Europameister.

Bei all den Diskussionen über Bundesligarechte, Zentralvermarktung, Kartellamt und Fernsehgelder, die derzeit die Medien und die Blogs überschwemmen, wird ganz gerne vergessen, dass das wirklich Entscheidende ja eigentlich das Fußballspielen selbst ist. Nicht nur, dass die dritte Liga an diesem Wochenende gestartet ist (was der Sportschau heute abend nicht einmal 30 Minuten Übertragungszeit wert war – stattdessen gab es fünf Minuten über den VfL Wolfsburg beim Sommerbob…) – nein, heute abend hat auch das Finale der U19 Europameisterschaft in Tschechien stattgefunden,  bei dem sich Italien und die deutsche U19-Auswahl gegenüber standen.

Ein Spiel, in dem sich das deutsche Team absolut verdient mit einer kämpferisch, wie spielerisch überzeugenden Leistung heute den Europameisterschaftstitel sichern konnte und dem damit das gelang, was den „Großen“ einen Monat zuvor verwehrt blieb.

3:1 lautete das Endergebnis einer wirklich ansehnlichen und intensiven Begegnung, in der die Jungs von Horst Hrubesch das bestätigen konnten, was sie schon fast das ganze Turnier über gezeigt haben.

Es begann mit einem zwar knappen, aber absolut verdienten Sieg gegen den Nachwuchs des Europameister Spaniens, die ihrerseits ebenfalls als Titelverteidiger an den Start gingen, bei diesem Turnier aber unter dem Strich mit lediglich einem Sieg im dann bedeutungslosen letzten Spiel hochgradig enttäuschten.
Auch der zweite Auftritt der Deutschen war von Erfolg gekrönt, denn deutlich mit 3:0 konnte man den am Ende Gruppenletzten aus Bulgarien schlagen. Schon zur Pause führte man 2:0 und konnte so mit einer soliden Leistung die Halbfinal-Teilnahme schon vorzeitig klar machen.
Im letzten Gruppenspiel ging es dann gegen die ebenfalls punktverlustfreien Ungarn, die sich -im Gegensatz zu Horst Hrubesch- in dieser Begegnung dazu entschieden, einige Leistungsträger wie zum Beispiel Krisztian Nemeth vom FC Liverpool zu schonen. Dennoch wurde es kein leichtes Spiel. Zwar ging man in der 35. Minute durch Reinartz in Führung, musste aber, nachdem man einige gute Chancen vergeben hatte, in der 74. Minute den Ausgleich hinnehmen.
Dass die U19 aber auch mental top von Hrubesch eingestellt worden ist, stellte sie dann unter Beweis, als Marcel Risse nur zwei Minuten nach dem 1:1 den letztlichen Siegtreffer erzielen konnte.

Somit konnten die deutschen Jungs also als souveräner Gruppenerster ins Halbfinale einziehen, wo sie dann auf den Gastgeber Tschechien trafen. Die hatten sich, recht überraschend, in einer knappen Gruppe mit Italien (am Ende Gruppenerster mit nur 5 Punkten), England und Griechenland durchsetzen können.

Im Halbfinale lieferte die deutsche U19 dann leider ihre schwächste Leistung des gesamten Turniers. Die ersten 20 Minuten wurden von Deutschland zwar gewohnt dominant gestaltet und es konnte sogar recht früh der Führungstreffer erzielt werden (unter gütiger Mithilfe durch den tschechischen Torhüter), doch wurde das Heft des Handelns danach beinahe mutwillig an die tschechische Mannschaft übergeben, die schon in der 24. Minute das 1:1 markieren konnten. 
Gegen die kämpferisch starken Tschechen mit der Unterstützung des Heimpublikums im Rücken mangelte es der deutschen Mannschaft danach zunehmend an Durchschlagskraft in der Offensive. Gerade der sonst sehr starke Mittelfeldmotor Timo Gebhart vermochte dem Spiel nach vorne kaum entscheidende Impulse zu geben. Immerhin stand man defensiv so stark, dass auch die Tschechen ausser durch Standards kaum Gefahr entwickeln konnten, so dass es dann gerechterweise in die Verlängerung ging. Auch da ging es zunächst ohne große Highlights weiter – bis dann in der 119. Minute der seit dem Bulgarienspiel verletzte Sukuta-Pasu mit einem Gewaltschuss aus 16 Metern das Elfmeterschiessen verhinderte und die deutsche Mannschaft ins Finale schoss.

Heute dann, wie gesagt, das Finale gegen die Italiener, die sich zuvor ähnlich knapp gegen die Ungarn mit 1:0 im Halbfinale durchsetzen konnten und die heute der deutschen Mannschaft nicht viel entgegenzusetzen hatten. Zwar hatte man direkt zu Beginn einige starke Szenen, aber nach ein paar Minuten wurden die Deutschen immer stärker, so dass der Führungstreffer durch einen tollen Schuss von Lars Bender in den Winkel die zwingende Konsequenz war. Danach spielten die U19 engagiert und konzentriert weiter und ließen den Italienern wenig Chancen zum Durchkommen – bis dann Kapitän Florian Jungwirth innerhalb von 2 Minuten zwei gelbe Karten kassierte und damit zurecht vorzeitig den Platz verlassen musste.
Dies brachte die Jungs von Hrubesch erstmal völlig aus dem Konzept, so dass die Italiener plötzlich Morgenluft witterten und sich in der Folge mehrere gute Chancen erarbeiten konnten und sogar einen Handelfmeter hätten bekommen können. Immerhin gelang Deutschland durch Deniz Naky kurz vor der Pause noch einmal zwei gefährliche Situationen zu erarbeiten, so dass man zumindest mit einem halbwegs guten Gefühl in die Kabinen zu gehen. 
Dort schien Hrubesch dann die richtigen Worte gefunden zu haben, denn man stand hinten wieder stabil und den Italienern schien gegen diese neugestaffelte Hinterreihe wieder mal wenig einzufallen. Zudem blieb die dezimierte deutsche Mannschaft auch in der Offensive stets gefährlich und man fuhr über Gebhart, Lars Bender und Naki immer wieder äußerst schnelle Konter, die der italienischen Defensive immer wieder Kopfzerbrechen bereiteten und in der 61. Minute vom wieder mal starken Sukuta-Pasu erfolgreich zum 2:0 abgeschlossen werden konnten. 
Als dann in der 69. Minute auch noch Gentilli vom Platz musste und das numerische Gleichgewicht von den Italienern wieder hergestellt wurde, schien der Sieg dann nur noch Formsache zu sein. Doch scheinbar ließ das deutsche Team sich auch von diesem Feldverweis wieder aus dem Tritt bringen, so dass man sich in der Defensive plötzlich innerhalb von kurzer Zeit einige Unsicherheiten erlaubte, die dann sogar zum Anschlusstreffer führten. Doch wie schon im Spiel gegen die Ungarn bewies Deutschland auch dieses Mal Moral und Siegeswille, als Gebhart nur Minuten später mit dem Kopfballtreffer zum 3:1 seine hervorragende Leistung krönte. Damit war der kurzzeitig aufflackernde Widerstand schnell erstickt und der Rest dann tatsächlich nur noch Formsache bis Kapitän Jungwirth kurze Zeit später den Pokal in den Himmel von Sterlnice reissen durfte!

Herzlichen Glückwunsch zu dieser tollen Leistung!

 

Mit diesem tollen Spiel wurde auf jeden Fall, wie schon bei „den Großen“, die beste Mannschaft des Turniers am Ende auch der Sieger und konnte somit die gute Jugendarbeit der vergangenen Jahre in Deutschland bestätigen, die schon mit dem dritten Platz bei der U17-WM 2007 (und der Krönung von Toni Kroos zum besten Spieler des Turniers) erste Früchte getragen hat.

Besonders erwähnenswert ist dabei, dass gleich 10 Spieler des 19köpfigen Kaders aus den Talentschmieden von Bayer Leverkusen und -hört, hört!- Zweitligist 1860 München stammen, die mit jeweils 5 Spielern das Hauptgerüst der Mannschaft bilden. Gerade für die Sechziger ist das natürlich eine tolle Bestätigung des Weges, den sie -notgedrungen- im letzten Jahr gehen mussten, denn im Gegensatz zu den Leverkusenern U19-Spielern, sind die Teilnehmer von 1860 in der vergangenen Saison fast alle regelmäßig in der ersten Mannschaft zum Einsatz gekommen. Dazu gesellten sich zwei Spieler vom SC Freiburg, fünf Spieler von weiteren deutschen Teams (Mainz, Schalke, Bremen, Cottbus, Bayern) und darüber hinaus noch Savio Nsereko von Brescia Calcio und Torwart Ron-Robert Zieler von Manchester United.

Zieler stellt dabei mal wieder unter Beweis, dass Deutschland auf der Torhüterposition auch in Zukunft keine großen Probleme haben dürfte. Nicht dass wir mit Adler und Neuer (sowie mit Abstrichen Rensing) nicht schon genug Top-Nachwuchskräfte hätten… Zieler, der jüngst eine Vertragsverlängerung bis 2010 vom Champions League-Sieger aus England bekommen hat, war jedenfalls ein sicherer Rückhalt des deutschen Teams und musste in den fünf Spielen nur 4 Gegentreffer hinnehmen, wobei er lediglich beim heutigen Tor der Italiener eine Mitschuld trug.
Die lediglich vier Gegentore waren aber sicherlich auch ein Verdienst der starken Abwehrreihe, um Kapitän Florian Jungwirth von 1860. Der bildete zumeist mit Dennis Diekmeier (Werder Bremen), Björn Kopplin (Bayern München) und Stefan Reinartz (Leverkusen) die Viererabwehrkette. Zeitweise kam auch Ömer Toprak (Freiburg) statt Kopplin zum Einsatz. Alle fünf boten im Laufe des Turnies eine einwandfreie Leistung, ohne dass allerdings jemand wirklich positiv herausragte. Lediglich Reinartz erlaubte sich zwischenzeitlich mal ein paar kleinere Aussetzer – die er dann aber meist wieder gut machen konnte, wie bspw. beim Ungarn-Spiel als er bei einem Foul nach schlechtem Stellungsspiel Glück hatte nicht rot zu bekommen, aber kurz darauf dann den Führungstreffer von Deutschland erzielte.

Das unbestreitbare Prunkstück der deutschen Mannschaft ist aber sicherlich das Mittelfeld, das sowohl offensiv als auch defensiv mit großartigen Talenten bestückt ist. In der Defensive sorgten vor allem die Bender-Zwillinge Lars und Sven (1860) dafür, dass das Angriffsspiel der Gegner oft schon im Niemandsland verlangsamt wurde, wobei vor allem auch Lars sich immer wieder in die eigene Offensive einschaltete und dabei vor allem Vereinskollege Timo Gebhart unterstützte, der sicherlich die bestimmende Figur für das Spiel nach vorne ist. Komplettiert wurde das Vierer-Mittelfeld dann in der Regel entweder durch Marcel Risse (Leverkusen) oder den Schalker Danny Latza, die beide in der Regel ordentlich spielten, aber im Vergleich zu den drei 60ern doch etwas abfielen. Für Bastian Opczika (ebenfalls Leverkusen) und Mario Vrancic (Mainz) blieben hingegen nicht mehr als ein paar Kurzeinsätze nach Einwechslung übrig.
1860 München kann sich hier über ein großartiges Mittelfeld-Trio freuen, bei dem man nur hoffen kann, dass Trainer Marco Kurz ihnen auch in der kommenden Saison regelmäßig Einsatzmöglichkeiten geben wird. Für den deutschen Fußball würde das sicherlich gut sein.

Ebenfalls sehr positive Eindrücke hinterließ die Abteilung „Sturm“ der deutschen U19 Nationalelf. Nachdem Manuel Fischer, der Stuttgart im letzten Saisonspiel noch die UI Cup-Teilnahme rettete, aus „konditionellen Gründen“ nicht norminiert wurde [ich glaube ja eher, dass der VfB ihn für die Bundesligavorbereitung braucht], entschied sich Hrubesch für die zwei Leverkusener Naki und Sukuta-Pasua, sowie Savio Nsereko (Brescia Calcio – bis 2005 allerdings auch bei 1860 München!) und Rahman Soyudogru vom SC Freiburg. Letzterer war dabei allerdings lediglich Nummer 4 und kam nur auf eine Einwechslung in der 89. Minute des Spanien-Spiels.
Die anderen drei kamen hingegen allesamt auf regelmäßige Einsätze, was auch an der zwischenzeitlichen Verletzung des erfolgreichsten deutschen Torschützen Richard Sukuta-Pasu lag, der insgesamt drei Treffer erzielen konnte. Aber auch der laufstarke Naki und der Dribbler Nsereko stellten ihre Stärken absolut unter Beweis. Einzig negativ fiel die Undiszipliniertheit von Nsereko auf, der mit einer dummen Aktion im Halbfinale die zweite gelbe Karte kassierte und damit ausgerechnet im Spiel gegen die Italiener gesperrt war.

Unter dem Strich also eine Reihe wirklich guter Spieler, die hier im Nachwuchsteam des DFB stehen und den ersten Jugend-Titel seit 1992 gewinnen konnten. Hoffen wir mal, dass die Jugendausbildung in Deutschland weiterhin so konsequent vorangetrieben wird – dann können wir vielleicht auch in Zukunft ohne zusätzliche TV-Gelder weiterhin Erfolge des deutschen Fußballs feiern.

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