Die Spätzlegabel – Bundesliga, ST19: TSV Bayer 04 Leverkusen.

spatzlegabel4-21Da waren wir drei VfB-Fans wohl doch zu zögerlich bei der von Jens initiierten Vorhersage des Duells mit Leverkusen. Denn beim ersten VfB-Spiel seit mehreren Jahren, das ich live im Stadion miterleben durfte, gab es doch tatsächlich einen relativ ungefährdeten Sieg gegen insgesamt allerdings doch sehr schwache Leverkusener.

Bundesliga, 19. Spieltag: TSV Bayer 04 Leverkusen – VfB Stuttgart 2:4 (0:1)

Bei leichten Nieselregenschauern und neblig-grauen Bedingungen machte ich mich gestern spontan mit einem befreundeten Leverkusen-Fan auf den Weg nach Düsseldorf, um dort ein überaus seltsames Spiel zu erleben. Man sollte ja eigentlich meinen, dass man als Anhänger eines Teams recht zufrieden nach Hause gehen sollte, wenn man dem Tabellenfünften auswärts insgesamt vier Tore eingeschenkt hat und mit 3 Zählern im Gepäck nach Hause reisen darf.

Doch irgendwie wirkte das Spiel ganz und gar nicht so, als ob man gerade eine Partie mit insgesamt 6 Toren miterlebt hat, dazu war die Begegnung über weite Strecken einfach zu schwach, beide Teams zu durchschnittlich, um die Zuschauer wirklich begeistern zu können. Klar, das klingt jetzt ein wenig nach Erbsenzählerei und typisch deutschem Nörgelverhalten, aber wenn man das Spiel in Gänze betrachtet, dann war der Sieg zwar absolut verdient, aber eben doch auch irgendwie recht glücklich.

Verdient, weil wir letzten Endes von zwei mäßig spielenden Teams, die etwas cleverere und vor allem wesentlich effizientere Mannschaft waren.
Glücklich aber eben auch, weil an diesem Samstag die eigenen Tore immer genau dann fielen, wenn wir sie wirklich benötigten.

Das fing mit dem ganz frühen Führungstreffer von Gomez an, der einer ohnehin nicht mit einem Übermaß an Selbstvertrauen ausgestatteten Leverkusener Mannschaft direkt einmal den Zahn zog. Das Tor war dabei mal richtig toll rausgespielt und zeigte eigentlich direkt, wie man es auf Seiten der Stuttgarter machen muss. Der Ball kommt von hinten raus auf die Aussen, wo er direkt auf den durchstartenden Magnin weitergeleitet wird. Der wird dort zugegebenermaßen bei seinem Lauf nicht wirklich bedrängt und nutzt den Raum, um eine Flanke maßgeschneidert auf Gomez zu bringen, der halt einfach weiß, wo das gegnerische Tor steht. Exzellent gespielt, so würde man es sich häufiger wünschen.

Nach diesem perfekten Auftakt merkte man allerdings doch die Nachwirkungen des eher mäßigen Rückrundenauftakts, zog sich der VfB doch daraufhin ziemlich zurück und verlegte sich auf sporadische Konter, während man um den eigenen Sechzehner versuchte das Spiel möglichst eng zu gestalten. Die Leverkusener waren damit weitestgehend überfordert und konnten die speziell auf der rechten Stuttgarter Seite vorhandenen Räume nicht sinnvoll nutzen. Ab und zu gelang es zwar durchzustoßen, scheiterte dann aber an der vielbeinigen Stuttgarter Defensive, an der eigenen Abschlussschwäche speziell bei Distanzschüssen oder an einem beruhigend fangsicheren Lehmann bei Standardsituationen. Wäre Leverkusen nicht selbst so verunsichert gewesen, wäre für sie sicherlich mehr drin gewesen in dieser ersten Halbzeit. Aber speziell Renato Augusto und Michael Kadlec verstolperten ein ums andere Mal den Ball oder waren zu nachlässig bei Passkombinationen, so dass die Stuttgarter am eigenen Strafraum meist leichtes Spiel hatten, die Situationen zu entschärfen.

Dem VfB seinerseits kann man zwar durchaus cleveres Spiel attestieren, da es mit relativ geringem Aufwand gelungen ist, den Gegner weitestgehend vom Tor fernzuhalten, aber ein stärkerer Gegner hätte aus den Räumen im Bereich zwischen eigenem Strafraum und Mittellinie sicherlich wesentlich mehr gemacht. Zumal die Offensivaktionen des VfB sehr rar gesät waren und in den verbliebenen 42 Minuten nach der Führung nur zwei wirklich torgefährliche Angriffe zustande kamen – aus denen man allerdings durchaus mindestens einen Treffer hätte machen müssen. So gesehen ging, trotz der klaren Feldüberlegenheit der Werkself, der Ein-Tore-Vorsprung für Stuttgart durchaus in Ordnung, hatte Bayer doch nur eine richtig klare Torchance in Form eines knapp am Gehäuse vorbeistreichenden Distanzschusses von Vidal.

In die Halbzeit ging es daher zwar halbwegs positiv gestimmt, aber das eigentlich nur aufgrund des Spielstands, denn es stand zu befürchten, dass Leverkusen hier leicht ins Spiel zurückfinden könnte und bei einem Ausgleich das Spiel sehr schnell kippen würde, wenn man den Schalter für eigene Offensivaktionen nicht wiederfinden kann.

Doch erfreulicherweise kam der VfB ein weiteres Mal in dieser Saison sehr gut eingestellt aus der Kabine und drückte den Gegner in die eigene Hälfte. Und dementsprechend erzwang man dadurch quasi sein Glück, dass dann in Gestalt der Schlüsselszene in Minute 50 kam. Ein guter Angriff der Schwaben durchsticht die Leverkusener Defensivreihe, so dass Vidal gegen den gestarteten Gomez zu spät kam und nicht nur einen Freistoß in aussichtsreicher Position verursachte, sondern auch noch die -vollkommen berechtigte und von unserem Blogger-Orakel vorhergesagte- Gelb-Rote Karte bekam. Mit dem anschließenden Gewaltschuss von Hitzlsperger direkt über den Schädel von Adler hinweg (dem ich da auch keinen Vorwurf machen will), schien die Sache dann auch für mich erledigt, so dass sich bei mir zum ersten Mal an diesem Nachmittag eine gewisse innere Ruhe breit machte. 40 Minuten in Überzahl, 2 Treffer vorne und das gegen eine verunsicherte und bislang nahezu vollkommen harmlose Leverkusener Mannschaft – was sollte da noch passieren?

Zumal der VfB diesmal erfreulicherweise nach dem Treffer nicht den Offensivfußball einstellte, sondern weiter nach vorne drängte und die neu gewonnen Räume verstand zu nutzen. Ein Umstand der sicherlich hauptsächlich der Einwechslung von Roberto Hilbert zuzurechnen ist, der schon in der 38. Minute für den sehr blass gebliebenen Simak  kam und ordentlich Betrieb auf seiner rechten Seite machte. Ein wirklich guter Wechsel von Babbel, der dem Stuttgarter Spiel so wesentlich mehr Dynamik verlieh.

Doch leider wurde man in dieser Phase auch sehr fahrlässig und ließ eine Reihe wirklich guter Chancen liegen, wodurch man die Chance verpasste hier frühzeitig den Sack zuzumachen und sich mal wieder ein bisschen Selbstvertrauen anzufuttern. Und wie es dann so häufig ist, wurde man gegen einen Gegner in Unterzahl hinten plötzlich etwas unkonzentrierter, so dass eine unübersichtliche Strafraumsituation nach Freistoß dazu führte, das auf einmal Kießling, der wohl stärkste Leverkusener gestern, den Ball einnetzen konnte. Die Minuten danach waren dann ein Musterbeispiel für den Grundkurs „Sportpsychologie“: Während die Werkself auf einmal wieder Hoffnung schöpfte und aus der aussichtslosen Position heraus nochmal alles nach vorne warf, konnte man auf Seiten des VfB förmlich sehen, wie sich die Selbstzweifel von oben nach unten durch die Spielerkörper fraßen, die Ordnung zusehends verloren ging und man den zuvor nahezu toten Leverkusenern plötzlich hilflos gegenüber stand. Doch mit Glück, Verstand und Lehmann konnte man die auftretenden Gefahrensituationen immerhin schadlos überstehen.

Und in genau diese Phase hinein gelang dann glücklicherweise wieder das dringend benötigte Tor, erneut durch Gomez und wieder durch einen schnell vorgetragenen Konter. Ein Treffer, der dann Bayer tatsächlich endgültig das Genick brach und die dann daraufhin quasi aufgaben und das ernsthafte Fußballspielen daraufhin einstellten.

Die Schlussviertelstunde war dementsprechend ein ziemliches Muster ohne Wert, mit dem Highlight aus Stuttgarter Sicht, dass man einen Konter vernünftig zu Ende spielte, an dessen Ende dann der etwas überfordert erscheinende Sinkiewicz dem wieder mal starken Sami Khedira das verdiente Tor stahl. Und auch der Treffer von Debütant Charisteas in der Nachspielzeit war dementsprechend nur noch etwas ärgerlich aus Sicht des Stuttgarter Torverhältnis.

Das klingt zwar nun unter dem Strich alles durchaus positiv, aber, wie schon zu Beginn des Spielberichts erwähnt, hätte das eben auch ganz anders ausgehen können, wenn sich Leverkusen etwas mehr zugetraut hätte und wenn man nicht die ersten drei Tore zu den brutalstmöglichen Zeitpunkten erzielt hätte. Der VfB muss defensiv einfach noch besser stehen, um gegen besser spielende Teams nicht (wie im Pokal) unterzugehen. Zudem stimmt mich die Passivität in weiten Strecken von Hälfte 1, sowie die Phase rund um den ersten Treffer von Leverkusen, doch tendentiell etwas skeptisch, was die Möglichkeiten in Richtung oberes Tabellendrittel angeht.

Doch zumindest rein tabellarisch können wir uns derzeit durchaus nach oben orientieren, nach 6 Punkten aus den ersten beiden Partien – sind wir schließlich das einzige Team der Liga mit dieser optimalen Ausbeute der Rückrunde. Würde am kommenden Wochenende sogar noch ein Dreier bei den heute schwächelnden, aber heimstarken Hannoveranern gelingen, dann wäre der VfB tatsächlich wieder ganz nah dran an den internationalen Plätzen. Bei einer gleichzeitigen Niederlage von Leverkusen in Hoffenheim sogar schon virtuell drin.

Das aber ist tatsächlich noch Zukunftsmusik und reines Wunschdenken, denn trotz der stimmenden Ergebnisse muss man einfach deutlich erkennen, dass im VfB-Team noch einige Spieler weit von ihrer Bestform entfernt sind.
Lehmann hinten im Tor steht derzeit sicherlich ausser Frage, selbst wenn er mir zutiefst unsympathisch ist und leider in jedem Spiel einen größeren Patzer dabei hat (so auch diesmal, erfreulicherweise ohne gravierende Auswirkungen).

Daneben kann man in die Kategorie Bestform derzeit eigentlich nur Mario Gomez (selbstredend) und Sami Khedira einordnen, sowie vielleicht Delpierre, Tasci und Hitzlsperger mit Abstrichen. Ciprian Marica hinterlässt insgesamt zwar durchaus einen positiven, weil bemühten Eindruck und lässt immer mal wieder aufblitzen, dass er auf engem Raum eine klasse Ballbehandlung hat und in der Lage ist, den Ball schnell auf seinen Sturmpartner Gomez weiterzuleiten. Allerdings hat er leider auch die Tendenz dazu, sich in den Gegner reinzulegen – das kann zu einem Freistoß für den VfB führen, aber zu häufig auch dazu, dass er hinfällt und der Ball wieder futsch ist. Aber er ist noch jung und nimmt man mal die absurd hohe Transfersumme aus, dann bin ich durchaus bereit, ihm noch Zeit zur Entwicklung zu geben.

Das offensive Mittelfeld mit Lanig und Simak war einmal mehr eher enttäuschend und war, wie erwähnt, erst mit der Einwechslung von Hilbert für den erneut enttäuschenden Simak zu einem wirklichen Faktor für das VfB-Spiel wurde. Auch Lanig konnte nicht wirklich überzeugen – ausser in den Momenten, wo er ausreichend Platz hatte und dann zeigen konnte, dass er sehr gut in der Lage ist, entscheidende, tödliche Pässe zu spielen. So wie es beispielsweise vor dem 1:0 beim perfekten Doppelpass mit Magnin der Fall war. Wird er aber von gegnerischen Spielern bedrängt, dann unterlaufen ihm zu viele leichte Ballverluste und Stockfehler, die ihn so, zumindest in der derzeitigen Form, zu einem Risikofaktor fürs VfB-Spiel werden lassen. Insofern muss ich meine Meinung über ihn wohl wieder etwas revidieren. Dennoch bleibe ich zumindest der Ansicht, dass wir prinzipiell zum derzeitigen Zeitpunkt mit ihm in der Startformation noch am Besten fahren. Dazu gehört in der gestrigen Form auf jeden Fall Roberto Hilbert auf die rechte Seite – wie gesagt, wenn er spielt wie heute, als ihm sicherlich das konterlastige Spiel sehr entgegen kam. Gegen vermutlich recht verhaltene Hannoveraner in der kommenden Woche wird das vielleicht wieder anders aussehen. Die Frage ist halt eben nur: Wer kann eine ernsthafte Alternative sein? Bastürk scheint sich nicht aufzudrängen bislang, Simak zeigt sein Können auch zu selten -zumal beide eher zentrale Spieler sind- und bei Elson scheint Babbel seine Gründe zu haben, warum er ihn nicht einsetzt. Vermutlich könnte Timo Gebhart sehr zügig zu seinen ersten Einsätzen kommen, sobald er gesund ist. Das ist aber leider noch nicht der Fall.

In der Abwehr ist, wie erwähnt, das Innenverteidigerduo Tasci/Delpierre derzeit eine sehr zuverlässige Bank. Magnin hat dieses Mal, nicht nur wegen seiner Energieleistung vor dem ersten Tor eines seiner besseren Spiele gezeigt, muss aber definitiv noch an seiner Konstanz arbeiten. Liefert er Leistungen wie diese regelmäßig ab, dann kommt man um ihn eigentlich nicht herum, schließlich ging über seine Seite, speziell in HZ1 kaum etwas durch.
Die meisten Leverkusener Angriffsversuche gingen eher über die Seite von Osorio, der zwar grundsätzlich keine gröberen Schnitzer hatte, aber dessen Seite mir doch zu häufig zu offen war. Glück, dass die Leverkusener es nicht verstanden dies über Kadlec, Vidal und Augusto zu nutzen, die mehr als einmal die Gelegenheit dazu gehabt hätten.

Nationalstürmer-Effektivitäts-Watch

Nachdem die vergangene Woche doch eher mau aus Sicht der deutschen Stürmer war, ist nun die Mehrzahl endlich auch in der Rückrunde angekommen und pünktlich zum ersten Länderspiel 2009 hagelte es „deutsche“ Stürmertore. Vor allem die Nationalstürmer Gomez und Klose glänzten mit Doppelpacks und auch der endlich wieder nominierte Kießling konnte sich zumindest persönlich über ein Tor und einen Assist freuen, während sein Vereinskollege Helmes doch in einem seiner schwächsten Saisonspiele sehr blaß und erfolglos blieb. Ebenfalls ein Gewinner des Spieltags war sicherlich der Karlsruher Sebastian Freis, der ebenfalls über ein Doppelpack jubeln durfte – und damit über seinen ersten Ligatreffer seit dem 11. Spieltag. Eine doch sehr lange Durststrecke, nachdem er mit 4 Toren aus den ersten sieben Saisonspielen überraschend stark startete.
Nichtsdestotrotz führt weiterhin Helmes das Ranking an, während Gomez und Klose im Gleichschritt beinahe zu ihm aufschließen konnten.

1. Patrick Helmes – 24 Spiele / 15 Tore / 4 Torvorlagen => NEW-Faktor 2,04
2. Miroslav Klose – 31 / 18 / 9 => 2,03
2. Mario Gomez – 32 / 20 / 5 => 2,03
4. Stefan Kiessling – 22 / 10 / 7 => 1,68
5. Jan Schlaudraff* – 15 / 6 / 1 => 1,27
6. Sebastian Freis* – 21 / 8 / 0 => 1,14
7. Lukas Podolski – 20 / 7 / 1 => 1,10
[ Kevin „Kneifer“ Kuranyi – 29 / 9 / 5 => 1,10]
8. Mike Hanke* – 18 / 3 / 1 => 0,56
9. Aaron Hunt* – 19 / 2 / 3 => 0,47
10. Gerald Asamoah* – 21 / 3 / 0 => 0,43

*= derzeit nicht im Nationalmannschaftskader

2 Kommentare

Eingeordnet unter Ballgefühl

2 Antworten zu “Die Spätzlegabel – Bundesliga, ST19: TSV Bayer 04 Leverkusen.

  1. Gefällt mir sehr, dass eigentlich immer mindestens einer von uns ein wenig gegen den aktuellen Strom schwimmt…😉

  2. Wäre ja sonst auch langweilig. =)

    Vielleicht sehe ich das Ganze ja auch einfach zu kritisch, aber es war halt für meinen Geschmack einfach kein wirklich überzeugendes Spiel von Stuttgart und gemeinsam mit der eher enttäuschenden Leistung gegen Gladbach und natürlich dem Debakel gegen die Bayern – da ist für bedingungslosen Optimismus grad irgendwie keinen Platz in mir.

    Dabei sind die nackten Zahlen rein auf die Bundesliga bezogen ja wirklich einwandfrei. Sollten wir nächste Woche Hannover abledern – dann bin ich gerne bereit hier auch wieder mehr Optimismus zu versprühen. =)

    PS: Vielleicht bin ichs aber auch einfach nicht mehr gewohnt gewesen ein komplettes Spiel vom VfB live im Stadion zu verfolgen…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s