Die Spätzlegabel – Bundesliga, ST 31: VfL Wolfsburg.

spatzlegabel4-1Die Schlüsselspiele, die über den Ausgang der Meisterschaft entscheiden:
32. Spieltag: Wolfsburg – Dortmund
34. Spieltag: Bayern – Stuttgart

Meister wird Berlin wegen des leichten Restprogramms.
Für Dortmund wird es „nur“ zu Platz 6 reichen.
Der VfB wird 3.-5.

Bundesliga, 31. Spieltag:
VfB Stuttgart – VfL Wolfsburg 4:1 (2:1)

Gestern war es nach rund einem Jahrzehnt mal wieder soweit: Ich verkleidete mich morgens als Fan und begab mich auf den knapp 300km langen Weg von Köln in die schwäbische Landeshauptstadt, um endlich mal wieder ein Heimspiel des VfB Stuttgart live im Gottlieb-Daimler-Stadion in der Mercedes-Benz-Arena mitzuerleben. Und ich glaube, wir haben uns das perfekte Spiel ausgesucht…

Es fing nämlich direkt ganz gut an (wenn man mal die kleineren Beeinträchtigungen durch die rechten und linken Deppen in Köln beiseite lässt): Mit strahlendem Sonnenschein und beeindruckend warmen Temperaturen im Stuttgarter Talkessel, einem (zu) kurzen Treffen mit Bloggerkollege heinzkamke – und natürlich dem großartigen Führungstreffer nach 28 Sekunden:
Überlegt gespielter Freistoß von Hitzlsperger auf Cacau, der legt fein nach Aussen auf Hilbert, der seine beste Aktion des Spiels schon rund 20 Sekunden nach dem Anpfiff zeigt und den Ball perfekt getimt an zwei Wolfsburgern vorbei auf Träsch legt, der wiederum die präzise Flanke genau dahin schlägt, wo sich Mario Gomez unvergleichlich hochschraubt und den Ball unhaltbar ins lange, obere Toreck einnetzt – ein Wahnsinnstor und natürlich der perfekte Auftakt, der damit sogleich das grundsätzlich eher schwierige Stadion gut in Wallung brachte.

Zumal der VfB in den folgenden Minuten weiter nachlegte und sich einige weitere, teils exzellente Chancen erarbeitete (diese dann aber auch leider jeweils vergab), während auf Seiten der Wolfsburger kaum etwas zusammenlief. Zur Beruhigung meiner Nerven gab es dann in der 20. Minute erneut einen Torerfolg zu bejubeln, der erneut exzellent herausgespielt worden war: Erneut spielt Hitzlsperger auf Cacau (diesmal aber mit einem wunderschönen, perfekten Pass in die Gasse), der dieses Mal allerdings nicht den Umweg über Hilbert und Träsch wählt, sondern Gomez direkt bediente, der dieses Mal nur noch einzuschieben brauchte.

In der Folgezeit schien man beim VfB den hohen Temperaturen etwas Tribut zu zollen und schaltete ein, zwei Gänge zurück, wodurch die Wolfsburger in der Schlussviertelstunde wieder etwas an Selbstsicherheit zurückgewinnen zu schienen und endlich einmal halbwegs konzentrierte Angriffe nach vorne brachten – wenngleich auch in der 35. Minute ein Freistoß, ein Torwartfehler und schlechtes Stellungsspiel in der Stuttgarter Abwehr herhalten mussten, um den Anschlusstreffer zu ermöglichen. Im Anschluss daran bekamen die Niedersachsen, trotz der verletzungsbedingten Ausfälle von Misimovic und Riether, dann wieder etwas Aufwind und hatten einige Möglichkeiten, zum Ausgleich zu kommen. Immerhin setzte auch der VfB durch den obligatorischen Distanzschuss von Hitzlsperger nochmal ein Zeichen.

Blöderweise ging es aber auch nach der Pause erst einmal vorwiegend in Richtung des VfB-Gehäuse, so dass mir zeitweise etwas mulmig wurde, vor allem bei der Riesenchance für Zaccardo. Doch dann kam in der 63. Minute die Erlösung und die Entscheidung des Spiels: Der insgesamt ziemlich blasse Khedira spielt den perfekten Pass auf Gomez, der sich geschickt vom überraschten Simunek löst, und den Ball perfekt an Benaglio vorbei abschließt. Alles danach war dann eher Formsache: Lanig zeigt nochmal ein wenig seiner Qualitäten und bedient seinerseits nochmal präzise seinen Kollegen Gomez, der mit dem zweiten Kopfballtreffer heute sein viertes Tor des Spiels, das 23. Bundesligator und das 34. Tor im 48. Pflichtspiel der Saison erzielte (zu denen übrigens noch insgesamt 10 Assists kommen). Anschließend durfte sich Gomez die verdienten Standing Ovations bei seiner Auswechslung abholen, Marica durfte nochmal zwei große Chancen vergeben (damit die Bayern nicht jetzt schon vor Wolfsburg stehen) und die Zuschauer sich und die Mannschaft mittels zahlreicher La Ola-Wellen feiern. Großartig!

Nun stellt sich aber die Frage: Wie konnte das überhaupt passieren?

Denn ehrlich gesagt, war ich vom Defensivverhalten des VfB über weite Strecken mindestens ebenso schockiert, wie von der Tatsache, dass die sonst so unglaublich starke Offensive aber auch so gar kein Kapital daraus schagen konnte. Klar, so ein frühes Gegentor und der Ausfall eines Schlüsselspielers wie Misimovic verunsichern – aber dennoch hätte Wolfsburg wesentlich mehr aus den Räumen machen müssen, die Stuttgart ihnen gegeben haben. Vor allem auf der linken Stuttgarter Seite mit Magnin und Gebhart (bzw. später dann Lanig in HZ2) klafften Lücken so gigantisch groß wie der Unterschied zwischen Anspruchsdenken und Realität in Schalke… Wie oft hier grüngewandete Spieler in Überzahl und/oder völlig unbedrängt am Ball waren, trieb mich mehrmals beinahe an den Rand der Verzweiflung.

Und auch im Raum zwischen Mittellinie und eigenem Strafraum war das oft sehr ähnlich. Wolfsburger Spieler konnten sich zu häufig, zu unbedrängt für meinen Geschmack den Ball zuspielen oder führen – blieben dann aber doch immer wieder erstaunlich einfalls- und ratlos. Diese Situationen machten mich während des Spiels wahnsinnig – aber in der Nachbetrachtung kam mir dann ein anderer Gedanke: Das könnte die von Babbel/Widmayer verordnete Taktik gewesen sein.

Denn in Anbetracht der Tatsache, dass wir heute unsere B-Innenverteidigung auf dem Platz hatten mit Boulahrouz und dem jungen Niedermeier, halte ich es durchaus für möglich, dass unser Trainerduo der Defensivabteilung eine Art „Boxplay“, ähnlich wie beim Eishockey verordnet hatte: Die Aussenverteidiger sollten möglichst weit innen stehen, ebenso wie die beiden defensiven Mittelfeldspieler Hitzlsperger und Khedira sehr weit zurückgezogen agierten. Dies hatte dann zur Folge, dass bei den Angriffen der Wolfsburger immer mindestens 6 Stuttgarter Spieler direkt im oder am Strafraum standen, wodurch die Wunderstürmer Dzeko und Grafite so gut wie kaum Platz zur Entfaltung bekamen sondern immer mit mindestens zwei Stuttgartern zu tun hatten. Das hätte mit etwas mehr Pech schief gehen können, vor allem in den Situationen wo dann ein Wolfsburger mal von aussen in den Strafraum zog, aber dieses Mal hatten wir, wie bei Zaccardos Chance in HZ2 oder bei Dzekos Querschuss und Grafites anschließendem missglückten Kopfball auch das nötige Glück, das man manchmal einfach braucht.

Hinzu kam dann natürlich auch, dass Khalid Boulahrouz gestern einen absoluten Sahnetag erwischt hatte und vor allem in Halbzeit zwei zeitweise im Minutentakt gefährliche Situationen entschärfte und dabei absolut souverän agierte und seinem jungen Nebenmann Niedermeier so die nötige Ruhe vermittelte. Hätte Gomez an diesem Tag nicht ausgerechnet gleich 4 Tore erzielt, dann wäre „der Kannibale“ sicherlich der heisseste Anwärter auf den Titel „Spieler des Spiels“ gewesen. Sehr gut gefallen hat mir ebenfalls Christian Träsch, der auf seiner Seite hervorragend aufzeigte wie man zwar recht weit innen stehen, dennoch aber die gegnerischen Angriffe (meistens) wirkungsvoll entschärfen kann.

Das Prunkstück des VfB-Teams ist allerdings sicherlich die Offensive – und damit meine ich ausdrücklich das ganze Team und nicht ausschließlich unseren Chancentod. Denn wenn man sieht wie großartig unsere Stürmer oftmals von Mittelfeld und Aussenverteidigern eingesetzt werden, dann ist das oftmals schon wirklich zum mit der Zunge schnalzen. Und wenn Gomez einen Tag wie heute hat, dann gehen eben auch mal vier Dinger statt nur einem oder zwei rein. Wie hoch einzuschätzen auch seine „einfachen“ Tore sind (also das 2:0 und das 4:1), zeigten dann gegen Ende sowohl Marica als auch vorher Zaccardo (der allerdings auch Abwehrspieler ist, was man da sicherlich erwähnen sollte). Manchmal läufts halt eben und manchmal eben nicht.

Jetzt kommt man dann natürlich automatisch zur Bewertung, was dieser Sieg überhaupt bedeutet. Und ehrlicherweise muss man sagen, dass es nicht mehr war als ein ganz dringend benötigter Sieg, um weiterhin eine Rolle im Kampf um die internationalen Plätze zu spielen, da -abgesehen von den Wolfsburgern, die aber noch zwei Punkte vor sind- die komplette Konkurrenz ebenfalls dreifach punkten konnte (ein Sieg der Hamburger heute gegen semimotivierte Bremer mal vorausgesetzt). Dementsprechend hat sich an unserer Ausgangssituation letztlich nicht viel geändert, da es aufgrund des Punktverlusts in Bielefeld weiter nur 3 Punkte Vorsprung auf Platz 6 sind.

Geändert hat sich aber natürlich die Lage vor uns, durch den Sieg gegen den Noch-Tabellenführer sind es nämlich plötzlich nur noch 2 Zähler Rückstand, wodurch sich meine Prophezeiung nach dem Spiel gegen Bochum quasi erfüllt hat. Denn die fünf Spiele danach waren ja bekanntermaßen die ganz fiese Phase der Hinrunde, wo wir magere zwei Pünktchen holten und an deren Ende die Demission Vehs stand, nachdem man in Wolfsburg niedergemetzelt worden war. Dieses Mal gelang es uns allerdings aus den gleichen Begegnungen satte 11 Punkte mehr zu holen – und dementsprechend hätten wir nun sogar die Möglichkeit tatsächlich wieder ins Rennen, um die Meisterschaft einzugreifen.

Daran glaube ich allerdings trotz des großartigen Siegs gegen Wolfsburg nicht wirklich – denn wir haben es eben nicht mehr in unserer eigenen Hand. Klar, Schalke ist kein einfacher Gegner, aber er muss geschlagen werden, wenn wir weiterhin im Rennen ums internationale Geschäft eine gute Position haben wollen, schließlich ist ein gleichzeitiger Sieg von Dortmund in Wolfsburg keine absolute Unmöglichkeit. Gleiches gilt für das Spiel gegen Cottbus, wo wir ebenfalls drei Punkte einfahren müssen! Nichts gegen Cottbus, aber das muss der Anspruch sein und das ist vor allem absolut notwendig, um sich die Gegner auf Distanz halten zu können bzw. um eben selbst dran zu bleiben.

Wenn es so laufen sollte, wie ich vermute, dann würde es vor dem letzten Spieltag zu der absurden Situation kommen, dass eine Mannschaft mit 65 Punkten vor gleich vier punktgleichen Teams mit jeweils 64 Zählern führen würde. Dabei hätten leider die Bayern das bessere Torverhältnis als der VfB, so dass es auf jeden Fall ein Sieg sein muss im letzten Spiel, um diese hinter uns zu lassen. Ob es dazu reichen wird? Keine Ahnung, aber wenn man der Statistik trauen kann, dann werden wir auf jeden Fall mindestens ein Remis holen.
Denn: Egal wie die beiden Spiele gegen Cottbus und Schalke laufen, wir werden zu diesem Zeitpunkt gegen alle Gegner der Liga mindestens zwei Punkte geholt haben! (Klammert man Bielefeld und Hoffenheim aus, dann sind es gegen jeden Gegner sogar mindestens drei Punkte…) Nimmt man also das Unentschieden im Hinspiel, dann fehlt uns auch gegen die Bayern nur noch ein Zähler, um diese Quote zu halten…

Aber selbst wenn wir das Spiel gewinnen sollten, sind eben auch noch Wolfsburg und vor allem Berlin vor uns. Während für Wolfsburg die Entscheidung wohl im Spiel gegen Dortmund fallen wird, haben die Berliner das wohl leichteste Restprogramm: Erst bei den Kölnern (für die es um gar nix mehr geht), dann zu Hause gegen Schalke (für die es dann auch um nix mehr geht) und zum Schluss in Karlsruhe, die dann auch schon abgestiegen sein werden – 9 Punkte sind bei diesem Programm eigentlich Pflicht. Für die Bayern wird eben das Duell gegen Stuttgart mit entscheidend sein – wobei man vielleicht noch das Spiel in Hoffenheim am vorletzten Spieltag beachten sollte, das auch verlieren gehen kann.

Und dann wäre da natürlich auch noch der HSV, der (ein Sieg gegen Bremen vorausgesetzt) ein ähnlich leichtes Restprogramm wie Berlin hat, mit Bochum, Köln und Frankfurt.

Egal wie man es dreht oder wendet, es kann und wird vermutlich eines dramatischsten Saisonfinals aller Zeit werden.

Und das Blöde ist: Ich werde so gut wie nichts davon mitbekommen. Denn am Dienstag werde ich zu der Zeit, wo gerade gespielt wird, im Flugzeug sitzen. Am Mittwoch bin ich in Key Largo unterwegs, am vorletzten Spieltag muss ich auch Auto fahren von Key West nach Miami und während der letzte Spieltag stattfindet bin ich vermutlich gerade irgendwo vor Islamorada Tauchen. Sehr ärgerlich aus Fußballfan-Sicht…

4 Kommentare

Eingeordnet unter Ballgefühl

4 Antworten zu “Die Spätzlegabel – Bundesliga, ST 31: VfL Wolfsburg.

  1. Du bist ja ein armer Kerl, aus Fußballfan-Sicht…

    Ansonsten bedaure ich ebenfalls die Kürze unseres Treffens, halte die Hertha ebenfalls für einen sehr heißen Tipp (den heißesten neben -immer noch- Wolfsburg), und habe die leise Hoffnung, dass der HSV durchgereicht werden könnte.

    Genau wie Du glaube ich, dass man sich zu Beginn der zweiten Halbzeit bewusst ein wenig eingeigelt hat, bin aber froh, dass das keine 45 Minuten Bestand haben musste. Der Chancentod hat das ja geregelt.

  2. Meine Fresse, hast du viel geschrieben.

    Und mein Mitleid, für den Florida-Urlaub inklusive Tauchen.😉

  3. @Flo
    „Meine Fresse, hast du viel geschrieben.“

    lol
    Das ausgerechnet aus Deinem Mund zu hören. =)
    Aber es ist ja quasi mein vorgezogener Saisonabschlussbericht und ja zudem eben (im Gegensatz zu sonst meistens) auch basierend auf einem Stadionbesuch.

    Leider ist das ja kein Urlaub, den ich vor mir habe, sondern eine Geschäftsreise. Und selbst das Tauchen muss ich gerade aus beruflichen Gründen lernen. (Deswegen wurde hier jüngst auch so gut wie nix gebloggt: Tagsüber arbeiten, abends Tauchtheorie büffeln)

    @heinz
    Jup, das mit dem Bierholen hat dann doch wesentlich länger gedauert als ich gehofft hatte. =)
    Aber nachdem ich jetzt feststellen durfte, wie schnell man tatsächlich von Köln in Stuttgart sein kann mit der Bahn, werde ich nächste Saison auf jeden Fall versuchen, wieder ein, zwei Heimspiele zu sehen.

    Der Hoffnung bzgl. des HSV kann ich mich nur anschließen. Schauen wir mal. [Ha, kaum geschrieben, trifft Almeida zur Führung!]
    Für Wolfsburg wird es einfach sehr entscheidend, wie das Spiel gegen Dortmund ausgehen wird, die derzeit nun wirklich einen richtig guten Lauf haben.
    Klar scheint auf jeden Fall, dass man die Meisterschaft dieses Jahr eigentlich nur holen kann, wenn man die letzten drei Spiele gewinnen wird.

    Auch wenn das Einigeln Plan war, so müssen wir links hinten auf jeden Fall etwas tun. Mit Magnin und Boka kann das im nächsten Jahr nicht weiter gut gehen, und vor allem international nicht reichen.

  4. Okay, der Sonntag lief heute mal perfekt!

    Schalke ist damit endgültig raus aus dem Rennen um die Europa League und HSV & Dortmund sind jetzt hoffentlich erst einmal miteinander beschäftigt. Bzw. für Hamburg könnte die Woche jetzt endgültig der mentale Genickbruch sein.

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