Simon says: Sing.

Zugegeben, sich über trashige Reality-TV-Formate aufzuregen und auszukotzen hat eigentlich sooo einen Bart und es gibt nun wirklich mehr als genug Medienblogger, die in schöner, vorhersehbarer Regelmäßigkeit die entsprechenden Beiträge veröffentlichen. Aber ist ja auch okay, lese ich ja selbst immer mal wieder ganz gerne.

Und dennoch widme ich heute einmal einen kurzen Beitrag dem Sängerwettstreit „Deutschland sucht den Superstar“, der vergangene Woche wieder auf RTL gestartet ist. Denn wie es der Zufall will, hat es sich ergeben, dass ich am Samstag erst die 20.15h-Folge von DSDS gesehen habe und am selben Abend auch noch die erste Episode der 9. Staffel von American Idol, der amerikanischen Variante des britischen Erfolgshits.

Dabei war der Unterschied dann eben derart frappierend, dass es mich doch schon etwas schockiert hat.

Bei DSDS stößt ja besonders vielen Kritikern immer wieder die bloßstellende Art und Weise auf, wie Menschen jenseits der Norm durch die Inszenierung der Lächerlichkeit Preis gegeben werden. Die Macher bei RTL reden sich dann gerne damit heraus, dass ja mittlerweile jeder wissen müsste, worauf er sich da einlässt und mit einer gewissen humoristischen Aufarbeitung rechnen muss.

Das entspricht natürlich durchaus ein bisschen der Wahrheit, da RTL in den letzten Jahren den Weg der Bloßstellung immer weiter beschritten hat. Und ebenso wahr ist, dass dies dennoch immer wieder Leute in Kauf nehmen, mehr oder weniger bewusst (nimmt man mal an, dass da nichts gestellt ist – was ich nur bedingt glauben mag, aber das ist mein Problem). Wahr ist zudem leider, leider auch, dass dies durchaus sein Publikum findet und selbst in meinem Freundeskreis wurde sich in diesem Jahr explizit zum Fremdschämen getroffen – weswegen ich eben am Samstag auch zugeschaut habe.

Teil dieser Wahrheit ist allerdings auch, dass es eigentlich auch beinahe ganz anders funktionieren kann. Das zumindest zeigt die amerikanische Variante American Idol, die vergangene Wochen mit beinahe 30 Mio. Zuschauern absolute Spitzenwerte erreicht hat. Bei einer Nettosendezeit von knapp 90 Minuten wurden gerade einmal drei eher freakige Kandidaten gezeigt (wenn ich mich nicht groß verzählt habe), was ich doch relativ erstaunlich fand. Gut, eine Kandidatin kam dabei direkt als Erste, aber das will ich mal vernachlässigen, denn der Schwerpunkt beim vorangegangenen Satz liegt auf dem Wörtchen „gezeigt“. Nicht verarscht, wie es bei DSDS der Fall ist.

Und das hat mich, neben dem großen Schwerpunkt auf den musikalischen Aspekten, vor allem erstaunt: Auch bei AI gibt es zwar private Interviews, in denen sich schräge Kandidaten selbst bloßstellen können, aber das wird dann auch tatsächlich meist der Wahrnehmung des Zuschauers selbst überlassen. Eher subtil wird zwar ein bisschen mit Musik gearbeitet (wie bei dem eher spirituellen Kandidaten, der mit Enigma – Return to Innocence unterlegt wurde – ein Song, den ich seitdem im Ohr stecken habe…), aber vor allem verzichtet man nahezu komplett -bis auf einen Adlerschrei beim Auftritt des Spiritualitätstypen- auf irgendwelche cartoonistischen Soundeinspielungen und komplett auf irgendwelche grafischen Unterstützungsmittel zur Lächerlichmachung der Kandidaten.

Das geht mir persönlich nämlich am meisten auf den Keks: Wenn sich Leute im Fernsehen lächerlich machen wollen, dann lasst sie es meinetwegen gerne tun, aber doch bitte nicht mithilfe primitiver Geräuscheinspielen und eingeblendeten Cartoongeruchswolken. Besonders bei diesem exzessiven Gebrauch durch RTL, wo beinahe bei jedem einzelnen Kandidaten irgendwas eingespielt wird, fühle ich mich in einer unangenehmen Weise genötigt, diesen oder jenen Kandidaten lächerlich zu finden.
Wieso muss ein Programm unbedingt auf den kleinstmöglichen Verstand potenzieller Zuschauer ausgerichtet sein? Traut RTL seinen Zuschauern nicht zu, dass sie ihre eigene Bewertung eines Auftritts vornehmen können? Ob sie einen Kandidaten wirklich lächerlich, lustig – oder eben vielleicht doch eher bemitleidenswert finden wollen, sollte doch eigentlich jeder selbst entscheiden können, oder nicht?

FOX, sonst ja doch gerne mal im Fokus der Kritiker, scheint dies zumindest seinen Zuschauern zuzutrauen, wodurch die ganze Show doch weit weniger Fremdschämfaktor hat und weit mehr einem echten Gesangswettstreit ähnelt. Klar, mit Sicherheit gibt es in einem Land mit einer fast viermal so großen Bevölkerung weit mehr gute Talente, mit denen man Sendezeit füllen kann und doch muss es eigentlich auch für RTL möglich sein, den Schwerpunkt auch bei den Castings auf das Musikalische zu legen.

Es gibt natürlich noch weitere Aspekte, die erwähnenswerte Unterschiede darstellen. Bei American Idol wird beispielsweise noch jede Folge ein Casting behandelt, während bei RTL mittlerweile lustig Ausschnitte aus den verschiedensten Orten zusammengeschnitten werden, um so vermutlich die vermeintlich optimale Mischung aus Freaks und Schicksalschlägen zu garantieren. Leider bedeutet dies gleichzeitig auch eine gewisse Beliebigkeit, die den Effekt nur verstärkt, dass den Machern der Gesangswettbewerb eigentlich egal ist.
Vielleicht ist das sogar aufrichtiger, denn auch bei American Idol geht es letztlich schließlich nur um Show, Quote und Kohle – aber Spaß macht mir das nicht mehr sonderlich.

Zu guter Letzt liegt sicherlich auch ein gewisser Unterschied in den beiden Jurys. Abgesehen davon, dass bei American Idol ein vierter, prominenter Gastjuror dem ganzen doch noch etwas mehr Glamour verleiht (wie dieses Mal Victoria Beckham), ist eben ein Dieter Bohlen auch kein Simon Cowell, der insgesamt eben einfach etwas eleganter, charmanter rüberkommt, als der Dieter, der eben doch vorwiegend eine Sprüchemaschine ist (wofür das Schimpfwort-Schweinderl nur ein weiteres Indiz ist).

Aber okay, es funktioniert beides in den entsprechenden Märkten durchaus hervorragend und mir muss es ja nicht gefallen. Dennoch wollte ich zumindest mal kurz mein Erstaunen über die extremen Unterschiede in beiden Fassungen niederschreiben.

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Eingeordnet unter Hast du Töne!?, Television Madness

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