten drin. Ich saß im Innenhof der von zwei 8stöckigen Bürogebäuden umgeben war und um mich rum hatten sich sämtliche Mitarbeiter versammelt. Es dürften wohl mehrere Hundert gewesen sein, und Klein-Marcel zwischendrin. Angefangen mit einer Schweigeminute, die sehr beeindruckend war, lag dann eine 45minütige Veranstaltung vor mir – von der ich natürlich kein einziges Wort verstehen konnte, da meine Hebräisch-Kenntnisse nicht nur beschränkt sondern nicht vorhanden sind. Aber es war nichtsdestotrotz irgendwie faszinierend und nach einer Fußballspielhalbzeit, in der ich mich irgendwie sehr seltsam fühlte, war es dann ja auch schon wieder vorbei.Rauf ins Büro, Akten weiter durchgeblättert und mich dann zum Kauf eines Reports entschieden, musste ich dann feststellen, dass das mit dem Kauf gar nicht so einfach war. Denn bezahlt werden kann nicht vor Ort, sondern bei der Post. Ohne Bezahlung aber natürlich auch keine Ware. Also, mit dem Aufzug runter, raus aus dem Gebäude, 10min Fußweg, Sicherheitscheck #3 vor dem Universitätsgebäude, in dem sich die Post befindet, Rechnung bezahlt, 10 min Rückweg, Sicherheitscheck #4 (das Personal am Eingang zum Hof hatte gewechselt), Sicherheitscheck #5 (auch am Empfang saß jetzt eine gut aussehende Dame), wieder rauf, Bericht abholen und wieder Richtung zu Hause. Auf dem Weg noch kurz dem Sicherheitsbeamten im Bus freundlich zugenickt und mich zwischen zwei Soldaten gequetscht…Lange Rede, wenig Sinn, es ist wirklich faszinierend, wie viel Sicherheitspersonal hier so rumläuft, und ich würde wirklich allzu gerne wissen, wie viel in diesem Land jährlich für Sicherheitsmaßnahmen ausgegeben wird. Dafür könnte man vermutlich die Bildungssysteme des halben afrikanischen Kontinents auf Vordermann bringen – oder einfach nur das im eigenen Land… Aber ich will ja jetzt nicht auch noch davon anfangen, dass hier Lehrer teilweise monatelang kein Gehalt bekamen. Schließlich kann und darf man so was ja nicht gegeneinander aufrechnen… Oder doch?  

Tag 22 – Keep the Hope alive 

Kontrastprogramm. Auf ganzer Linie. Pünktlich zur Halbzeit (naja, einen Tag danach) meines 6wöchigen Aufenthaltes in Jerusalem und passender Weise drei Tage nach meiner „Teilnahme“ an israelischen Feierlichkeiten zum „Heldengedenktag“ gab es heute etwas komplett anderes. Denn heute begleitete ich die Chefin des Hotels zu einer Veranstaltung der ganz anderen Art: Eine Art „Vortrag“ von Felicia Langer im YWCA von Ost-Jerusalem.So gingen wir erst mal quer durch die Altstadt Jerusalems, ein Spaziergang, der immer wieder aufs Neue faszinierend ist. Mitten durch das Gewühl der kleinen Gassen, mit den hunderten kleiner Geschäfte. Betört von den tausend Düften der Gewürz-, Gemüse- und Geräppelhändler, genervt von den Massen an vor allem israelischen Touristen, die sich samstags zum wöchentlichen Einkauf in die Altstadt trauen.Quer durch das Gedränge des Marktes am immer wieder beeindruckenden Damascus-Tor, und raus über die Nablus Road in das „moderne“ Ost-Jerusalem.Fernab vom touristischen Einheitsprogramm gibt es aber auch hier einige schöne Flecken zu sehen. Natürlich ist es im Gegensatz zu West-Jerusalem, wo viel, vor allem amerikanisches Geld investiert, heruntergekommen, modrig und teilweise dreckig. Aber zum einen hat auch dies seinen Charme und zum anderen sind Gebäude wie die St. George’s Church oder vor allem die zahlreichen alten arabischen Villen auch heute noch sehr schön anzusehen, die sich dort zwischen die alten, großen Bäume schmiegen.Ein wirklich schöner Weg bis wir dann nach einer guten halben Stunde am Ziel, dem YWCA angekommen waren.Und was sich dann dort abspielte war wieder einmal beeindruckend und schwer in Worte zu fassen. Zu den Rahmenbedingungen: Felicia Langer ist Jüdin, geboren in Polen, und musste dort während des Zweiten Weltkriegs vor den Nazis fliehen. Nachdem sie 1949 ihren Mann Mieciu heiratete, der 5 (!!!) Konzentrationslager überlebte, hat sie in Israel Jura studiert. Nach dem 6-Tage-Krieg 1967 hat sie Palästinenser vor israelischen Militärgerichten vertreten und sich auch darüber hinaus immer stärker für die Belange der Palästinenser eingesetzt.1990 dann hat sie ihre Praxis in Jerusalem geschlossen und ist mit ihrem Mann nach Deutschland gezogen, wo sie seitdem im Süden wohnt. Vergangene Woche ist sie nun zum ersten Mal nach ihrer „Flucht“ aus Israel wieder hierhin zurückgekehrt und hält hier jetzt einige Vorträge und besucht Freunde vor Ort.Der Vortrag an sich war schon einmal beeindruckend, in dem sie über die menschenrechtsverachtenden Verhaltensweisen in israelischen Gefängnissen berichtete –wenngleich die Zielgruppe für solche „Geschichten“ nicht unbedingt die richtige war, da sich eh alle der Ungerechtigkeiten bewusst sind-, aber viel beeindruckender war es noch, das Drumherum mitzuerleben. Wie gesagt, es ist schwer das in Worte zu fassen.So waren dort zahlreiche Palästinenser, die jahrelang in israelischer Haft gefoltert worden sind. Ein sudanesischer Mann, der ebenfalls längere Zeit in Haft war, und jetzt ein medizinisches Hilfsprojekt für die arabische Bevölkerung leitet – und alles was er jemals hatte war eine Woche Medizinstudium.Oder ein jüdischer Israeli, der 18 Jahre lang in Haft war, nachdem er einem Journalist verraten hat, dass Israels Atomkraftwerke eben nicht nur zivilen Zwecken dienen, und der mittlerweile zum Christentum übergetreten ist, das Land nicht verlassen darf und in einer Art „Kirchenexil“ lebt.Und dann nicht zuletzt das Ehepaar Langer, die beide als gebrechliche Menschen daherkommen, aber durch ihre Ausstrahlung, ihren Charakter eine enorme Wirkung haben. Speziell der Mann von Felicia Langer. Es ist unglaublich, wie viel Humor und Witz der Mann aussprüht, gerade gegenüber Deutschen, wie mir, wenn man bedenkt dass er sage und schreibe fünf Konzentrationslager durch- und überlebt hat.Ich kann mich nur noch einmal wiederholen, es ist schwer das Gesehene in Worte zu fassen, aber wenn man mit welcher Dankbarkeit jedwede Unterstützung von „ausserhalb“ durch die Palästinenser begrüßt wird, dann kommt man schon ins Grübeln. Mehr vielleicht noch als die Schilderungen der unbeschreiblichen Greueltaten aus den Gefängnissen, die ich hier ungern wiedergeben möchte. Vielleicht dazu nur so viel:Der Verteidiger einer der Angeklagten im Zusammenhang mit den Folterskandalen in Abu Ghreib beschrieb die Foltermethoden dort als „israelische“ Foltermethoden… Achja, und ein weiterer Kommentar bzw. ein weiteres Zitat noch:„Military music bears the same relation to music as military justice does to justice…“(Clemenceau)   

Tag 23 – Jerusalem, oh Jerusalem 

„Ich lief die abschüssige Straße hinunter, den Kopf nach rechts gedreht, den Blick von der alttestamentarischen Landschaft gefangen, im Herzen die Worte des „Hohen Liedes“:„Schön bist du, meine Freundin, kein Makel ist an dir.“Die Straße machte einen Knick und vor meinen Augen erhob sich der Tempelberg mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee. Wie oft war ich früher hier gewesen, oben auf dem Tempelberg und unten an der Klagemauer, bezaubert von der Schönheit des einen, betroffen von der legendären Bedeutung des anderen. Jetzt, mit den Kontrollen, Sicherheitsmaßnahmen und Verboten auf beiden Seiten war mir die Freude daran restlos verdorben. Ich fand es empörend, von bewaffneten Polizisten und Soldaten beobachtet, wie ein potentieller Attentäter behandelt und durch Checkpoints und elektronische Sicherheitssperren geschleust zu werden; fand es beleidigend, meine Taschen durchsuchen, mich im Fall von kurzen Ärmeln mit einem schmutzigen Umhang bedecken zu lassen, zu gewissen Zeiten nicht in die Moschee und an der Klagemauer nur in den den Frauen zugewiesenen Teil hineingelassen zu werden. Sollten sie aus ihren Heiligtümern, für die sie bereit waren zu töten, einen Hochsicherheitstrakt machen, sich an zufällig zusammenfallenden Feiertagen, auf denen die Palästinenser auf dem Platz oben, die Juden an der Klagemauer unten beteten, mit Steinen und Geschossen umzubringen versuchen und „Allahu aqbar“ oder „Adonei eloheinu“ schreien. Was für ein klägliches und monströses Getue im Namen einer Religion!Der Eingang zu dem riesigen Platz, auf dem sich selbst die hohe wuchtige Klagemauer bescheiden ausnahm, sah aus wie ein schäbiger Vorstadtbahnhof. Graugrün gestrichene Sicherheitszäune und Barrieren, ein verglaster Aufenthaltsraum, der einen vor Regen oder Sonne schützen sollte, Bänke, ein Schlagbaum für irgendwelche autorisierten Fahrzeuge, die bis auf den „heiligen“ Platz fahren und dort auch parken durften, Kontrollhäuschen, Sicherheitssperren und die dazugehörige Militärbelegschaft, Soldatinnen und Soldaten, die sich meist lautstark miteinander unterhielten und an etwas kauten.Mir war es ein Rästel, wie denjenigen, die wirklich den Glauben und die Absicht hatten, zu beten, nicht der Appetit darauf verging.„Es ist doch auch zu deiner Sicherheit“, warf man mir vor, wenn ich mich über die Reglementierung auf dem Platz entrüstete. Das zum Credo erhobene Wort „Sicherheit“, mit dem die Politiker das israelische Volk schon über ein halbes Jahrhundert irregeführt hatten und alles rechtfertigten, was nicht zu rechtfertigen war, war für mich ein rotes Tuch.„Es gibt keine Sicherheit“, ereiferte ich mich dann, „das muss euch doch endlich einmal auffallen! Die Armee kann noch so stark, die Vergeltungsschläge noch so hart und di Sicherheitsmaßnahmen noch so streng sein, wir leben auf engstem Raum mit einem von uns unterdrückten und misshandelten Volk und das wird immer Wege finden, unsere Sicherheit in die Luft gehen zu lassen!“Ich ging durch die Sperre und über den mit Steinplatten ausgelegten Platz, auf dem weit und breit kein Hälmchen Grün zu sehen war. Dafür waren zu unserer Sicherheit Scharfschützen auf dem Dach der umliegenden Häuser postiert.In den Gassen des Basars war der Morgen noch nicht angebrochen. Gegen den riesengroßen, kahlen Platz, auf dem ich mir, aller Sicherheitsmaßnahmen zum Trotz, wie eine Tontaube vorgekommen war, fühlte ich mich in der dämmrigen Kühle des Gassenlabyrinths geborgen. Die Angst, die Israelis der Altstadt fernhielt, war mir fremd geblieben. Die Menschen, die hier lebten, empfand ich als nicht mehr und nicht weniger bedrohlich, als die der übrigen Welt, egal ob sie in einer Luxusvilla im Grundewald oder in einem Beduinenzelt im Sinai wohnten. Morden, wenn sie es für richtig hielten, konnten alle.Die eisernen Rollläden vor den Geschäften waren noch heruntergelassen, die Gassen, bis auf drei Kinder, die einem Ball hinterher jagten und zwei alten Männern, die zum Beten gingen, leer. Ohne das Angebot von bunten Kleidungsstücken, die an den Mauern neben den Läden hingen, den Tischen mit billigen Andenken und Schmuck, den zudringlichen Händlern und hektischen Menschenscharen, sah ich die Schönheit der alten Gebäude und Gewölbe, der Tore und Bogengänge, spürte das Mysterium und die Magie einer zweitausend Jahre alten, von drei Religionen als heilig erklärten, immer wieder zerstörten, immer wieder aufgebauten Stadt.„Eine furchtbare Stadt“, hatte Jane einmal gesagt, „jeder Stein trieft von Blut“.„Warum wolltest du dann unbedingt hier leben?“„Das ist eines der Geheimnisse Jerusalems. Man liebt es trotzdem.“In der Nähe des Löwentors hielt mich die besonders schöne Fassade des St. Anna Klosters fest. Ich schaute durch das geöffnete Freitor in einen verwunschenen Innenhof, ging hinein und legte mich dort auf eine der Bänke. Schon immer hatte ich klösterliche Innenhöfe geliebt. Die Stille und Abgeschiedenheit dieser kleinen, mit Bäumen und Blumen bepflanzten Inseln, weckten Träume von einer heilen Welt in mir. Ich betrachtete die gravitätische Rückseite des Klosters mit ihren wuchtigen, altersgeschwärzten Steinquadern und hohen, schlanken Bogenfenstern, den tiefblauen Himmel, in dem noch die zarte Sichel des Mondes stand, die gefächerten Blätter, die eine Palme über mir ausbreitete, den Oleanderbusch, dessen weiße Blüten meine Bank umrankten. Ich stellte mir vor, ich wäre hier geboren und aufgewachsen, hätte eine ungebrochene Kindheit, Jugend und schließlich Ehe verlebt und diese heile Welt an meine Kinder und die an ihre weitergegeben. Eine harmonische Kontinuität, eine innere Ruhe im Schutz dieser Mauern, die die Weltgeschichte mit ihrem entgleisenden Fortschritt und den fortwährenden Rückfällen in die Barbarei nicht durchdringen konnte. Ich träumte mich immer tiefer in dieses Leben hinein, als plötzlich eine Touristengruppe mit Kameras und festen Wanderschuhen, einmarschierte und mich unsanft in die Wirklichkeit zurückriss. Es war kurz nach acht und die Altstadt erwachte.Ich sagte der Mondsichel und der Palme, der harmonischen Kontinuität und inneren Ruhe Lebewohl und ging durch das Freitor auf die Gasse, wo ich sofort von einem Händler mit billigem Schmuck bedrängt wurde: „Look, lady, very nice Jesus Christ cross for you!“ Ich nickte abwesend und sagte auf deutsch: „Entschuldige aber ich habe keine Zeit. Ich muss das Tempo beschleunigen.“„Ah, Sie aus Germany! Habe ich Bruder in Frankfurt und Freundin in…“Ein Glück, dass ich die Füsse vom Boden heben und davon galoppieren konnte.„Hey Lady“, rief mir der Händler mit ärgerlicher Stimme nach, „why you run? I good man, have nice Beduin necklace for you, very cheap…“ Diesen Text habe ich leider nur abgeschrieben. Ich wünschte mir, ich könnte so gut schreiben, aber so musste ich mich leider bei der Autorin Angelika Schrobsdorff bedienen, die in ihrem Buch „Wenn ich dich je vergesse, oh Jerusalem“ einfach den berühmten Nagel auf den Kopf trifft. Danke dafür.  

Tag 33 – 10 Dinge, die ich an dir hasse 

1) Die Muslime 

Also bitte, das geht ja mal gar nicht. Wie kann man eine Religion gründen, in der alle paar Stunden irgendwelche Deppen von irgendwelchen Türmen irgendwelchen Kram brüllen. Wenn es nur einmal am Tag wäre, okay. Aber nein, das muss ja morgens um halb 5 zum ersten Mal passieren und abends gegen 21 Uhr noch ein letztes Mal.Oder wenn es nur ein Schreihals wäre, auch okay.Aber auch hier nein, das müssen ja direkt 4 oder 5 von diesen Typen sein. Und natürlich kann man auch nicht das gleiche „singen“. Nein, es muss ja jeder was anderes brüllen. Wer am lautesten schreit hat recht. Is klar. Und natürlich muss auch noch einer der Lautsprecher genau auf mein Fenster gerichtet sein… Kopfschmerzen… 

2) Die Juden 

Ihr seid ja wenigstens noch meistens ruhig. Aber wenn… klar, wenn dann auch richtig. Den Sabbat kann man ja nicht einfach so beginnen, nein, der Sabbat wird natürlich direkt mit ner etwa einminütigen Sirene eingeläutet. Schon klar, aber Hauptsache hübsche Käppchen tragen und wenn man ganz ultra ist, dann darf man Frauen noch nicht mal angucken. 

3) Die Christen 

Gut, ich komme aus einem christlich geprägten Land, da bin ich ja Kirchturmglocken gewohnt. Aber hey, so was geht auch melodisch. Hier sind ja „Melodien“ das geht gar nicht mehr. Auch nach dem Motto „Hauptsache laut“, der schöne Klang, für den sorgen wir doch eh mit den Kirchenchören. Und dann diese rücksichtslosen Prozessionen, bei denen eine Glaubensgemeinschaft nach der anderen in Trachten durch die Gassen der Altstadt jagt. Und das dann meist ohne Rücksicht auf Verluste. 

4) Die Armenier 

Ja, euch mag ich auch nicht. Wieso? Die schwarze Kluft sieht blöd aus. 

5) Die Müllsituation 

Leute, wie kann man nur so viel Müll produzieren? Obwohl, wieso frag ich eigentlich. Bei soviel kleinen Geschäften und soviel Touristen muss ja zwangsläufig Müll anfallen. Aber hey, wäre es nicht ein cleverer Einfall mal ein paar Mülleimer aufzustellen? Aber nein, stattdessen wird alles irgendwo in die Ecken geschmissen, so dass es sich im Laufe des Tages teilweise meterhoch aufstapelt. Weil nachts wird’s dann ja eh von der Müllabfuhr weggeräumt.Stinkt ja auch nicht. Vor allem nicht bei den Temperaturen. Aber so können sich wenigstens die Millionen von herumstreunenden Katzen daran gütlich tun. 

6) Die Katzen 

Meine Fresse, hier gibt es vielleicht viele Katzen. Überall flitzen sie durch die Gassen, über die Dächer, durch die Gärten. Kleine unterernährte, fauchende Flohschleudern, die ich am allerliebsten alle erschiessen würde. Katzen sind Scheissviecher. Arrogant, fies und unsympathisch. So hocken sie auf und in den Müllbergen, kacken rum und hauen ab, sobald man in die Nähe kommt. Gänzlich unsympathisch, diese kleinen, fauchenden Miststücke. 

7) Die Versorgungslogistik und ihre Mitarbeiter 

Ja, ich weiß, die Gassen in der Altstadt sind verdammt klein, eng und verwinkelt. Und die tausenden Shops und Läden kann man schwer beliefern. Daher ist es nicht das Verkehrteste, dies mittels Laufburschen zu regeln, die die Waren mit Karren durch die Straßen fahren. Aber hey, Leute, ihr seht doch wie schmal die Gassen teilweise sind. Da muss man doch dann nicht mit diesen 1,5 Meter langen und ca. 60 cm breiten Karren wie von der Tarantel gestochen durch die Sträßchen brettern. Es gibt auch noch Leute, die ihre Achillessehnen weiterbenutzen möchten… 

8 ) Die Verkäufer 

Natürlich ist es klar, dass die Konkurrenz groß ist, und natürlich wollt auch ihr für euer Einkommen sorgen. Aber vielleicht sollte man mal überlegen ob es die richtige Taktik ist, jeden der irgendwie nicht heimisch aussieht direkt anzusprechen, anzupacken und versuchen förmlich ins Geschäft zu ziehen! Überlegt mal, wenn ich eines von diesen wunderbaren Holzfigürchen, eine Weihrauchkerze oder einen hübschen Wandteller mit Bibelsprüchen kaufen wollte – würde ich dann nicht rein in das Geschäft gehen und eben nicht daran vorbeigehen, selbst NACHDEM ich einen Blick reingeworfen habe?Abgesehen davon bin ich aber zumindest beeindruckt davon, dass ihr scheinbar in jedem Land der Erde einen Verwandten wohnen habt… 

9) Samstage 

Definitiv am schlimmsten von allem sind aber die Samstage. Samstage hier kotzen mich richtig an. Denn Samstag ist der Tag, an dem alle meinen sie müssten rein in die Altstadt und shoppen gehen. Kein Durchkommen in den Gässchen. Versucht mal in einer etwa 1,5m breiten Gasse an einer in etwa genauso breiten amerikanischen Touristin, Mitte 70, vorbeizukommen. Keine Chance, man sollte lieber froh sein, dass es überall nach irgendwas duftet (Gewürzladen) oder stinkt (Fleischerei), so dass man nicht von dem sympathischen Schweissgeruch der Dame überwältigt wird, da die Nase ohnehin schon den Dienst quittiert hat. Und hat man sich dann mal an einer breiteren Stelle an dem Fettberg vorbeigequetscht, dann lustwandelt vor einem natürlich ein christliches Lehrerehepaar ausch der Nähe von Stuttgart (Er, Mitte 60, Oberstudienrat, Religion, Pädagogik und Deutsch ; Sie, Ende 50, Allrounderin im Bereich Grundschule), die es beide perfektioniert haben wie aus dem Nichts abrupt und gleichzeitig vor einem Souvenirladen stehen zu bleiben. Ja, DAVOR, was bei den schmalen Gässchen und zu zweit einer Blockade gleichkommt, zumal sie immer noch Hand in Hand dort stehen. Aber im Grunde ist das ja eh nicht weiter schlimm, denn vier Meter weiter vorn ist ja einer der Punkte, an denen Jesus auf seinem Kreuzweg vorbei gekommen ist, und irgendwas relevantes (oder auch nicht relevantes) passiert ist. Und selbstverständlich versammeln sich an diesen Punkten bevorzugt christliche Reisegruppen in einer Stärke von ca. 40 bis 50 Leuten, die dann alle ganz verzückt und ergriffen eine verranzte Mauer anschauen. Ausserdem kommt natürlich immer exakt in diesen Momenten einer der Lieferanten vorbei, der eine Schubkarre voll beladen mit Säcken und Kisten hat, mit einem lauten „Heyyy!“ genau in die Meute reinbrettert.Hatte ich schon erwähnt wie eng diese Gassen sind?Bis sich dieser Knoten dann aufgelöst hat, hat sich dann auch das nette Lehrerehepaar aus Baden-Württemberg dazu entschieden, entweder IN das Geschäft zu gehen um irgendwelches Gereppel zu kaufen oder aber um weiterzugehen und dann zwei, drei Läden weiter denselben Ramsch mit vollster Konzentration zu beobachten.  

10) Mich 

Ja, ich hasse auch mich, denn trotz dieser ganzen Scheiße mag ich diese Stadt trotzdem irgendwie. Weiß der Geier wieso. Und deshalb find ich auch mich richtig Scheiße.

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Leider habe ich es nie geschafft, ein Fazit zu schreiben, was vorrangig an mangelnder Zeit scheiterte, aber es war jedenfalls, wie schon im Vorspann angedeutet, eine absolut prägende Zeit, die mich sicherlich auch persönlich sehr weitergebracht hat und meinen Horizont definitiv erweitert hat. Und, auch wenn’s nicht immer so scheint in den manchmal etwas polemisch geschriebenen Texten, ich konnte mir definitiv ein wenig Verständnis für andere Kulturen aneignen (sowohl Juden, Muslime als auch teilweise Armenen und sogar Christen…). Vor allem aber musste ich eben leider auch feststellen, dass Religionen immer leicht vorgeschoben werden, um damit höchst irdische Interessen durchsetzen zu können. Und das ist immer eine mehr als gefährliche Geschichte!

Vielleicht, aber nur ganz vielleicht, schaffen es die Menschen dort unten, sich ja irgendwann mal zusammenzureissen und sich darauf zu besinnen, dass Menschen letztlich doch sehr gleich sind – egal welche Hautfarbe sie haben oder welcher Religion sie angehören.
Leider wird das wohl auf lange Zeit Wunschdenken bleiben, wenn ich mir alleine schon so manchen Hassblog anschaue, die versuchen Menschengruppen pauschal nach einem oder zwei Merkmalen zu verurteilen…

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3 Antworten zu “Reise nach Jerusalem

  1. Pingback: Die Akte Jerusalem « Hirngabel

  2. Nicht schlecht, was da abläuft

  3. Matthias

    Mann, wie respektlos und negativ eingestellt muss man sein, um solch einen Bericht zu verfassen bzw. etwas tatsächlich so zu empfinden? Wer für andere Kulturen nicht aufgeschlossen ist, bleibt am besten zu Hause.

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