Die Spätzlegabel – Bundesliga, ST17: FC Bayern München.

spatzlegabel2-2In der vergangenen Woche konnte ich leider keine Spieltagsbesprechung machen, da ich beruflich mal wieder in den USA weilte. Leider, denn schließlich gab es den höchsten Sieg seit langem zu bejubeln – und das sogar ohne Gomez im Kader. Gut, war auch nur in Cottbus.

Bundesliga, Spieltag 17: VfB Stuttgart – FC Bayern München 2:2 (1:0)

Spiele gegen FCB sind für mich immer was ganz Besonderes. Weniger weil es der ach so große FC Bayern ist, sondern vor allem weil mein Bruder Anhänger der Bajuwaren ist. Und weil die Duelle meiner Schwaben mit den Bazis doch fast immer Partien mit hohem Unterhaltungswert sind. Was sich heute einmal mehr bestätigen sollte.

Bei beiden Mannschaften fehlten einige Schlüsselspieler aus Verletzungsgründen – bei Bayern mit Ribery das Herz, der Qualitätsvorsprung, das Genie; bei Stuttgart saß mit Gomez der Vollstecker immerhin auf der Bank nach seinem Muskelfaserriss. Zudem musste der VfB zum gefühlten 17. Mal in dieser Hinrunde seine Abwehr umstellen, da Boka wegen Gelbsperre fehlte und Babbel auch Boulahrouz auf die Bank setzte.

Kurioserweise war es dann auch diese Abwehrreihe, die gemeinsam mit dem Stuttgarter Mittelfeld das Spiel dominierte und jegliche Offensivbemühungen der Bayern bis auf ganz wenige Ausnahmen mit hohem Lauf- und Kampfeinsatz im Keim erstickte. Defensiv war das sicherlich die beste Leistung der Saison bisher, zumindest was die erste Halbzeit anging, in der die Bayern nur zu zwei nennenswerten Chancen kamen, von denen eine auch noch Abseits war.

Das Problem war hingegen einmal mehr die fehlende Durchschlagskraft nach vorne, denn die Angriffe wurde ein ums andere Mal nicht mit der letzten Konsequenz durchgespielt, sondern endeten zu häufig am gegnerischen 16er, in mal mehr, mal weniger gefährlichen Distanzschüssen oder scheiterten an eigener Unfähigkeit im Abschluss. So war es dann auch eigentlich nur folgerichtig, dass ein Kopfball nach einer Ecke zum Führungstor führte. Das war zumindest dann auch absolut verdient, als es in der Nachspielzeit von HZ1 durch Khedira erzielt wurde.

In der zweiten Hälfte konnte man dann aber erstmal nicht an die gute Leistung anknüpfen, sondern wurde erstmal von den wütenden Bayern … nicht überrollt, aber doch zumindest sehr stark dominiert – was dennoch nicht zum direkten Ausgleich hätte führen müssen. Doch eine Kette von Fehlern und Unaufmerksamkeiten führte leider zum Abstauber von Borowski. Sehr unnötiges Gegentor.

Das zweite Gegentor war hingegen, das muss man anerkennen, wirklich toll herausgespielt. Klar, wenn man in der Mitte die Bayern nicht hätte machen lassen und wenn Delpierre etwas mehr Glück bei der Abwehraktion gehabt hätte, dann wäre das Tor auch vermeidbar gewesen. Aber die Aktion von Lahm an der Mittellinie und seinen Zuckerpass auf den perfekt durchstartenden Borowski, der wiederum seine Flanke wunderschön in die Mitte zu Toni zieht. Okay, der stüppelt dann den Ball mit dem Unterschenkel über die Linie. Aber so ist er halt, der Italiener…

Der andere Italiener (hach, schöne Dellings heute, diese Überleitungen) stand dann im Mittelpunkt der am heissesten diskutierten Szene, die einerseits der Gipfel einer insgesamt sehr nickeligen und hart geführten Partie war und andererseits eine hochspannende und quasi dramatische Schlussphase einläutete. In der 84. Minute traf Massimo Oddo nämlich bei einer an asiatische Kampfsportarten erinnernden Flugeinlage Christian Träsch am Kopf und kassierte dafür die Rote Karte. Zurecht, wie ich finde, aber dazu später mehr.

Der Platzverweis war dann natürlich so etwas wie der Anpfiff zu einer druckvollen Schlussphase des VfB, der nochmal alle Kräfte mobilisierte, nachdem ihm zuvor schon teilweise die Puste auszugehen schien und so gelang dann nach einer Ecke und etwas Kuddelmuddel im Strafraum dem heute erneut stark aufspielenden Sami Khedira der zweite Treffer und der Ausgleich in letzter Minute. Und ein absolut schönes Tor zudem. Ein unter dem Strich auf jeden Fall als verdient zu bezeichnender Ausgleich, denn während der VfB in Halbzeit 1 den Bayern kaum einen Stich ließ, waren diese wiederum im zweiten Abschnitt bis auf die letzten 10 Minuten die klar bessere Mannschaft.

Kommen wir nun also zu den zwei hinterher meistdiskutierten Szenen. Zum einen der 2:2-Ausgleich, bei dem sich vor allem Rensing beschwerte. Aber wenn man sich das im TV anschaut, kann man hier nix erkennen, was entschieden regelwidrig sein könnte. Bei der Faustabwehr springt Rensing selbst in zwei Stuttgarter Spieler rein – da von Behinderung zu sprechen wäre absurd. Und im Anschluss stolpert er dann halt über den auf dem Boden liegenden Lehmann, auch das sicherlich kein Foul.

Weitaus mehr Erregung provozierte allerdings der Platzverweis gegen Oddo. Nun, wo fangen wir am besten an? Vielleicht nehmen wir einfach mal die „Berichterstattung“ bei Premieres ASAT.
Dort war ja heute bekanntermaßen der „Experte“ Franz Beckenbauer zu Gast. Und nach dem Spielbericht schaltete man dann zusätzlich zum Bayernpräsidenten noch den Trainer der Bayern, Jürgen Klinsmann, um ihn zum Spiel zu befragen. Sowohl Beckenbauer als auch Klinsmann waren (oh Wunder…) der Meinung, dass Oddo ja „den Ball spielen wollte“ und deshalb der Platzverweis völlig unberechtigt wäre. Und Beckenbauer krönte das ganze dann noch mit der Aussage, die man sich mal wirklich auf der Zunge zergehen lassen muss: „Das hat schlimmer ausgesehen, wovon sich der Schiedsrichter wohl hat beeinflussen lassen.“ Es ist ja noch irgendwo akzeptabel, wenn man ausschließlich Bayern-affine Menschen im Studio oder zugeschaltet hat – SOLANGE es dann auch einen kritisch nachfragenden Premiere-Mann dazu gibt. Bei Beckenbauer stand allerdings leider nur die blondgelockte Moderationsattrappe mit eingebauter Stichwortgeberfunktion, Dieter Nickles.
Was hätte ich mir gewünscht, wenn er Beckenbauer mal gefragt hätte, wonach sich der Schiedsrichter denn richten sollte, wenn nicht nach dem wie ein Foul aussieht.
Oder wenn er Klinsmann mal danach gefragt hätte, wie um Himmels Willen man denn auf den Gedanken kommt, einen Ball in knapp zwei Meter Höhe mit dem Fuß spielen zu wollen?!?

Mich hat das auf jeden Fall furchtbar wütend gemacht, denn das war ein absolut gerechtfertigter Platzverweis für Rohes Spiel und die Intention den Ball zu spielen, hat NICHTS aber auch ÜBERHAUPT NICHTS mit der Einstufung dieses Fouls zu tun. Wenn man mit Anlauf und einem knapp 2 Meter hoch gehobenen, ausgestreckten Fuß voran durch die Luft fliegt, dann nimmt man eine Gesundheitsgefährdung des Gegners ganz eindeutig in Kauf! Träsch hat dabei noch Glück gehabt, dass er nicht voll im Gesicht getroffen wurde.

Das Einzige wobei es eine Rolle spielt, dass Oddo zumindest nicht absichtlich in Träsch reingesprungen, ist die Festsetzung des Strafmaßes hinterher. Und da wird es wohl nur eine geringe Strafe geben, da die Bayern hier schon anständig Lobbyarbeit leisten.

Abgesehen von diesen Ereignissen war das Spiel auf alle Fälle ein weiterer Mutmacher, der sich mehr oder weniger nahtlos in die Reihe der erfolgreichen Auftritte seit dem Trainerwechsel zu Babbel/Widmayer einfügt. Das Team stellte heute unter Beweis, dass die Moral im Team stimmt und man den Willen hat, ein Spiel wirklich gewinnen zu wollen. Wirklich beruhigend zu sehen, dass man sich nach dem 1:2 eben nicht in sein Schicksal gefügt hat, und weiter gefightet hat, obwohl der Gegner die seit nunmehr 16 Spielen ungeschlagenen Bayern war.
Die Leidenschaft, der Einsatz stimmt ohnehin, wie schon in den letzten drei  Spielen erkennbar. Und wenn man jetzt in der Winterpause noch ein wenig mehr am Offensivspiel feilt und eine Defensivabteilung findet, die regelmäßig spielen wird, dann blicke ich durchaus optimistisch in die Zukunft. Zwar sind wir durch den Sieg der Bremer gegen Wolfsburg wieder um einen Platz nach hinten gerutscht und überwintern nur auf dem 10. Platz, aber rein punktemäßig sieht das alles schon wieder um einiges freundlicher aus, als noch vor wenigen Wochen.
Auf das internationale Geschäft sind es zwar immer noch ganze sieben Punkte Rückstand, aber die Teams dazwischen sind alle in Schlagdistanz. Und auch nach hinten ist das Polster ganz beruhigend – sei der Vollstädnigkeit halber gesagt.

PS: Wahnsinn, Klinsmann ist laut PK sogar der Meinung, die Attacke von Oddo sei nicht mal eine gelbe Karte wert gewesen. Entweder ist das Realitätsverlust oder der Versuch, das Strafgericht schon mal so zu beeinflussen, dass die Sperre von Oddo nur eine Minimalsperre von 2 Spielen wird.

9 Kommentare

Eingeordnet unter Ballgefühl

9 Antworten zu “Die Spätzlegabel – Bundesliga, ST17: FC Bayern München.

  1. Was der Franz da heute im Studio abgerissen hat, war unter aller Sau und bzgl. Oddo geb ich dir voll und ganz Recht. Wenn ein Spieler den Ball mit dem Fuß in zwei Metern Höhe mit dem Fuß spielen will, muss er auch mit den Konsequenzen klar kommen. Meine Güte, wie sich Klinsmann da aufgeregt hat. Hätte das jemand bei Toni gemacht, will ich nicht wissen, was los gewesen wäre.

  2. man möge mir Fuß-Wiederholungen zu dieser Uhrzeit verzeihen =)

  3. Danke für die Zustimmung. Da fange ich dann wenigstens nicht an, an mir zu zweifeln, nachdem schon Steffen Simon in der Sportschau auf den selben Zug („wollte Ball spielen“) aufsprang. Immerhin hat Töpperwien im ASS meinem Regelverständnis in beiden kritischen Szenen dann voll zugestimmt.

    Wie oben schon angedeutet, je mehr ich darüber nachdenke, desto eher glaube ich, dass die Bayern nun vor allem versuchen das Strafmaß durch öffentlichen Druck zu reduzieren. Anders kann ich es mir ehrlich gesagt nicht erklären, wie man zu einer Einschätzung kommen kann, dass die Aktion nicht einmal gelbwürdig sein sollte.

    Ah, das macht mich wütend.

    PS: Deine vielen Füße seien Dir verziehen. =)

  4. Vollkommen richtig, wie du die Rote Karte einordnest – vollkommen typisch die Bayern-Reaktion. Die Szene erinnert mich an den Wiese-Sprung gegen Olic letzte Saison; da haben sich einige eigentlich unbeteiligte Bayern-Fans ganz schön ereifert über den Bremer.

  5. Das stimmt wohl, da gab es ja auch einiges an Aufregung bei Bayern-Fans – aber das war natürlich auch eine krasse Geschichte, die sicherlich noch mal etwas heftiger war, als die von Oddo. Dem gestehe ich nämlich schon zu, dass er den Gegner nicht sah. Das ändert halt nur nix an seinem potentiell gesundheitsgefährenden Einsatz, der mit Rot bestraft gehört, sondern -wie oben erwähnt- nur etwas am Strafmaß.

    Den Vogel schoß aber heute ohnehin der König der Dummheiten, Udo Lattek ab, der scheinbar ernsthaft, Christian Träsch eine Mitschuld geben wollte, weil der sich nicht wegduckte. Gut, dass ich den ohnehin nicht mehr für zurechnungsfähig halte.

  6. Pingback: Da war mehr drin. « angedacht

  7. Sehr schön, Deine Ausführungen zur kritischen Berichterstattung bei Premiere…

    Warst Du wirklich in den USA oder doch eher im Trainingslager mit Markus Babbel? Die Deinem Text innewohnende -und von mir geteilte- Zuversicht spricht für letzteres…😉

  8. Jup, das mit Premiere lag mir doch am Herzen. Vor allem, wo an diesem Wochenende wieder (gerade auch von Bayern-Fans) die „Hofberichterstattung“ zur TSG Hoffenheim angeprangert wurde.

    Wenn man aber mal ehrlich ist, dann ist die Bayernlastigkeit in der Auswahl der Experten und der Themen sowieso noch viel frappierender – nur hat man sich da dann schon dran gewöhnt.
    Bei Spielen gegen die Bayern fällt es einem nur dann wieder verstärkt auf.

    Hehe, nein, war schon in den USA (die sind aber ja gerade bekannt für Ihren schwer zu brechenden Optimismus!). Eine Woche im Süden Floridas. Ich hoffe, ich kann mich heute abend dazu aufraffen, darüber ein wenig zu texten und mit entsprechenden Bildern zu garnieren.

  9. Pingback: Das war der 17. Spieltag | Heimkabine.de

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