Oral-Musik.

In meinem erweiterten Freundeskreis gibt es, schwer vereinfacht gesagt, zwei Gruppen an Musikvorlieben: Die Einen sind große Freunde von den Böhsen Onkelz, die anderen schwere Verehrer einer Kölner Combo namens Wise Guys. Überschneidungen gibt es nur sehr selten (also Leute, die für beide empfänglich sind) und bei unserem alljährlichen Trip nach Renesse wurden beide Bands schon mal gerne genutzt, um sich gegenseitig ein wenig auf den Senkel zu gehen. Und auch wenn beide Musikgruppen wohl unterschiedlicher kaum sein könnten, so haben sie dennoch eine wirklich große Gemeinsamkeit: Während sie in den Albumcharts regelmäßig große Erfolge feiern und ausverkaufte Hallen bei den Konzerten Standard sind, werden sie doch vom Radio, Musik-TV (so es denn mal existiert) und sonstigen Mainstream-Medien gerne mal weitestgehend ignoriert.

Dass ich selbst kein allzu großer Freund der Böhsen Onkelz bin, könnte sich der regelmäßige Leser vielleicht schon gedacht haben. Falls nicht, dann noch mal hier: Ich finde die Musik der Onkelz furchtbar. Selbst wenn man die diversen Gerüchte über eine gewisse „Rechtslastigkeit“ im „mind set“ der Musiker ausblendet, so bleibt am Ende doch immer noch eine Gruppe, die musikalisch sicherlich was drauf hat, aber einen unerträglichen Front“sänger“ mit einer grausligen Stimme ihr eigen nennt und zudem in der Mehrheit auch noch selten dämliche Texte vertonen, die vor allem auf ein „Uns findet jeder scheisse, aber das juckt uns doch nicht“ hinauslaufen.

Nein, bei uns im Freundeskreis zähle ich definitiv zu den Anhängern der Wise Guys und um die soll es in diesem Eintrag auch eigentlich gehen, schließlich stand gestern zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder ein Konzertbesuch bei diesem wirklich exzellenten Acapella-Quintetts aus Köln an. Wobei, Acapella machen sie nun nicht mehr, sondern Vokal-Pop (was immer noch dasselbe ist, nur ein zeitgemäßerer Name). Und aus Köln stammen sie offiziell nun leider auch nicht mehr so richtig, sondern aus Hürth bei Brühl in der Nähe von Köln.

Die Wise Guys sind: Eddi, Ferenc, Nils, Dän und Sari

Und noch eine weitere Änderung gab es in diesem Jahr: Denn nach 14 Jahren in unveränderter Besetzung entschied sich Clemens dazu, sich von nun an einem „richtigen“ Beruf zu widmen, so dass seit letztem Januar mit Tenor Nils Olfert frisches Blut den Sound der Wise Guys aufpeppt.

Doch trotz dieser verhältnismäßig vielen, mehr oder weniger gravierenden Veränderungen, war das gestrige Konzert in der Kölner Philharmonie doch im Grunde dasselbe, was ich aus vier Konzerten und von fünf Alben (die Wise Guys führen damit die Rangliste der Bands mit den von mir selbst gekauften Alben deutlich an vor -believe it or not- Wyclef Jean) kannte:

Exzellente Acapella-Musik, tolle Texte, überaus witzige und spitzfindige Zwischenmoderationen, ausgefeilte und nicht immer ganz ernst gemeinte Choreographien – kurzum: Rund zweieinhalb Stunden beste Unterhaltung!

Klar, Acapella-Musik (oder eben Vokal-Pop) ist für viele Menschen vermutlich erst einmal etwas befremdlich, da man mit dieser Stilrichtung doch sehr, sehr selten konfrontiert wird.
Ich würde sogar behaupten wollen, dass die letzten größeren Single-Charterfolge in Deutschland für reine Acapella-Musik schon locker 20 Jahre her sein dürften (Housemartins mit Caravan of Love und Flying Pickets mit Only You – oder fallen einem noch jüngere Beispiele ein?).

Nichtsdestotrotz haben sich die fünf Wise Guys in den vergangenen 14 Jahren eine zunehmend größere Fanbasis erspielt und sind mit den letzten drei Alben jeweils in den Top 10 der deutschen Albencharts eingestiegen, mit dem letzten Album „Frei!“ in 2008 sogar auf Platz 2. Zudem halten sie den Besucherrekord für Konzerte mit Eintritt einer einzelnen Vokalmusikgruppe (14.000 Besucher im Kölner Tanzbrunnen vergangenes Jahr – ein wirklich zu empfehendes alljährliches Event, dem ich schon zweimal beigewohnt habe!).

Auch gestern besuchten das „Heimspiel“ der Wise Guys wieder beinahe 2000 Menschen, die allem Anschein nach doch alle sehr begeistert waren – zumindest wurde, wie beinahe üblich trotz Bestuhlung bei einigen Songs wieder aufgestanden und mitgetanzt. Mitklatschen und Mitsingen ist sowieso Standard bei den Konzerten des Quintetts.

Im Vordergrund standen bei der Setlist an diesem Abend natürlich viele (teilweise noch potentielle) Songs für das kommende Album „Klassenfahrt“, das Ende Januar erscheinen wird, so dass für mich selbst einige Titel doch neu waren. Ein Favorit war mit Sicherheit „Schlechtes Karma“, der es hoffentlich auf jeden Fall auf das Album schaffen wird – wenngleich er zu einem nicht unbedeutenden Teil von der hervorragenden Choreo lebte. Aber auch „Moin“, „Im Flugzeug“ und „Der Mann, der alles zweimal machte“, sowie einige Balladen wie „Mit besten Grüßen“ wussten auf Anhieb (oder äh auf den zweiten Blick) absolut zu gefallen und steigern die Vorfreude auf die nächste Langspielplatte.
Ein weiterer Schwerpunkt war natürlich das aktuelle Album „Frei“ mit den Songs „Am Anfang“, „Es ist nicht immer leicht“, „Alles in die Luft“, „Sonnenschein“, „Seemann“ und natürlich den beiden aufwändig choreographierten „Quäl Dich Fit“ und der äh Michael Jackson-Hommage „Schiller“.
Dazu kam eine tolle Version von Robbie Williams „Angels“ und einige Quasi-Klassiker von älteren Alben wie „Radio“, „Hier und Jetzt“, „Wo der Pfeffer wächst“ oder auch die nahezu uralten, aber nach wie vor hervorragenden „Mädchen, lach doch mal“ und „Jetzt ist Sommer“.

Wie oben schon erwähnt, sind die Auftritte der Wise Guys, aber eben nicht nur das reine Runterspulen einer Setlist, sondern sie leben vor allem -neben den meist augenzwinkernden Choreographien- vor allem von den überaus unterhaltsamen Zwischenmoderationen, die meist von Dän Dickkopf oder Eddi Hüneke gehalten werden und gerne mal ein wenig kabarettistisch angehaucht sind und ab und an auch gerne das Publikum einbeziehen (wie in der obligatorischen Publikumsbefragung) und so eine sehr intime Atmosphäre bei ihren Konzerten kreieren. Was wohl auch eines der „Geheimnisse“ für ihren langanhaltenden und eigentlich im größer werdenden Erfolg ist.

Ihr merkt sicherlich meine Begeisterung für die Wise Guys und ich kann es nur wirklich jedem absolut ans Herz legen, mal ein Konzert des Quintetts besuchen. In den nächsten Wochen werden sie unter anderem in Hamburg, Siegen, Bayreuth, Kempten, Augsburg und Wien auftreten – also einfach mal auf die Webseite schauen und sich einen Ruck geben! Ich habe bisher noch niemanden erlebt, der einen Besuch bereut hätte (und ich habe schon einige „First timer“ mit dabei gehabt – auch heute wieder).

Um sich einen Eindruck zu verschaffen empfehle ich auf jeden Fall einen intensiveren Besuch auf der Homepage der fünf Jungs, wo sich u.a. alle Videos befinden – die ich aber leider hier nicht einbinden kann. Besonders empfehlenswert sind:
Sonnencremeküsse – einer meiner absoluten Lieblinge
Es ist nicht immer leicht – die letzte „Single“
Ohrwurm – ein absoluter äh Ohrwurm (dafür verbürge ich mich)

Der absolute Klassiker „Jetzt ist Sommer“ (von 2001) ist immerhin auch auf youtube zu finden und wird daher hier selbstverständlich eingebunden:

Um einen Einblick zu erhalten, wie denn so ein Live-Auftritt von den Wise Guys ausschaut, empfehle ich folgende Aufzeichnung eines Konzerts bei 3sat. Der Song ist eine… naja… Ballade namens „Nur für Dich“ – sicherlich einer der besten Texte, den sie je geschrieben haben.

Auch zum Abschluss einfach nur noch mal der Hinweis: Traut Euch, wagt Euch an Acapella-Musik heran – vor allem eben an die wunderbaren Wiseguys!

6 Kommentare

Eingeordnet unter Hast du Töne!?, Muss man wohl dabei gewesen sein...

6 Antworten zu “Oral-Musik.

  1. Wann

    Gibt es noch einen Hit-Sampler des Jahres 2008? Dürfte ja genügend Zeit zur Aufarbeitung gegeben haben?😉 Einige lecker Sachen sollten da ja auch dabei sein.

    Habe mich getraut. Die Wiseguys sind aber nicht so meins. Vielleicht hast Du ja mal Gelegenheit und hörst bei Entertainment For The Braindead rein. Kommt auch aus Köln und vertreibt ihre Musik unter CC-Lizenz.
    http://aaahh-records.net/entertainment-for-the-braindead-seven/

  2. Hallo Wann!
    Schön, mal wieder von Dir zu lesen.

    Einen Jahressampler 2008 wird es mit Sicherheit nicht mehr geben. Aber ich werde versuchen, über den Jahreswechsel vielleicht wieder für 2009 was zusammenzustellen. Versprechen kann ich natürlich nix. =)

    Schade, dass Dir die Wise Guys nicht zusagen. Ist vermutlich zu profan für Dich.😉 EFTB klingt sehr angenehm. Werde ich auf jeden Fall mal ein Auge drauf haben. Vielen Dank!

  3. Wann

    Ich würde mich vermutlich öfter melden, wenn es mehr Musikbezug geben würde. Seit wann werden denn die youtube-Links in den Kommentaren aufgelöst? Das zerschießt doch alles.

    Hast Du nicht Lust, die Serien auszugliedern, so wie Du das mit dem Fussball gemacht hast?

    Dieser Beitrag ist ja vermutlich nicht nur deshalb etwas untergegangen, weil die Thematik jetzt nicht soo interessant ist.

  4. Ach, faszinierend, Du hast tatsächlich einfach nur den Link darein gepackt und das hat sich selbst zum Video gemacht – das ist mir nun wirklich neu.
    Wobei es bei mir das Design jetzt nicht zerschießt, sondern sich eigentlich perfekt einfügt. Aber seltsam siehts schon aus.

    Deinen „Vorwurf“ bezüglich des Musikmangels kann ich leider nicht entkräften. Da hast Du nämlich absolut recht. Ich werde aber versuchen mich zu bessern – und mit meiner neuen Adventsserie findet das Thema zumindest im weitesten Sinne in den nächsten Wochen wieder regelmäßiger Beachtung hier.

    Eine Auslagerung des Serienanteils erscheint mir derzeit nicht so richtig schlüssig. Beim Fußball war das weit mehr der Fall – zumal es da auch eine Szene gibt, die sich sehr auf den Sportbereich konzentriert, so dass das nahelag (neben ein, zwei anderen Gründen).
    Die Auslagerung von Serien ergibt dagegen für mich wenig Sinn, da ja hier oben drüber steht „Reisen, Leben, Popkultur“ und Serien sind nun mal Popkultur, so dass es hier rein gehört. Mal ganz davon abgesehen, dass ohne die Serien ja kaum noch was hier drin stehen würde… =)

    Aber ich gelobe Besserung, was die Musikanteile angeht.

    PS: Ich glaube nicht, dass dieser Beitrag hier mehr Beachtung gefunden hätte, wenn ich die Serienanteile ausgelagert hätte. Höchstens dann wenn ich einen reinen Musikblog hätte – aber dazu fehlt es mir dann doch an Tiefe.
    -EDIT-
    Gerade sogar nochmal nachgeschaut: Die Zugriffe verhalten sich im absolut typischen Rahmen für dieses Blog (sowohl direkte als auch indirekte Zugriffe). Gerade auch im Vergleich zu den Serienbeiträgen.
    Die Frage ob Zugriff = Lesen ist, ist natürlich wie immer eine andere.

  5. Wann

    Du wirst doch nicht etwa diese Oral-Musik als Vorschlag beim Hörsturz einreichen?

  6. Früher oder später wird das mit granatenmäßiger Sicherheit der Fall sein.

    Wobei die Chancen ja bei einem Pool von jeweils über 30 Songs nicht unbedingt riesig sind. Nuja, immerhin ca. 15%.

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