Die Spätzlegabel – Bundesliga, ST20: Hannover 96.

spatzlegabel3-3Der flüchtige TV-Zuschauer, der in dieser Rückrunde in die bisherigen Spiele des VfB kurz reingezappt hat, könnte vielleicht meinen, dass die Schwaben derzeit probieren eine Art glanzloses „Werder light“ zu geben (also, das Werder der letzten Jahre – nicht dass aus dieser Saison). Aber trotz einer Rückrundenbilanz von 9:5 Toren und zwei Spielen in Folge mit jeweils 6 unterschiedlich verteilten Toren, täuscht der Eindruck doch ziemlich.

Bundesliga, 20. Spieltag: Hannover 96 – VfB Stuttgart 3:3 (2:2)

Natürlich klingen 7 geschossene Auswärtstore in zwei Spielen ebenso werderesk wie derer 5 im eigenen Gehäuse, aber die Stuttgarter zelebrierten eben keineswegs einen ungehemmten Offensivfußball zu Lasten der eigenen Defensive, sondern spielten in allen drei Spielen relativ defensiv und vermischten eigene Effektivität in der Chancenausbeute mit grundsätzlichen Fehlern im eigenen Defensivverbund.
Dass dies derzeit auf beiden Seiten des Spielfelds derart gehäuft vorkommt, ist dementsprechend wohl eher Zufall als einer neuen Spielphilosophie zuzuschreiben. Im Gegenteil sogar, denn speziell die gestrige Begegnung gegen Hannover war eigentlich eine Art äusserst komprimiertes Spiegelbild der bisherigen Saison, das alle wesentlichen Elemente, die das VfB-Spiel 08/09 ausmachen, innerhalb von 90 Minuten versammelte.

Es begann zum zweiten Mal in Folge mit dem sehr positiven Gesicht des VfB. Es kam die Treffsicherheit von Gomez ebenso zum Tragen, wie die gnadenlose Konterstärke des gesamten Teams, speziell personifiziert durch Roberto Hilbert, der vor dem 2:0 erneut eines seiner beeindruckenden Solos startete und wieder auf dem Weg zurück zu seiner alten Form scheint. Doch obwohl man die Partie dann im Griff zu haben schien, zeigte der VfB dann wieder mal eines seiner anderen Gesichter.

Im seriösen Sportjournalismus gibt es ja die Floskel, dass sich ein überlegenes Team an einer (klaren) Führung „berauscht“. Den Ausdruck mochte ich noch nie so wirklich, da er eigentlich unpassend ist. Viel besser scheint er auf das zu passen, was mit dem VfB nach Lanigs 2:0 in der 22. Minute passiert ist. Denn ein Rausch -das wissen wir, denke ich, alle- führt ja meist zu einem Kontrollverlust, eingeschränkter Koordinationsfähigkeit, sowie oftmals auch zu eigener Passivität (je nach Rauschmittel).
All diese Merkmale zeigte der VfB Mitte bis Ende der ersten Hälfte, als man zusehendes die Kontrolle über das Spiel verlor, weil man selbst zu passiv wurde und die eigenen Offensivbemühungen nicht mehr koordiniert vortrug. Während die Hannoveraner nun leichte Morgenluft witterten (und mit der Hereinnahme von Rosenthal mehr Struktur ins gesamte Spiel bekamen), gesellte sich zu dieser Passivität eine immer stärker werdende Verunsicherung – ein Charakteristikum, das den VfB auch schon über weite Strecken der bisherigen Saison begleitet.

Am vergangenen Spieltag konnte Schlimmeres nochmal abgewendet werden als man die um sich greifende Verunsicherung durch einen erfolgreichen Konter zum richtigen Zeitpunkt glücklicherweise vertreiben konnte. Das gelang diesmal nicht, u.a. weil es Hannover besser als Leverkusen verstand, die schon die ganze Saison vorhandenen Schwächen der Stuttgarter Abwehr bei Standardsituationen zu nutzen. Erst herrschte wieder mal Konfusion bei der Zuteilung der Gegenspieler nach einer Ecke, die zudem noch durch einen nicht-konsequenten Lehmann unterstützt wurde. Und nur wenige Minuten später hatte dann Neuzugang Krzynowek einen genialen Moment, als er einen Freistoß aus ca. 20 Metern direkt verwandelte. Zugegeben, das war vorwiegend unglücklich. Denn zum Einen hat sich Magnin sehr dämlich angestellt, zum Anderen hätte man ihn auch nicht unbedingt geben müssen. Aber sei’s drum.

In der zweiten Hälfte zeigte sich dann einmal mehr die „graue“ Seite des VfB, die vor allem unter Veh sehr dominant war, aber auch jetzt immer noch ein ständiger Begleiter ist. In dieser Zeit schafft es der VfB weitestgehend sicher zu stehen, unternimmt aber seinerseits wenig Initiativen, um die gegnerische Abwehrreihe auseinanderzunehmen. In diesen Phasen gibt es dann mal vereinzelt eigene gute Möglichkeiten, die dann auch noch kläglich vergeben werden (bevorzugt von Gomez), aber man selbst gestattet zwischendurch dem Gegner ebenfalls sehr gute Torchancen, weil dann wieder individuelle Fehler zu Tage treten. Der Eskalationspunkt dieser Phase kam dann in der 85. Minute, als ein VfB-Mittelfeldspieler (ich glaube es war Simak) es nicht für nötig befand, den direkt neben ihm stehenden Rosenthal, vernünftig zu attackieren, so dass dieser einen perfekten Pass auf Forsell schlug, der seinerseits besser reagiert als der -in diesem Moment- ungeschickte Tasci und nur noch vollenden muss.

Dass der VfB danach nicht komplett wegklappte, ist sicherlich dem „Babbel“-Gesicht des Teams zuzuschreiben. Gut, das ist jetzt zwar etwas populistisch formuliert, aber ich denke, dass es unter Veh in dieser Saison bei einem Sieg der Hannoveraner geblieben wäre, während der VfB so nochmal seine Chance suchte – und mit Unterstützung niedersächsischer Unkonzentriertheit diese auch fand und in Form vom erneut starken Hitzlsperger zu nutzen wusste.

So haben wir also in komprimierter Form quasi alle wesentlichen Facetten der Stuttgarter zu sehen bekommen und es kam mehr oder weniger folgerichtig ein Unentschieden zustande, mit dem man gleichzeitig zufrieden und unzufrieden sein. Auch ich bin mir unschlüssig, welches Gefühl nun überwiegen soll. Einerseits bin ich froh, dass es überhaupt noch zu einem Punkt gereicht hat (was auch gut für die Psyche sein sollte), aber wenn ich auf die Tabelle blicke, dann ist es doch sehr ärgerlich, dass wir nach der frühen klaren Führung verpasst haben, den 96ern rechtzeitig das Genick zu brechen und mit drei Punkten in Schlagdistanz zu den internationalen Plätzen zu gelangen.

Und mit dieser Unschlüssigkeit ist es mir dann auch unmöglich einen halbwegs verlässlichen Blick in die nahe Zukunft zu werfen. Ich habe einfach zu sehr das Gefühl, dass der Ausgang gegen fast jeden Gegner zu sehr von Kleinigkeiten abhängig ist. Jedes Spiel kann vom Prinzip her mit jedem Ergebnis enden. Was hier völlig banal, weil ja offensichtlich klingt, gilt aber eben für Stuttgart in ganz besonderem Maße, da wir zumindest national in der Lage sind jedes andere Team zu schlagen – aber ebenso auch gegen jeden Gegner richtig zu verlieren (oder eben Remis zu spielen). Und so ist denn auch die kommende Partie gegen Hoffenheim ein Grauen für jeden Ergebnistipper – zumal ja auch die TSG derzeit nicht gerade einen stabilen, aber dennoch potentiell weiterhin sehr gefährlichen Eindruck macht.

Also bleibt mir wohl nix anderes übrig, als weiterhin Woche für Woche zu schauen, was die schwäbische Wundertüte diesmal bereit hält und zu hoffen, dass das Pendel häufiger in Richtung 3 als in Richtung 0 Punkte ausschlägt. Dann ist in dieser Saison zumindest was Zählbares drin.

Nationalstürmer-Effektivitäts-Watch

Auch an diesem Wochenende gab es wieder einige Treffer deutscher Stürmer in der Bundesliga, vorwiegend dabei vom ohnehin führenden Nationalstürmer-Trio Klose, Gomez und Helmes – wobei vor allem letzterer mit einem Doppelpack und einem Assist gegen Hoffenheim glänzen konnte. Aber auch Jogis Ex Kuranyi konnte dank eines Torwartfehlers seine eigene Bilanz etwas aufbessern.
Allmählich kristallisiert sich jedenfall sehr deutlich heraus, dass um das vorher erwähnte Trio eigentlich kein Weg bei der Nationalmannschaft herumführt, da sie doch sehr deutlich im Ranking vorne liegen. Und auch Kiessling hat sich den Status als Kadervervollständigung mittlerweile mehr als redlich erarbeitet.
Aufgrund seiner Degradierung ins zweite Glied hat Poldi (der in der Winterpause sogar für Liga 3 gemeldet worden ist) naturgemäß keine Chancen die eigene Bilanz nach vorne zu bringen – aber in Anbetracht dessen, dass er zahlreiche Kurzeinsätze auf seinem Konto zu verbuchen hatte, hält er sich weiterhin durchaus achtbar (und eben nur knapp hinter KK). Verlierer des Spieltags ist wohl Sebastian Freis, der nach seinem Doppelpack vom vergangenen Wochenende wieder

1. Patrick Helmes – 25 Spiele / 17 Tore / 5 Torvorlagen => NEW-Faktor 2,24
2. Miroslav Klose – 32 / 19 / 9 => 2,06
2. Mario Gomez – 33 / 21 / 5 => 2,06
4. Stefan Kiessling – 23 / 10 / 7 => 1,68
5. Jan Schlaudraff* – 15 / 6 / 1 => 1,27
[Kevin „Kneifer“ Kuranyi – 30 / 10 / 5 => 1,17]
6. Lukas Podolski – 20 / 7 / 1 => 1,10
7. Sebastian Freis* – 22 / 8 / 0 => 1,09
8. Mike Hanke* – 19 / 3 / 1 => 0,53
9. Aaron Hunt* – 19 / 2 / 3 => 0,47
10. Gerald Asamoah* – 22 / 3 / 0 => 0,41

*= derzeit nicht im Nationalmannschaftskader

2 Kommentare

Eingeordnet unter Ballgefühl

2 Antworten zu “Die Spätzlegabel – Bundesliga, ST20: Hannover 96.

  1. Pingback: Bundesliga: Das war der 20. Spieltag - Voller Überraschungen | Heimkabine.de

  2. Ja, der VfB ist eine große Wundertüte, zumindest was die Ergebnisse und das Auftreten anbelangt. Rein vom Fußballerischen her sehe ich gar nicht so große Schwankungen: wie Du richtig schreibst, sind sie vorne häufig effektv und hinten zu häufig für einen Klops gut, und zwar durch die Bank, wie selbst Tasci am Samstag bewiesen hat. Ob die Klöpse stärker ins Gewicht fallen als die Effektivität, hängt, wie Du treffend darstellst, von zu vielen Kleinigkeiten ab. Das VfB-Spiel ist derzeit ein sehr fragiles Gebilde, das noch niemand -auch nicht die Verantwortlichen- so ganz durchschaut.

    Außer mir, der ich weiß, dass wir die Sinsheimer weghauen😉

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