Die Spätzlegabel: Hertha BSC Berlin – Das Interview.

Immer noch steht die Hertha aus Berlin auf dem ersten Rang der Bundesliga. Ungewohnt weil doch bisher äusserst selten vorgekommen. Und da nun am morgigen Samstag für Stuttgart das Duell mit Tabellenführer ansteht, bot sich erfreulicherweise die Gelegenheit, mit Enno Aljets vom Blog „Welt Hertha Linke“ ein Doppel-Interview zu führen. Während er mir hier versucht zu erklären, welche Erwartungen man in Berlin an die eigene Mannschaft hat, versuche ich ihm im anderen Teil des Interviews die schwäbische Gefühlslage nahezubringen.

Hirngabel: Hallo Enno, die vergangene Woche durfte ich in Berlin verbringen und am Wochenende dann auch hautnah die Begeisterung der Hertha-Fans nach dem Spiel miterleben.  Nach dem Sieg der Leverkusener war die Stimmung rund ums Stadion schon äußerst gelöst – glaubst Du, dass sich in der Hauptstadt durch die recht souveräne Tabellenführung nun auch insgesamt Euphorie verbreiten wird und sich eventuell sogar nachhaltig etwas am Zuschauerzuspruch ändern wird? Leider blieben ja am Samstag, obwohl der Gegner immerhin Leverkusen hieß, erneut über 15.000 Sitzplätze frei.

Enno: Oh, da bin ich ziemlich neidisch. Ich hänge ja derzeit hier in Bielefeld mit Prüfungsvorbereitung und Arbeit fest und werde es wohl nicht mehr schaffen, ein Heimspiel zu besuchen. Im Olympiastadion blieben bisher ja fast immer ein paar Plätze leer. Bei solch einer riesigen Schüssel ist das auch wenig verwunderlich, obwohl ich es auf der anderen Seite ebenso beachtlich finde, dass fast 60.000 Zuschauer im Stadion waren. Nimmt man einmal die absolute Zahl, kann sich das doch sehen lassen. Nachhaltig positiv werden sich die Zuschauerzahlen allerdings nur dann entwickeln, wenn auch der Erfolg ein konstanter Begleiter bleibt. Insofern bin ich vorsichtig optimistisch.

Hirngabel: Da gebe ich Dir natürlich auch recht, die absolute Zahl kann sich schon sehen lassen, auch wenn sie sicherlich im Vergleich der Liga schon ein wenig hinterherhinkt. Aber wie Du schon sagst, ein konstanter Erfolg könnte sich sicherlich nachhaltig positiv auf den Zuschauerzuspruch auswirken. Siehst Du denn ausreichend Potential im Kader und im Verein insgesamt, um sich wirklich nachhaltig im Spitzenbereich zu etablieren? Und wenn ja, auf welchem Level siehst Du die Hertha in der nahen Zukunft?

Enno: Eine schwer zu beantwortende Frage. Schaut man sich einmal die Finanzen an, dann hat Hertha eigentlich überhaupt keine Chance, diesen Erfolg konstant zu halten. Der Personaletat soll kommendes Jahr sogar gesenkt werden, von 31 auf 28 Millionen. Das ist im Vergleich zu Wolfsburg, Dortmund, Schalke, Bremen, Hamburg ein Witz. Aus dieser Perspektive gesehen, gibt es keinen Grund sich für die Zukunft Hoffnungen zu machen. Allerdings hat Hertha den aktuellen Erfolg mit einem ebenso kleinen Etat realisiert. Das spricht für die sportliche Entwicklung der Mannschaft und vor allem für die unglaublich gute Arbeit von Lucien Favre. Vor diesem Hintergrund kann man sich als Fan zwar Wünschen, dass Hertha auch in Zukunft um die Meisterschaft spielt, realistisch kann man jedoch nur erwarten, dass es weiterhin um das internationale Geschäft geht.

Hirngabel: Natürlich kommt es letzten Endes immer auf das liebe Geld an und da hinkt die Hertha, vermutlich mehr noch als der VfB der Bundesligaspitze hinterher. Auch deswegen -wenngleich nicht NUR aus diesem Grund- bin ich persönlich ja auch der Meinung, dass Hertha wegen mangelnder Substanz mit der Meisterschaftsvergabe am Ende nichts zu tun haben wird. Was spricht für Dich gegen meine (bei vier Punkten Vorsprung vielleicht provokante) These, dass Berlin aufgrund des harten Restprogramms heftigen Schiffbruch erleiden wird und am Ende wenn überhaupt mit Hoffenheim, Hamburg und vielleicht Stuttgart/Leverkusen um den UEFA-Cup kicken wird?

Enno: Dagegen spricht eindeutig die sportliche und spielerische Konstanz, die Hertha seit Wochen zeigt. Es gibt keinen Grund, mit dem man annehmen könnte, dass Hertha nun einbricht. Verletzte gab es die ganze Saison über schon und konnten immer kompensiert werden, bisher ist niemand in der Mannschaft und dem Management abgehoben und größenwahnsinnig geworden und um das größte Plus zu nennen: Hertha ist eingespielt, hat ein Spielsystem verinnerlicht und ist daher nur ganz schwer zu schlagen. Ob es tatsächlich für die Meisterschaft reicht, kann man natürlich nicht wissen. So wie man es bei keiner Mannschaft „wissen“ kann, wenn sie nicht FC Bayern heißt. Aber für die ersten drei Plätze sollte es auf jeden Fall reichen. Und das wäre ein phänomenaler Erfolg für Hertha BSC.

Hirngabel: Hertha tritt wirklich sehr konstant in dieser Saison auf – das muss man euch definitiv lassen. Auch wenn ihr nicht gerade einen Schönheitspreis damit gewinnt. (Was bitte nicht als Kritik zu verstehen ist). Glaubst Du, dass Favre im nächsten Schritt versuchen wird, dem Spiel noch etwas mehr Glanz zu verpassen oder gibt das der Kader nicht her? Ich persönlich freue mich ja über die Rückkehr von Kacar, der für mich einer der besten Spieler der Hertha ist und dennoch am Aufschwung wenig teil hatte durch seine Verletzung.

Enno: Kacar ist ziemlich unangefochten mein Lieblingsspieler im Team. Ich mag seinen Spielstil und sein Auftreten auf und neben dem Platz. Als zentraler Mittelfeldspieler kommt ihm in Favres Spielsystem eine tragende Rolle zu. Mit seinen jungen Jahren weiß er diese Rolle schon sehr gut auszufüllen und es ist anzunehmen, dass sich das Spiel von ihm und auch von seinem Nebenmann Cicero noch deutlich steigern wird. Diese Entwicklung einmal vorausgesetzt, wird auch das gesamte Spiel von Hertha unter der Anleitung von Lucien Favre deutlich mehr Glanz entwickeln. Das gute an dem Kader ist ja, dass die Verbesserung nicht durch Zukäufe realisiert werden muss, sondern indem Favre das Potential der einzelnen Spieler ausschöpft. Daher würde ich es begrüßen, wenn der Verein der Linie, junge und entwicklungsfähige Spieler zu verpflichten, auch dann noch folgt, wenn durch die Champions-League mehr Geld zur Verfügung steht. Bei Hertha weiß man das allerdings nie so genau, durften wir in den letzten Jahren schon einige kurzfristige Moden erleben. Aber solange Favre in sportlichen Dingen das Sagen hat, wird dieser Kurs wohl fortgesetzt. Dann wird es vielleicht auch mal etwas mit dem Schönheitspreis…

Hirngabel: Dann will ich mal hoffen, dass Kacar noch nicht am kommenden Samstag wieder zu alter Stärke im Hertha-Mittelfeld aufläuft. Glaubst Du denn daran, dass Hertha auch am Sonntag noch vor dem VfB in der Rückrundentabelle platziert sein wird oder welche Erwartungen hast Du an die Begegnung nach dem glücklichen Sieg im Hinspiel?

Enno: Ich bin mir sicher, dass Hertha nicht verlieren wird. Daher wird Hertha auch in der Rückrundentabelle vor dem VfB bleiben. Es ist ja damit zu rechnen, dass Gomez seine Bude macht und dann stellt sich halt die Frage, ob Hertha es schafft, zwei Tore zu schießen. Einen Treffer wird Voronin erzielen, das ist ja klar. Ob Kacar, Dardai oder Nicu den zweiten Treffer beisteuern, bleibt abzuwarten. Abwarten ist sowieso das Stichwort der Partie. Bei Hertha ist das die altbewährte Taktik und der VfB wird sich dafür hüten, ins offene Messer zu laufen, wie es letzten Samstag gegen Bremen passierte. Daher erwarte ich von beiden Mannschaften eine defensive Ausrichtung und insgesamt wenig Spektakel, Glanz oder wie auch immer man das nennen möchte. Da ich die ganze Saison immer schon auf Hertha gesetzt habe, tippe ich für dieses Spiel ein 2:1 Auswärtssieg.

Hirngabel: Das klingt auf jeden Fall nach einem -leider- realistischen Spielverlauf. Du vermutest demnach also auch keine negativen Auswirkungen aufgrund des jüngsten Rummels durch die Suspendierung von Ebert, der bisher ja auch eine gute Saison spielt und mir als einer der wichtigeren Arbeitsbienen für das Hertha-Spiel vorkam? Vielleicht weil, salopp formuliert, die Mannschaft auch schon Eskapaden durch Pantelic gewöhnt ist?

Enno: Wenn ich mich recht erinnere flog Pantelic vor dem Hinspiel gegen Stuttgart aus dem Kader, weil er zu spät zum Training erschienen war. Die Mannschaft kann das wegstecken, weil die meisten Spieler begriffen haben, dass das intensive Training und die allgemeine Disziplin unter Lucien Favre die Grundlage für den jetzigen Erfolg bildet. Insofern wird es niemanden geben, der großartig gegen die Suspendierung protestieren wird. Man hat außerdem beim Theater um Pantelic sehen können, dass die Mannschaft sich von solchen Sachen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Für
Patte Ebert ist der Vorfall natürlich ziemlich unglücklich, weil er seine Karriere damit aufs Spiel setzt. Man ist sich bei Hertha noch nicht sicher gewesen, ob er mittlerweile „auf der richtigen Spur“ angekommen ist. Er ist ja schon ein paar Mal durch solche Geschichten aufgefallen. Scheinbar hat er daraus nichts gelernt und das wird Konsequenzen haben, wenn es um einen Verbleib in Berlin geht. Hätte er weiterhin rein sportlich für Aufmerksamkeit gesorgt, wäre er sicher bald auch zur Nationalmannschaft eingeladen worden. Da bin ich mir sicher. Aber wie es scheint, hat er sich leider anders entschieden. Ich finde das sehr bedauerlich. Aber wie gesagt: Für das Spiel und den Rest der Saison wird das keine Auswirkungen haben. Die Mannschaft steckt das weg.

Hirngabel: Ja, leider scheint er die Kurve nicht wirklich zu bekommen haben. Hoffen wir mal, dass er es dennoch schafft und vielleicht eine Rolle für die Nationalmannschaft spielen könnte. Für den kommenden Samstag wünsch ich Euch aber erstmal ein amtliches Katastrophenspiel – danach könnt ihr dann gerne mit Eurer Erfolgsserie weitermachen und meinetwegen Meister werden.
Danke jedenfalls vielmals für dieses sehr interessante Interview, auch bei Dir!

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Ballgefühl, Digi-Tales. Stories from the Blog.

3 Antworten zu “Die Spätzlegabel: Hertha BSC Berlin – Das Interview.

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  2. @Enno: Was den Vergleich der Personalkosten mit Dortmund angeht, da täuschst du dich. Meines Wissens liegt unserer Etat jetzt schon bei unter 30 Millionen; ich konnte aber gerade bei einer Schnellsuche keine aktuellen Zahlen finden.

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