Die Spätzlegabel – ST 7: SV Werder Bremen.

Nach einer eher ernüchternden Woche für uns VfB-Fans, stand am gestrigen Samstag die Offensiv-Maschinen aus Bremen an und damit aller Voraussicht nach eine weitere Ernüchterung. Doch es kam anders…

Bundesliga, Spieltag 7:
VfB Stuttgart – SV Werder Bremen 4:1 (2:0)

Ich werde aus dieser Mannschaft nicht schlau! Am letzten Wochenende dachte ich eigentlich, dass ich soweit gelernt hätte sie einschätzen zu können. Nämlich, dass es für die Mannschaften der unteren Tabellenhälfte in der Regel reicht, da das Mittelfeld weniger in der Defensive gebunden ist, während sie gegen die generell offensiv stärkeren Teams des oberen Tabellendrittels wenig Chancen haben, da man hinten zu anfällig ist und die Mittelfeldspieler dementsprechend mehr Defensivaufgaben übernehmen müssen und weniger nach vorne helfen können.
Und da unter der Woche dann auch noch im UEFA-Cup ein wirklich furchtbares Spiel gegen Cherno More Varna stattfand, bei dem man sich im Grunde nur darüber freuen konnte, dass es letztlich doch noch zum Weiterkommen reichte, während die Bremer in Mailand ein respektables Unentschieden holten, gab es sehr, sehr wenig Anlaß zur Hoffnung. Zumal dann auch hinzu kam, dass zwischen dem UEFA-Cup-Auftritt und dem Anpfiff der Bundesligapartie gerade mal 44 Stunden lagen.

Das Endergebnis von 4:1 war dann aber bei weitem kein Zufall, sondern ein absolut logisches Ergebnis, welches tatsächlich den Spielverlauf und die Kräfteverhältnisse widerspiegelte – was vielleicht die größte Überraschung war. Denn es entwickelte sich ein Spiel, in dem der VfB die Bremer phasenweise nahezu an die Wand spielte, in einer Art und Weise, wie ich es sehr lange nicht mehr von den Stuttgartern gesehen habe. In der vergangenen Saison kann ich mich nicht an eine solche Leistung erinnern, da muss man wohl eher noch in die Meistersaison zurückgehen…

Denn meisterlich war das beinahe schon gestern. Okay, nein, ich werde jetzt nicht überschnappen, denn die Bremer waren doch auch erschreckend schwach und weitestgehend harmlos. Aber es lag eben nicht nur am schwächelnden Gegner sondern auch daran, dass das gesamte Team endlich einmal den Willen zeigte, einen Gegner wirklich zu dominieren und das Spiel von Beginn an selbst zu gestalten. Eine Qualität, die ich bei der Mannschaft in dieser Saison bislang vermisst habe. Und ich habe den starken Verdacht, dass dies in direktem Zusammenhang mit dem nahezu blamablen Auftritt gegen More Varna steht, als man wirklich nur hauchdünn am Ausscheiden vorbeischrammte. Wiedergutmachung war angesagt – und erfreulicherweise schien dies auch jeder zu wollen.

Speziell bei den Mittelfeldspielern war dies mehr als augenscheinlich. Nehmen wir beispielsweise Sami Khedira und Roberto Hilbert, die beide eine sehr bescheidene Spielzeit hinter sich haben, nachdem sie in der Meistersaison noch beide zu den Shooting-Stars gehörten. Gestern aber stand Khedira in der Defensive weitestgehend sicher und spielte endlich wieder mal seine offensiven Stärken aus, indem er ein ums andere Mal mit einem seiner Antritte durch die Bremer Defensivreihen schnitt. Der zweite oder dritte dieser Antritte bescherte dem VfB dann auch, nach tollem Zuspiel durch Cacau, den frühen Führungstreffer.
Auch Hilbert zeigte endlich einmal wieder die Flankenläufe auf der linken rechten Seite, die ihn in die Nationalelf gebracht haben. Einer seiner Läufe führte zur Ecke, die dann das 2:0 einbrachte. Zudem bereitete er das 4:1 von Lanig vor und machte zwischendurch sogar noch das 3:1 selbst. Sicherlich einer der Spieler des Spiels.

Auch sein Gegenstück auf der rechten linken Seite, Arthur Boka, machte ein gutes und auffälliges Spiel. Nachdem er in der letzten Saison noch vorwiegend als Alternative auf der rechten Abwehrseite, hat er sich in den vergangenen Spielen nun als Option für das rechte linke Mittelfeld etabliert, und machte am Samstag nun ein ähnlich starkes Spiel wie Hilbert – wenngleich auch nicht so auffällig wie er. Hitzlsperger fiel gegen diese Drei fast ein wenig ab, zeigte aber dennoch auch wieder eine ansprechende Leistung.

Ohnehin war das eigentlich die wahre Geschichte dieses Spiels: Dieses Mal waren es eben NICHT wie zuletzt so häufig die üblichen Verdächtigen, namentlich Hitzlsperger und Gomez, die das Gesicht der Begegnung prägten, sondern diverse andere, die für die Entscheidung sorgten. Und das ist das, was mir wirklich Hoffnung gibt. Denn neben dem Mittelfeld, das endlich einmal seine Klasse nachweisen konnte, überzeugte auch die Abwehr weitestgehend und ließ nur wenig zu. Der Freistoß zum Bremer Treffer durch Diego war zwar überflüssig, kann aber passieren – und auch nicht jeder gegnerische Freistoßschütze wird solch ein unhaltbares Ding auspacken. 
Zu den „anderen prägenden Spielern“ zählte an diesem Spieltag übrigens auch wieder mal ein neues Talent, dieses Mal Christian Träsch. Der gebürtige Ingolstädter war im letzten Jahr nach seinem Wechsel von 1860 noch vorwiegend im Regionalligateam des VfB zugange und hatte damals lediglich einen durchaus überzeugenden Erstliga-Auftritt gegen Schalke. Nun brachte ihn Veh auf der rechten Abwehrseite und der bedankte sich nicht nur mit einer einwandfreien Abwehrleistung, sondern auch noch mit einer großartigen Vorlage zum 3:0 und einem Treffer, der gute Chancen für die Wahl zum Tor des Monats haben dürfte.
Und er war nicht das einzige Talent, das zum Einsatz kam, sondern auch Sebastian Rudy durfte wieder einige Minuten Erstligaluft schnuppern, nachdem er schon gegen More Varna 88 Minuten spielte. Veh sorgt also weiterhin dafür, dass die Schnittstellen zwischen zweiter und erster Mannschaft offen sind – selbst für den 35jährigen Marijan Kovacevic, der am Samstag eingewechselt wurde und sonst eigentlich die jungen Spieler in der Nachwuchstruppe führt.

Vielleicht war diese Woche, mit der klaren Niederlage in Dortmund, dem Nahezu-Tiefpunkt am Donnerstag, der aber zumindest zur Ziellerreichung genügte, und dem jetzigen Klassespiel gegen Bremen, der „Turning Point“ in dieser Saison, der das Team zusammenschweisst und endlich das benötigte Selbstvertrauen gibt, dass das Team an sich selbst glaubt.

Leider hatte ich diese Hoffnung schon zu häufig und es folgte auf solch eine starke Leistung wieder der Rückfall in reaktives Verhalten auf dem Platz. In zwei Wochen, nach der Länderspielpause, geht es dann nach Berlin und über die kann man sicherlich auch mal stolpern – siehe Leverkusen.

Seitenblick – Dritte Liga: VfB Stuttgart II – SC Paderborn 07 1:2 (0:1)

Das Auf und Ab der zweiten Mannschaft des VfB geht weiter, allerdings ist eine Niederlage gegen den Tabellenführer sicherlich alles andere als peinlich oder nicht erwartbar – zumal ja mit Kovacevic und Träsch zwei wichtige Spieler beim Profi-Team weilten. Dennoch war in der Begegnung mehr drin, denn nach dem frühen Gegentor baute Stuttgart sukzessive mehr Druck auf und war dann in der zweiten Hälfte ziemlich überlegen, was dann nach einer Stunde auch endlich belohnt wurde, als Schieber endlich den Ausgleich machte. Die eher enttäuschende Chancenverwertung rächte sich dann allerdings kurz darauf schon, als die Paderborner plötzlich wieder in Front lagen und dadurch auch die Sicherheit gewannen, um das Spiel in den letzten zwanzig Minuten über die Runden zu bringen. Tabellarisch liegt man aber weiterhin im gesicherten Mittelfeld und ist erfreulicherweise mit 14 Punkten aus 9 Spielen absolut im Soll.

Nationalstürmer-Effektivitäs-Watch:

1. Patrick Helmes – 10 Spiele / 8 Tore / 2 Assists => NEW-Faktor 2,60
2. Mario Gomez – 14 / 10 / 2 => 2,29
3. Sebastian Freis* – 8 / 5 / 0 => 1,88
4. Stefan Kiessling* – 8 / 4 / 4 => 1,78
5. Miroslav Klose – 10 / 6 / 0 => 1,58
—————————–

6. Lukas Podolski – 11 / 5 / 0 => 1,25 
7. Kevin Kuranyi – 13 / 5 / 1 => 1,23

Bestandteil dieses Rankings sind nur Einsätze in Pflichtspielen von Verein und Nationalmannschaft. Freundschaftsspiele zählen nicht dazu. Das Ranking umfasst deutsche Stürmer der ersten Bundesliga (und rein theoretisch auch ausländischer erster Profiligen).
* = derzeit nicht im Nationalmannschaftskader

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Ballgefühl

3 Antworten zu “Die Spätzlegabel – ST 7: SV Werder Bremen.

  1. phuuu… da haben ja zwei wundertüten gegeneinander gespielt. klasse spiel der stuttgarter – bei bremen ging ja nun gar nichts, allerdings muss man die ja trotzdem erstmal so an die wand spielen. respekt. hätte ich nicht gedacht, v.a. nach dem spiel am donnerstag.

  2. Fever Pitch

    Ein sehr gutes Fazit der Partie. Da verzeih ich auch die kleine rechts-links Schwäche 😉

  3. @Jens

    In der Tat, „zwei Wundertüten“ trifft ziemlich den Kern der Sache. Wobei ich hoffe, dass sich das (auf positivem Niveau) bald für Stuttgart stabilisiert.
    Wie oben schon geschrieben, erwartet hatte ich das auch absolut nicht. Auch wenn ich auf einen 2:1-Sieg für Stuttgart im Tippspiel getippt habe. Aber das war eher aus Tradition…

    @Fever Pitch
    Man dankt für das Kompliment! Und auch danke für den Hinweis. Das ist natürlich ziemlich dämlich und auch ein wenig peinlich. Gerade wo einem schon mal die Ehre teil wird, von 11Freunde zitiert zu werden… Wie ging noch das alte Zukowski-Lied? „Wer links und rechts nicht unterscheiden kann, ist ein armer Mann, ist ein armer Mann…“

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