Der Junge mit dem Anzug.

In der vorletzten Woche herrschte, wie der aufmerksame Besucher sicherlich gemerkt hat, Funkstille in diesem Blog, was damit zusammenhing, dass ich diese in Berlin verbrachte. Allerdings nicht um den anstehenden Gegner des VfB zu scouten (war ja auch gar nicht notwendig…), sondern weil es jedes Jahr im März in Berlin zum „Gipfeltreffen“ der Tourismusindustrie kommt: Die Internationale Touristik Börse – kurz ITB genannt.

Für uns als Agentur aus Deutschland bedeutet das alljährlich maximalen Stress, da beinahe alle Kunden aus den USA mit großen Delegationen anrollen und natürlich betreut, gepampert und bespaßt werden wollen. Und auch der Business-Aspekt darf natürlich keineswegs zu kurz kommen.

Immerhin, dadurch dass im letzten Jahr unser größter Kunde leider wegfiel, bestand die von uns zu betreuende Delegation diesmal insgesamt „nur“ aus ca. 20 Personen. Für mich allerdings war die diesjährige ITB schon etwas besonderes, da ich im Gegensatz zu den vergangenen ITBs erstmals eigene „Account“-Verantwortung hatte – was bedeutete, dass ich erstmals komplett für zwei Teile der Delegation verantwortlich war, und für einen der beiden Kunden auch die Tagesbetreuung vornehmen durfte (was insgesamt 8 Amerikaner umfasste).

Wie muss man sich eine solche Messe nun vorstellen?

Also, vor allem die Fachbesuchertage kann man wohl irgendwie -und da bitte ich, so ich sie habe, meine muslimischen Leser ein wenig um Nachsicht- mit dem Ramadan vergleichen.

Denn zumindest mir ging es von Mittwoch bis im Grunde Samstag Mittag so, dass ich den Tag über kaum zum Trinken, geschweige Essen kam, weil ich vom Öffnen der Türen bis zum Feierabend, fast ständig Termine mit Reiseveranstaltern, Messeorganisatoren, Hotelvermarktern, Reisejournalisten oder Anzeigenverkäufern hatte. Aber nach Sonnenuntergang dann -also quasi nach Messeende- stand dann meist das große, oft hemmungslose Schlemmen und Bauchvollhauen an. Gut, hier beginnt dann auch schon die Analogie zum Ramadan an zu holpern – schließlich spielen bei den Abendveranstaltungen auch alkoholhaltige Erfrischungsgetränke eine nicht unerhebliche Rolle…

Die anschließenden Konsumertage (also Samstag/Sonntag, wo die Messe auch für die Allgemeinheit offen ist)  sind dann einen ganzen Schlag weniger stressbehaftet – allerdings nicht weniger anstrengend, da man zum einen auch hier von morgens bis abends labern und labern und labern muss und zum anderen natürlich ein gewisser Substanzverlust bemerkbar wird – schließlich ist man keine Nacht vor 2 Uhr im Bett (Samstag nacht bzw. Sonntag morgen sogar erst um 5h…) und muss auch während dieser Tage (und Nächte) weiterhin Freundlichkeit und gute Laune verbreiten, um den interessierten Besuchern aber auch weiterhin der Delegation ein gutes Gefühl zu geben.

Und das ist es letztlich was eigentlich das über allem schwebende Credo, gerade in der Touristikbranche ist: Good Vibrations – für die man als Repräsentant und Quasi-Delegationsleiter an ca. 17 Stunden pro Tag  sorgen darf.

Zumindest in diesem Jahr wurde einem das aber tagsüber schon mal verhältnismäßig leicht gemacht, denn trotz des Damoklesschwerts der Weltwirtschaftskrise, waren die Zahlen, die deutsche Reiseveranstalter für Reisen in die USA und auch speziell in die von uns vertretenen Regionen mitzuteilen hatten, ausnahmslos positiv. Alle konnten mindestens das exzellente Niveau des Vorjahres halten, viele auch ausbauen, und einige sogar mit zweistelligen Wachstumszahlen! „Wirtschaftskrise my ass“ ist man da beinahe versucht zu sagen – auch wenn eine leichte Verunsicherung dennoch allerorten zu verspüren war.
Wenn ich ehrlich bin, möchte ich diese aber vor allem der Berichterstattung in den Medien zuschreiben, die doch beinahe ausnahmslos negativ ist und für positive Meldungen wie diese keinen Raum bietet.

Aber so ist es halt und daher muss man dann halt eben einfach schauen, wie es laufen wird und erstmal einfach nach bestem Gewissen weiterarbeiten und wenn möglich schon mal prophylaktisch dafür sorgen, dass man weiterhin die Regionen promotet, für die man verantwortlich ist. Dementsprechend war dann auch Hauptbestandteil der meisten Termine, Möglichkeiten zu erruieren, was man machen kann, um dem befürchteten/möglichen/eventuellen Einbruch im Spätsommer/Herbst entgegen zu wirken.

Für mich persönlich war diese ITB jedenfalls trotz des großen Stresses, die die Verantwortung mit sich bringt, und trotz der doch recht hohen Belastung bei verdammt wenig Schlaf, eine ziemlich gelungene und auch durchaus spaßige Veranstaltung. Interessant war es ohnehin – und auch ein wenig seltsam.

Denn wenn ich mich in ruhigeren Momenten mal selbst reflektiere, wie ich da in den Terminen sitze und mit den oftmals alten Touristik-Hasen über Budgets verhandele, dann fühlt es sich doch irgendwie komisch an. Schließlich bin ich doch eher der légère Typ und Schul- und Unizeit nicht allzu weit in der Vergangenheit liegen.

Oder um mich selbst zu zitieren, als ich auf den Kommentar eines Kunden reagierte, dass ich aussähe wie ein Gentleman:

„Thanks, but I feel like a boy in a suit.“

Und damit soll es in Sachen Selbsttherapie auch erst einmal reichen. Schließlich war es wie gesagt eine insgesamt coole Zeit, in der Berlin als Stadt zum ersten Mal nicht genervt hat und die mir auch einige interessante Erfahrungen beschert hat (so war ich erstmals in meinem Leben ein echter „Wingman“…)

6 Kommentare

Eingeordnet unter Work & Travel

6 Antworten zu “Der Junge mit dem Anzug.

  1. fast hätte ich’s vergessen:
    gefällt mir gut, Dein Zitat („..boy in a suit“).

    Ist das was Literarisches?
    Ist es peinlich, diese Frage überhaupt zu stellen?

  2. Tatsächlich entstammt das meinen eigenen Gehirnwindungen. Ab und an habe ich mal einen lichteren Moment (Huhn und Korn und so). =)

    Von daher nicht peinlich.

    Es sei denn, es gibt dieses Zitat tatsächlich irgendwo und es kam mir dann nur einfach in den Sinn.

    Jedenfalls entsprach das sehr meinem Gefühl in der Situation (und auch in vielen vergleichbaren, wo ich mir immer wieder denke, dass ich doch eigentlich gar nicht so seriös sein kann).

    Bin mal gespannt wann dieses Gefühl aufhören wird – oder ob das überhaupt jemals der Fall sein wird. =)

  3. @hirngabel:
    mit dieser Frage wirst Du Dich wohl dereinst in Deinen Memoiren befassen müssen – und selbst dann ist es vielleicht noch zu früh…

  4. Naja, meine Memoiren werden ja vermutlich nur ein lieblos getackertes Print-Out von 50 Jahre Bloggen sein.

    Obwohl, vielleicht gönn ich mir dann auch eine Ring-Bindung… =)

  5. „50 Jahre Bloggen“?

    Ähnliche Phantasien hatten die Leute vermutlich auch in den Frühphasen des VHS-Recorders oder der CD.

    Ob „Bloggen“ in 48 Jahren (oder wie lange bloggst Du schon…?) noch irgendjemand versteht, wird sich erst noch zeigen müssen… aber Ringbindungen gibt’s auch dann bestimmt noch😉

    [dabei will ich gar keine Grundsatzdiskussion über Sinn, Unsinn und Nachhaltigkeit des Bloggens vom Zaun brechen]

  6. Ja gut, vermutlich ist der ganze Bloggerladen in zwei, drei Jahren schon in Twitter übergegangen und damit hat sich die Sache erstmal erledigt, bevor Twitter wiederum von Google aufgekauft werden wird und was ganz anderes draus machen. Und dann kommt irgendwann der dritte Weltkrieg und wir werden ab dann ohnehin von atomar verseuchten Riesenpinguinen beherrscht.

    Aber gut, vielleicht kommt es eben auch anders und das Bloggen bleibt weiterhin tatsächlich ein treuer Begleiter.

    Who knows das schon? =)

    Achja, die CD wird übrigens nie aussterben!

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