Hirngäbli #03 – Die unregelmäßige Kolumne zur Euro 2008

Die ersten Entscheidungen sind gefallen…

 

Gruppe A

Portugal – Tschechien 3:1 (1:0)

Viel zu diesem Spiel schreibe kann ich eigentlich gar nicht, denn live gesehen habe ich von der Begegnung herzlich wenig. Lediglich ca. 25 Minuten der ersten Hälfte, bevor ich dann selber kicken gegangen bin. In dieser Phase habe ich zumindest erstarkte Tschechen gesehen, die den Portugiesen durchaus ebenbürtig waren. Dem Vernehmen nach war das wohl auch übers gesamte Spiel betrachtet so, wobei es die Tschechen aus dem Aufdecken der portugiesischen Abwehrschwächen vernünftig Kapital zu schlagen. Und letzten Endes hat dann wohl die größere individuelle Klasse auf Seiten Portugals den Ausschlag gegeben,

Schweiz – Türkei 1:2 (1:0)

Auch hier fehlt mir aufgrund der eigenen Balltreterei die komplette erste Hälfte, von der ich bis auf einen lauten Torjubel aus den umliegenden Gebieten nicht viel mitbekommen habe. Dafür hab ich dann allerdings die zweite Hälfte in einem nahegelegenen Biergarten sehen können (in dem wir zufälligerweise direkt hinter Teilen der deutschen Handballnationalmannschaft saßen…). Und was bin ich froh, dass ich diese zumindest sehen konnte, denn das war sicherlich die bisher intensivste und unterhaltsamste Hälfte dieser EM. Das hatte sicherlich weniger mit der technischen und spielerischen Stärke beider Teams zu tun, sondern vielmehr damit, dass beide Teams ähnlich stark waren, beide mit offenem Visier spielten und wirklich alles gaben auf dem extrem schwer bespielbaren weil völlig durchnässten Rasen. Es ging hin und her, ohne dass man sich mit großem Mittelfeldgeplänkel aufhält und das hat wirklich einfach Riesenspaß gemacht. Irgendwer, ich glaub es war dogfood, schrieb von einem K.O.-Runden-Spiel – und genau so wirkte es wirklich auch die ganze Zeit in der zweiten Hälfte. Dass dann alles auch noch in einem derart dramatischen Finale gipfelte, in dem die Türken in der Nachspielzeit glücklich aber nicht unverdient den Siegtreffer machten, war da eigentlich nur konsequent. Das war natürlich schon sehr schade, da ich doch ein wenig mit den Schweizern sympathisiert hatte, aber so haben wir dann zumindest schon mal die erste endgültige Entscheidung dieses Turniers: Die Schweiz kann sich ab Sonntag abend komplett auf ihre Gastgeberrolle konzentrieren und darf ab dann nur noch zuschauen. Gleichzeitig bedeute diese Konstellation dann auch, dass die Portugiesen nicht nur sicher durch sind, sondern ihre Gruppe auch auf Rang 1 abschließen werden, egal wie sie im letzten Spiel abschneiden und unabhängig vom Ausgang des „Endspiels“ zwischen Türken und Tschechen am kommenden Sonntag (bei Punktgleichheit entscheidet schließlich der direkte Vergleich noch vor dem Torverhältnis und der spricht gegenüber beiden Teams für die Portugiesen).
Daher gilt am Sonntag also volle Konzentration auf das Spiel zwischen den Türken und den Tschechen, und da ist die Sachlage eigentlich ganz simpel: Wer gewinnt, kommt weiter.
Geht das Spiel allerdings unentschieden aus, dann kommen wir zu einem regeltechnischen Sonderfall und einer „Weltpremiere“ – denn dann wird ein Elfmeterschiessen über den Einzug ins Viertelfinale entscheiden, da beide Teams mit dem gleichen Torverhältnis in die Begegnung gehen. Und das wäre doch mal was feines!

 

Gruppe B

Kroatien – Deutschland 2:1 (1:0)

Frust. Ernüchterung. Ratlosigkeit. Das sind so die Worte, die mir als erstes einfallen. Eigentlich würde ich ja das Spiel gerne möglichst schnell vergessen, denn es war gelinde gesagt furchtbar! Man fühlte sich phasenweise (genauer gesagt 90 Minuten lang) an düsterste Ribbecksche Zeiten erinnert. Von vorne bis hinten war dieses Spiel ein einziger spielerischer Offenbarungseid, den ich mir weder vorher vorstellen, noch nachher erklären konnte.
Eine Einzelkritik vorzunehmen fällt mir ehrlich gesagt schwer, denn diese Niederlage war heute weniger an einzelnen Spielern festzumachen, sondern vielmehr ein kollektives Mannschaftsversagen, das mich völlig ratlos zurücklässt. Von vorne bis hinten war die Mannschaft verunsichert, fehlte der Biss, die Struktur, die Abstimmung – im Grunde alles das, was z.B. im Polenspiel noch wie selbstverständlich zu funktionieren schien, zumindest in der ersten Halbzeit.
Einiges hat mich heute an das Spiel von Italien gegen Holland erinnert, wo man ebenfalls den Eindruck hatte, dass die Italiener im Bewusstsein eines sicheren Sieges mit einer gewissen Überheblichkeit aufgetreten sind und dann von aggressiv auftretenden Holländern derart überrannt worden sind, dass Struktur und Ordnung, wie auch Selbstbewusstsein völlig verloren gegangen sind. Und sehr ähnlich war es heute auch. Man hatte das Gefühl Deutschland war schon im Viertelfinale bevor das Spiel angepfiffen wurde. Doch dann kam der Anpfiff und direkt wurde man schon ganz früh im eigenen Spielaufbau von zwei, drei Leuten attackiert und die spielerische Linie ging schon im Ansatz völlig flöten. Man konnte fast denken, dass die Deutschen mit so viel Gegenwehr gar nicht gerechnet hatten.
Das Problem lag da meiner Meinung nach vor allem in der Defensivarbeit der Mittelfeldspieler. Hab das Spiel heute aus Ermangelung an sozial verträglichen Alternativen leider dieses Mal alleine zu Hause verfolgen müssen und hab meinem Frust dann ein wenig im Live-Blog der Kollegen vom EM-Blog Luft machen können. Und dort habe ich just beim Anfang des Spielzugs, der zum 0:1 führte, geschrieben, dass das Mittelfeld viel zu passiv und statisch sei – und das hat sich denn auch wenige Sekunden bitter gerächt.
Ich mein, der allgemeine Tenor scheint ja jetzt zu sein, vorwiegend auf Marcell Jansen rumzuhacken. Und der sah sicherlich auch zweimal eher unglücklich aus. Das Problem lag allerdings eher daran, dass er nur am Ende einer längeren Fehlerkette stand, die meistens mit absolut 0 Forechcecking im Mittelfeld begann, wo man regelmäßig die kroatischen Aufbaubemühungen nur mit Abstand begleitete – also das völlige Gegenteil von dem was eben die Kroaten machten. Dadurch entstanden dann Lücken und Überzahlsituationen gegen die die Abwehrreihen dann oftmals überfordert waren. Ein Grund hierfür, auch wenn es eher unpopulär erscheint, ist wohl auch in dem Experiment mit Podolski im Mittelfeld zu sehen. Bei ihm fehlte heute deutlich die Bindung ans Defensivspiel und hier wäre man wohl mit einer defensiveren Variante wie Hitzlsperger oder Borowski besser gefahren – aber hinterher ist man halt immer schlauer. Aus taktischer Sicht muss man ebenso noch leichte Kritik an der Einwechslung von Odonkor üben. Die Idee mit einem schnellen Mann auf aussen, ein Gegengewicht zu schaffen und die Kroaten mehr in der Defensive zu binden ist durchaus in Ordnung (war ja vor 2 Jahren gegen die Polen ähnlich) – aber dann kann ich ihn nicht nachher dadurch verschenken indem ich ihn auf eine Aussenverteidigerposition versetze. Damit war der gute Junge leider hoffnungslos überfordert.
Meine Vermutung ist daher, dass Löw am kommenden Montag einige Umstellungen vornehmen wird. Podolski wird vermutlich in den Sturm aufrücken und dort eher Gomez denn Klose verdrängen – auch wenn sich beide heute in Sachen Ineffektivität nicht viel gegeben haben. Die Position im MF wird dann zugunsten einer stabileren Defensive gegen die doch recht stürmisch auftretenden Österreicher dann entweder Borowski oder Hitzlsperger übernehmen. Ob dann in der Abwehr Jansen oder Friedrich spielen wird ist dann letztlich wurscht – ich tippe aber auf Friedrich, alleine um die Medien ruhig zu stellen…

Die dann etwas defensivere Grundausrichtung sollte gegen die wie gesagt doch oft im Hurra-Stil spielenden Österreicher sicherlich die richtige Variante sein, indem man hier mit einem dichteren, aggressiv auftretenden Mittelfeld den sicherlich top motivierten und vom Publikum hochgepeitschten Ösis den Zahn versucht zu ziehen, um dann mit gezielten Kontern die entscheidenden Nadelstiche zu versetzen. Denn klar ist: Wir müssen nicht gewinnen, die Österreicher schon, und je länger es nicht zu einer Führung für unsere Alpennachbarn reicht, umso verzweifelter werden sie sicherlich. Von daher sehe ich auf jeden Fall recht positiv für ein Erreichen des Viertelfinals – die Frage ist dann nur was dort kommt… Die Antwort: Portugal. Und die sind ja nun auch alles andere als Laufkundschaft, auch wenn sie definitiv ihre Schwächen haben. Aber bis dahin müssen wir erstmal den entscheidenden Schritt am Montag noch schaffen. Und dafür werde ich dann wahrscheinlich auch in die Heimat reisen, damit ich das Spiel wieder da und mit den Leuten gucken kann, wo ich auch das Eröffnungsspiel und die WM 2006 beinahe komplett geschaut habe.
Aberglaube gehört halt einfach zum Fußball. =)

Österreich – Polen 1:1 (0:1)

Nachdem ich grad schon so ausführlich geworden bin, versuche ich mich dann hier wieder etwas kürzer zu halten. Im Grunde ist das Spiel ja auch schnell zusammengefasst. Österreich drückt wie nichts gutes, hat Chancen für zwei Spiele, glänzt aber neben ansehnlichem, schnellen Kombinationsspiel vor allem durch völlige Unfähigkeit vor dem Tor.  Die Polen hingegen warten relativ cool ab, verlassen sich völlig auf ihren überragenden Keeper Boruc und machen dann einen Angriff, der direkt zum Tor führt. Unverdient und zudem auch noch deutlich Abseits. Anschließend sind die Österreicher erstmal von der Rolle, Polen verdient sich die Führung im Nachhinein und kommt vor allem durch den glänzend aufgelegten Guerreiro immer wieder gut vors gegnerische Tor. Bis dann irgendwann das Spiel ausgeglichener wird, die Österreicher wieder etwas mehr Druck aufbauen können und dann in der Nachspielzeit ein -berechtigter, wie verdienter- Elfmeter zum gerechten Ausgleich führt.
Für die Stimmung im Gastgeberland ist das auf jeden Fall super und sicherlich wird in den kommenden vier Tagen das Thema „Cordoba“ mehr als ohnehin durch die Medienlandschaft in beiden Ländern geprügelt – aber am Ende wird es dann, wenn alles halbwegs normal läuft, doch gut für uns ausgehen. Dazu fehlt den Österreichern einfach ein Stürmer mit richtigem Format und zudem die Sicherheit in der Abwehr. Wenn wir die erste Sturmphase der Ösis gut überstehen und möglichst selbst in dieser Phase noch einige Akzente setzen können, dann wird es reichen. Hauptsache wir treten nicht so furchtbar auf wie heute.

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