Streicherlebnis.

Für gewöhnlich verwende ich meine eher raren Konzertbesuche ja auf zwar vielleicht nicht immer richtig bekannte, aber doch zumindest mir nicht gänzlich unbekannte Bands und Künstler auf. Denn auch wenn ich musikalisch (zumindest innerhalb bestimmter Parameter) relativ offen bin, so ist es mir doch schon wichtig ein wenig einschätzen zu können, ob es sich lohnt Geld und Zeit in einen Konzertbesuch zu investieren.

Als mich nun aber der -nicht wirklich bloggende- Kollege Unionjackstar fragte, ob ich Lust auf ein Konzert im Kölner Museum Ludwig hätte, siegte dann doch meine Neugier. Denn obwohl ich beide Bands, die im Rahmen der Konzertreihe „Intro Intim“ dort auftreten sollten, nicht wirklich kannte, gab es zwei Aspekte die spannend klangen.
Zum einen natürlich die Location -wann kann man schon mal ein Konzert in einem Museum erleben?- und zum anderen die Tatsache, dass der Quasi-Headliner des Abends eine Accoustic-Session mit Unterstützung eines Streicherquartetts darbieten sollte. Das versprach ein interessanter Abend zu werden – und ein wenig Kultur konnte ich ja schließlich auch mal wieder vertragen, denn das einzige Museum, das ich privat im letzten Jahrzehnt von innen gesehen habe, dürfte das Kölner Schokoladenmuseum gewesen sein…

Aber wie das mit Erwartungen oftmals so ist, werden diese leider nicht immer erfüllt und so sollte es auch an diesem Abend sein. Das bezog sich Gottseidank nicht auf die musikalischen Leistungen der Künstler, sondern leider auf die Location. Man hätte ja aus einem Konzert im Museum durchaus was cooles machen können – nur entsprach eine kleine Bühne am Rande des kahlen, langgezogenen Foyers nicht unbedingt dem, was ich mir erhofft hatte. Und auch wenn das der Athmosphäre nicht wirklich zuträglich war, so sollten sich doch zumindest nicht die Befürchtungen in Sachen Sound der Musiker bestätigen – denn der Klang an sich war absolut in Ordnung.
Das Problem des Ganzen lag hingegen vielmehr darin, dass am anderen Ende der Eingangshalle eine Theke aufgebaut worden war, an der sich rund 30 Personen den ganzen Abend lang aufhielten und nach Herzenslust rumquatschten und Bier konsumierten. Nun waren beide Bands musikalisch eher im ruhigen Bereich anzuordnen, so dass das Gequatsche dieser Leute kräftig durch das Foyer hallte und speziell in den stilleren Momenten der Auftritte extrem störend war.
Für mich persönlich unbegreiflich, wieso man die ganze Zeit während einem solchen Konzert an der Theke steht und lärmend rumquatscht.

Allerdings muss man wohl mit unhöflichen Menschen ohne vernünftige Manieren durchaus immer mal wieder rechnen, daher geht die Kritik definitiv auch an die Veranstalter, dass man zum einen einen solchen Raum wählt und zum anderen ihn dann noch teilbestuhlt. Ich bin der Meinung, dass eine Teilbestuhlung, bei denen ca. ein Viertel der Leute im Raum vor der Bühne auf Stühlen sitzen, während der Rest dahinter und seitlich stehen muss, ein absoluter Stimmungskiller ist. Entweder ich verzichte komplett auf die Bestuhlung, wie bei fast allen normalen Konzerten, oder aber ich mache nur Sitzplätze, was beim Wesen dieses ruhigen Konzertes auch völlig akzeptabel gewesen wäre. Nur war das mit der Location leider auch nicht wirklich zu realisieren – denn knapp hinter der Bestuhlung fing der Boden (Kunstmuseum halt) abzufallen. Was übrigens auch sehr abträglich für den Genuß von uns Stehenden war, da der Vordermann grundsätzlich Größenvorteile hatte, selbst wenn er nicht wirklich größer war.

Alles in allem also ein regelrechter Schmarrn und ich hätte mir doch sehr gewünscht, dass das Ganze eher in einer Location wie dem Millowitsch-Theater stattgefunden hätte, da in einem solchen, stilvollen Ambiente das Konzert sicherlich wesentlich besser zur Geltungen gekommen wäre. Denn, auch wenn ich hier gerade über 500 Wörter für Nörgeleien verwendet habe, so war es doch dank zweier toller musikalischer Darbietungen ein absolut gelungener Abend, den ich nicht verpasst haben wollte.

Und eben deswegen erwähne ich auch jetzt erst die Namen der beiden Acts der Intro Intim-Reihe, damit hier erst gar keine negativen Assoziationen mit den Künstlern aufkommen. Das wäre nämlich absolut unangebracht.

Kommen wir damit also nun endlich zum Wesentlichen.

Darryl Torr, Michael Wright und Cherilyn MacNeall sind Dear Reader

Darryl Torr, Michael Wright und Cherilyn MacNeall sind Dear Reader

Als Quasi-Vorband beglückte uns an diesem Abend eine junge Band aus Südafrika (nein, nicht Kapstadt – aus Johannesburg) mit dem Namen Dear Reader, die aus drei Mitgliedern bestehen:  Während Drummer Michael Wright an den Drums eher Unterstützung ist (wenngleich er durchaus aktiv in die Live-Performance involviert ist), sind seine beiden Kollegen das kreative Zentrum von Dear Reader. Steht Bassist Darryl Torr, der auch die Loop Station bedient, auf der Bühne eher im Hintergrund, so ist er doch -wie auch anders als Grammy-Preisträger- der Lenker, der Kopf der Band, wohingegen die Mittzwanzigerin Cherylin MacNeill quasi das Herz der Band ist und wohl von Zuschauern am ehesten mit Dear Reader verbunden wird. Und das nicht nur weil sie durchaus süß ausschaut (auch wenn sie eher unfotogen ist), sondern vor allem weil sie eine ganz, ganz wunderbare Stimme hat und zudem exzellent Piano und Gitarre spielt. Ein Rundum-Talent also und sie steht damit, nicht nur stimmlich und musikalisch, ziemlich in der Tradition ihrer zuletzt erfolgreichen Kolleginnen Kate Nash, Regina Spektor, Imogen Heap oder auch Lilly Allen – nur mit dem Unterschied, dass hier eben keine Solokünstlerin am Werk ist, sondern eine volle Band.

Rein vom Klang her bewegen sich Dear Reader grob gesagt in ähnlichen Fahrwassern, wie oben erwähnte Damen, allerdings wie ich finde noch einen Tick weniger „poppig“, sondern eher in Richtung Indie-Folk orientiert, wenngleich natürlich trotz teilweise komplexer Produktion die bezaubernden Melodien, die man schon bei den vier Songs auf ihrer Myspace-Seite anhören kann, eindeutig im Vordergrund stehen.

Diesen gewissen Touch Opulenz bringen sie selbst auf einer so kleinen Bühne zu dritt ziemlich gut rüber, bedienen sie sich noch bei den Möglichkeiten der modernen Technik und nutzen eine Loopstation um gewisse Songbestandteile während ihrer Live-Performance einzuspielen. Das mögen manche Puristen doof finden, aber ich finde es -wie schon damals bei meinem Freund Get Cape. Wear Cape. Fly– halt einfach nur zeitgemäß und zweckmäßig, um den eigenen Stil auch live bieten zu können. Dabei wirkt das, vor allem dank Cherilyn MacNeill, auch überhaupt nicht seelenlos oder abgespult, haucht sie mit ihrer Stimme und ihrem Spiel doch allem Leben ein (und erinnert in ihrer Koketterie mehr als einmal an Kate Nash). Dazu ist trotz der recht ruhigen Songs regelmäßig Bewegung auf der Bühne, da MacNeill selbst häufig die Instrumente wechselt und auch Schlagzeuger Wright im Laufe der Show mal am Piano, mal an der Loop Station und sogar am Front-Mikro wiederzufinden ist.


DirektLink (gute Quali – selbe Userin hat noch drei andere Videos vom selben Konzert, wen’s interessiert)

Natürlich bin ich ja für diese Art von verspieltem, melodielastigen Indie-Folk sehr anfällig, aber dennoch bin ich davon überzeugt, dass Dear Reader eine durchaus erfolgreiche nähere Zukunft bevorstehen wird und im Fahrwasser der bisher schon genannten Damen sicherlich eine sehr gute Chance haben, auch bei einer breiteren Masse Anklang zu finden. MacNeill und Torr haben sogar schon mal kleinere Achtungserfolge vor rund 2 Jahren als Duo (plus Goldfisch) feiern können, mit Charterfolgen im eigenen Land, sowie einigem Video-Airplay im UK. Das Album „The Younger“ erschien damals allerdings noch unter dem Namen Harris Tweed, den sie im Spätherbst des vergangenen Jahres dann ablegen mussten um weiterführende Rechtsstreitigkeiten mit der gleichnamigen Tweed-Marke zu vermeiden, deren Anwälte kurz zuvor -trotz früher anderslautender Aussagen- einen Brief an die südafrikanischen Musiker schickten.

Sicherlich nicht die schlechteste Entscheidung, um in diesem Jahr nun ungehemmt durchstarten zu können – seit der Umbenennung nun eben auch als Trio, nachdem Michael Wright offiziell in den Bandzirkel aufgenommen wurde. Das neue „Debüt“-Album „Replace Why with Funny“ wird Ende diesen Monats auf dem renommierten Berliner Cityslang-Label (deren Signings sich wie das Who is Who der Indie-Szene lesen) hier in Europa erscheinen und ich bin mir sicher, dass es ein Erfolg wird. Ich jedenfalls werde auch im April wieder versuchen mit von der Partie zu sein, wenn Dear Reader laut eigener Aussage wieder in Köln sein werden (auch wenn das auf den diversen Websites leider noch nicht bestätigt wird).
Ich kann Euch jedenfalls nur empfehlen, die Augen und Ohren offen zu halten! Definitely one „Next big Thing“.

Robin Proper-Sheppard ist Sophia.

Robin Proper-Sheppard ist Sophia.

Ebenfalls bei Cityslang unter Vertrag stand auch der zweite Act des Abends, bei dem man aber ganz im Gegensatz zu Dear Reader nicht von „musikalischer Zukunft“ sprechen, denn Sophia existiert schon seit mittlerweile 13 Jahren, als Robin Proper-Sheppard dieses Bandprojekt aus der Taufe hob. Proper-Sheppard war zuvor schon halbwegs erfolgreich mit der experimentellen Rockband The God Machine, bevor sich die Band nach dem Tod eines Mitglieds 1994 auflöste.
Bei Sophia ist Proper-Sheppard allerdings der einzige Fixpunkt, während seine Mitmusiker regelmäßig wechseln, so dass man bei Sophia ohnehin wohl weniger von einer richtigen Band sondern von einem „Kollektiv“ sprechen müsste.

Folgerichtig kam Proper-Sheppard am Donnerstag denn auch ohne seine derzeitigen Bandmitglieder nach Köln, und wurde stattdessen von vier Streichern in klassischer Besetzung (2 Violinistinnen, 1 Bratsche-Spieler und 1 Violoncellistin) begleitet.

Mit klassischer Musik, das kann ich denke ich offen zugeben, habe ich ja nicht wirklich viel am Hut. Die Werke der klassischen Komponisten sind mir prinzipiell recht fremd, da sie mich halt einfach in der Regel nicht sonderlich interessieren. Meine Berührungspunkte mit dieser Stoßrichtung von Musik beschränken sich daher vorwiegend auf den Einsatz von klassisch komponierter Orchestermusik als Untermalung von Filmen (oder Serien). Dennoch -oder auch deswegen- schätze ich klassische Instrumente durchaus sehr, wenn sie zur Unterstützung „gewöhnlicher“ Popmusik verwendet wird.

Das beginnt bei Irish Folk-lastigen Bands wie den unvergleichlichen Lecker Sachen, die eine Violinistin zu ihrem festen Stamm zählten (als sie noch existierten *schnüff*), oder eben auch bei Geschichten wie hier von Sophia, wo die Verschmelzung von melancholischem Folk-Pop und der melodramatischen Opulenz eines Streichquartetts ziemlich gut gelungen ist und so zeigte, dass Musik eben Musik ist – und nicht statisch in klare Kategorien eingeteilt werden kann und sollte.

Dennoch muss ich zumindest anmerken, dass meiner Meinung nach die Streicher öfters besser hätten eingesetzt werden können. So wirkte es zu häufig so, als ob die Streicher nur für einen Klangteppich herhalten sollten, auf dem Proper-Sheppard dann stehen und musizieren konnte (was er unbestritten großartig tat!). Ich hätte mir gewünscht, dass auch das Streichquartett häufiger etwas zur Dynamik des Songs hätte beitragen dürfen, wie es beispielsweise in Heartache oder in One Last Breath der Fall war, die mich aufgrund des perfekten Zusammenspiels von Gitarrist und Streichern wirklich begeistert haben. Das aber ist letztlich auch nur Meckern auf hohem Niveau, schließlich war es insgesamt auch von Proper-Sheppard und dem Quartett ein exzellenter Auftritt.

Denn auch der Amerikaner ist ein exzellenter Musiker und besticht durch vorzügliches Gitarrenspiel ebenso wie durch seine markante und fesselnde Stimme. Hinzu kommt, dass er darüber hinaus auch noch ein wunderbar selbstironischer Geschichtenerzähler ist – sowohl während der Songs als auch zwischen ihnen, wo er es versteht das Publikum wirklich gut zu unterhalten.

Wie weiter oben erwähnt: Sophia wird sicherlich keine erfolgreiche Zukunft in den Charts dieser Welt haben, was man einerseits als ungerecht empfinden kann, oder einfach als Lauf der Dinge. Proper-Sheppard jedenfalls macht den Eindruck als wäre er zufrieden damit, sein Ding machen zu können (so man dass denn von einer „Bühnenfigur“ ausgehend schließen kann).
Und solltet ihr mal irgendwann über Sophia stolpern, dann stattet ihr doch einen Besuch ab. Es lohnt sich.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Hast du Töne!?, Muss man wohl dabei gewesen sein...

3 Antworten zu “Streicherlebnis.

  1. Wann

    Schöner Bericht

    Liest Du Intro? Neben Uncle Sallys eine der Zeitschriften, wo ich neues erfahre über aktuelle Künstler.

    The Airborne Toxic Event http://www.myspace.com/theairbornetoxicevent

    Ezio http://www.lastfm.de/music/Ezio

  2. Danke fürs Kompliment. Das aus Deinem Munde bedeutet schon was. =)

    Nein, die Intro lese ich nicht. Ehrlich gesagt, lese ich, seitdem ich nicht mehr an der Tankstelle jobbe (und lange, einsame Nachtschichten zu bewältigen hatte…) so gut wie keine Musikzeitschriften mehr. Es sei denn ich bin unterwegs in den USA, dann hol ich mir ab und an den Rolling Stone.

    In die beiden Bands wird demnächst mal reingehört. Merci!

  3. Pingback: Rückblick kann doch wirklich jeder – Der Best of 2009-Sampler [CD1]. « Hirngabel. Reisen, Leben, Popkultur.

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