Hirngäbli #01 – Die unregelmäßige Kolumne zur Euro 2008

Ein Thema, das in diesem Blog bisher ziemlich kurz gekommen ist, ist eigentlich meine größte und langjährigste Leidenschaft – König Fußball. Und nachdem ich erst während der laufenden Bundesliga-Saison gestartet habe, gibt es natürlich eigentlich keinen besseren Grund jetzt mal mit der Fußballbloggerei im Rahmen der EM zu beginnen. Schließlich werden wir -SPOILER!!!- dieses Jahr ja endlich mal wieder Europameister, und das muss natürlich auch von meiner Seite ein wenig kommentierend begleitet werden.

Da ich nicht weiß, wie häufig ich das Bloggen schaffen werde -zumal die Beitragstaktung hier doch zuletzt relativ zu wünschen übrig ließ- habe ich dies dann auch direkt mal in den Titel mit aufgenommen. Aber genug der Vorworte, gehen wir doch mal rein in das Geschehen, was bisher passierte.

Gruppe A

Schweiz – Tschechien 1:0 0:1(0:0)

Ich bin fast versucht, von einem „typischen Eröffnungsspiel“ zu sprechen. Es war keine große Show, sondern vorwiegend eine relativ verkrampfte Angelegenheit, was sicherlich vor allem mit den beinahe völlig enttäuschenden Tschechen zu tun hatte. Offensiv kam hier über fast das komplette Spiel so gut wie gar nichts und in der Defensive hat man sich vorwiegend auf das Nötigste beschränkt, wurde aber von den Schweizern auch nicht entscheidend gefordert. Die Schweizer haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten sicherlich eine ordentliche Leistung abgeliefert, es fehlte einfach in der Offensive die Durchschlagskraft und das kreative Moment, um gegen einen passiven Gegner etwas reissen zu können. Erschwerend kam dann sicherlich der Ausfall von Torjäger Frei, der sicherlich für die Offensivbemühungen der Schweizer enorm wichtig gewesen wäre. So müssen es die anderen richten und da sehe ich für die Schweiz tendentiell eher schwarz. Gegen die Türken kann es sicherlich noch zu einem Sieg reichen, aber gegen die Portugiesen kann ich mir kaum  einen Punktgewinn vorstellen – zumindest wenn diese so aufspielen wie in ihrem Auftaktspiel.
Die Tschechen wiederum haben keine schlechten Chancen Platz 2 in dieser Gruppe zu erreichen – allerdings im Grunde nur weil sie die drei Zähler gegen die Schweiz schon im Sack haben und die türkischen Leistungen auch nicht gerade für schlotternde Knie gesorgt haben dürften. Läuft also alles nach Plan, dürften die Tschechen am dritten Spieltag den Viertelfinaleinzug in der eigenen Hand haben, wenn es gegen die Türkei geht.

Portugal – Türkei 2:0 (1:0)

Die ersten Glanzpunkte des Turniers in spielerischer Hinsicht haben sicherlich die Portugiesen gesetzt, die gegen ziemlich überforderte Türken eine über weite Strecken spielerisch anspruchsvolle Leistung abgeliefert haben. Das war schon sehr ordentlich und wenn man es aus dem deutschen Blickwinkel betrachtet, muss man wohl sagen, dass Portugal wohl aller Voraussicht nach der erste ernsthafte Prüfstein für die deutsche Mannschaft sein wird – und das wird wohl erst im Halbfinale sein… Man muss allerdings auch nochmal darauf hinweisen, dass die Türken es den Jungs von der iberischen Halbinsel ziemlich leicht gemacht haben. Kaum vernünftiges Offensivspiel, schlechtes Stellungsspiel in der Verteidigung und dazwischen vor allem Unkonzentriertheiten. In der Verfassung wird man selbst gegen die Tschechen und die Schweizer Probleme kriegen, mehr als 1 Punkt einzufahren. Aber für sie wird es sicherlich vor allem darauf ankommen, wie die ohnehin schon emotional hoch aufgeladene Partie gegen die Schweizer laufen wid. Gelingt es die Historie auszublenden und die Emotionen zu zügeln, und die Schweiz fußballerisch zu bezwingen, dann hat man im letzten Spieltag gegen die Tschechen ein direktes Finale. Und dann wäre für die Türken sicherlich noch was drin in dieser Gruppe – allein, mir fehlt nach den Eindrücken der ersten beiden Partien der Glaube daran. Hier lege ich mal fest, dass es wohl hinter den durchmarschierenden Portugiesen zu einem knapp erwürgten zweiten Rang für die Tschechen reichen wird. Dazu haben sie denke ich ausreichend individuelle Klasse – wobei sie dann allerdings im Viertelfinale dann, ähnlich der Schweden ’06, sang- und klanglos von uns rausgehauen werden.

 

Gruppe B

Österreich – Kroatien 0:1 (0:1)

Hier fällt es natürlich relativ leicht einige Parallelen zum Auftritt des anderen Gastgebers zu zeigen. Auch hier war man über weite Strecken feldüberlegen gegen einen weitestgehend passiven Gegner, ohne aber das Fortune im Abschluss zu haben, sondern im Gegenteil das Spiel mehr oder weniger unglücklich komplett zu vergeigen. Das ist nicht toll für die Stimmung in den Gastgeberländern, aber andererseits war es ja auch so erwartet worden. Und auch bei den Österreichern mangelt es vor allem im Offensivspiel, man fand einfach kaum Mittel eine solch massierte Defensive spielerisch zu knacken. Erst mit den Einwechslungen von z.B. Korkmaz kam da ein kreatives Element rein, das Anlass zur Hoffnung gibt – und gleichzeitig auch die Vorlage für heisse Diskussionen in der österreichen Fanlandschaft gab. Schließlich stellt sich schon die Frage warum solch ein Spieler von Hickersberger nicht früher eingewechselt bzw. direkt zu Beginn gebracht wurde. Wenn man sich aber überlegt, dass die Kroaten nun wirklich ungleich stärker erwartet worden sind, dann kann ich die defensive Grundausrichtung von Hicke schon sehr gut nachvollziehen. Schließlich konnte man mit einer über weite Strecken derart schwach agierenden kroatischen Mannschaft eigentlich nicht rechnen.
Ohnehin, die Kroaten. Ziemlich großspurig trat man im Vorfeld auf und nach den Leistungen der letzten Jahre konnte man von Ihnen auch erwarten eher um den ersten Platz in Gruppe B mitzukämpfen, als um das Erreichen des Viertelfinals. Nach diesem Auftaktspiel aber müsste man sich schon eher Gedanken machen, ob das überhaupt reichen wird – wenn man nicht von der extremen Übermotiviertheit der Österreicher zu Beginn profitiert hätte. Nachdem diese extreme Nervosität dann aber abgelegt wurde, konnte man den zarten Offensivbemühungen der Ösis über etwa 70 Minuten lang nicht viel entgegensetzen. Aber auch hier wird es, wie bei den Tschechen wohl reichen, um noch Platz 2 zu schaffen – bevor man dann mit freundlichen Grüßen von den Portugiesen gen Heimat geschickt wird.

Deutschland – Polen 2:0 (1:0)

Ich hatte ja ein 3:1 (mit Halbzeitstand 1:0) getippt und es sah auch längere Zeit so aus, als ob das genauso verlaufen würde – dass es dann doch nicht dazu gereicht hatte, lag dann wohl an zwei Faktoren. Zum Einen war dies natürlich in dieser schwer zu erklärenden ca. 20 minütigen „Schwäche“periode Anfang der zweiten Halbzeit begründet, wo man die Spielkontrolle nahezu komplett an die Polen übergeben hatte. Zum Anderen aber natürlich auch in der erschreckend harmlosen Offensivabteilung der Polen. Dass man aus der ersten Hälfte von Halbzeit 2 aber auch so überhaupt gar kein Kapital schlagen konnte, spricht da schon Bände und lässt für die beiden übrigen Gruppenspiele nur sehr, sehr wenig Hoffnung zu.
Wenden wir uns aber mal dem deutschen Team zu, denn auch wenn die Polen alles andere als ein gefährlicher Gegner waren, kommt man nicht umhin, den Auftritt der deutschen Elf auch ausgiebig zu loben. Denn sieht man mal von der „Auszeit“ ab, war das Spiel, vor allem in der ersten Halbzeit, äußerst stark und sehr gut anzusehen. Man hat mit schönem Zug zum Tor sehr ballsicher kombiniert und dabei den gegnerischen Spielern kaum Möglichkeiten zur Entfaltung gegeben. Auch die Defensive mit Abwehr UND Torwart war der erhoffte sichere Rückhalt und hat sich selbst in der zweiten Halbzeit, als man vom Mittelfeld etwas im Stich gelassen wurde, keine Blöße gegeben.  Das alles hat wirklich Spaß gemacht und vor allem Appetit auf mehr. Wenn man am Donnerstag mit ähnlicher Konzentration zu Werke geht, sollten wir durch sein, denn eine Niederlage gegen Österreich kann ich mir derzeit nicht vorstellen.
Für die Polen hängt wiederum alles vom Auftritt gegen die Österreicher am kommenden Donnerstag ab. Kommt man hier zu drei Punkten und bekommt das Offensivspiel mit Smolarek in Schwung, dann kann man auch hier wieder in der letzten Begegnung den Einzug im „Finalspiel“ gegen die Kroaten aus eigener Kraft schaffen.

 

Gruppe C

Rumänien – Frankreich 0:0

Heute ging es dann also los mit der so genannten „Todesgruppe“, in der sich die früheren Europameister Frankreich, Italien und Niederlande mit dem Quali-Überraschungsteam aus Rumänien messen müssen. Und tödlich wurde es dann auch direkt in der ersten Begegnung – nämlich tödlich langweilig… Das erste 0:0 dieser EM resultierte aus der entschäuend ratlosen französischen Truppe, die sich gänzlich unkreativ an einem massierten Defensivbeton die Zähne ausbissen, der von sehr disziplinierten Rumänen angerührt wurde. Man bekam bei den Rumänen beinahe den Verdacht als hätte Trainer Picurca versucht eine Blaupause des griechischen Spiels von 2004 anzulegen, um mit der reinen Zerstörung hinten und etwas Glück vorne, ein paar Punkte gegen die vermeintlich übermächtigen Gegner dieser Gruppe zu ergaunern. Und wenn ich ehrlich bin, finde ich das, so unansehnlich es ist, bei dieser Gruppenkonstellation eigentlich nur logisch, das Spiel so anzulegen. Man hat schließlich heute gesehen, vor welche Probleme die Franzosen gestellt wurden. Wenn ich es allerdings aus meiner Bundesliga-geprägten Sichtweise betrachte, dann waren die Franzosen daran selbst auch nicht unschuldig. Denn wieso man Ribery von seiner ausgewiesen stärksten Position auf der linken Seite unbedingt nach rechts ziehen musste, das erschließt sich mir nicht so ganz. Auf links, das hat er diese Saison bei den Bayern zuhauf unter Beweis gestellt, ist er eigentlich immens wertvoll für das Offensivspiel seines Teams. Hier sollte Domenech sicherlich für die nächsten Begegnungen umstellen, wenn man weiterkommen will – es sei denn er weiß mehr als ich, was ja nun auch nicht der abwegigste Gedanke wäre…
So oder so ist jedenfalls weder für Frankreich noch für die Rumänen trotz des Graupenkicks von heute das Viertelfinale noch bei weitem nicht ausser Reichweite. Die Rumänen müssen erstmal geschlagen werden, gerade auch von den so extrem konterstarken Niederländern. Und die hüftsteife italienische Defensive ist für die Franzosen sicherlich ein dankbarerer Gegner als die Handballeske Kreisdeckung der Rumänen.

Niederlande – Italien 3:0 (2:0)

Kommen wir nun also zum aufregendsten und spektakulärsten Spiel der bisherigen EM, der heutigen Demontage der Italiener durch die Holländer, die nun natürlich plötzlich alle ganz weit oben auf den Favoritenlisten notiert haben. Und, meine Herren, das war in Halbzeit aber auch mal allererste Sahne, was die Oranjes da auf den Rasen gezaubert haben. Blitzsauberes Konterspiel mit einer perfekten Raumaufteilung und präzisen Pässen, die den eher statischen italienischen Defensivkünstlern die Tränen in die Augen getrieben haben dürften. Das war echt toll anzusehen und hat wirklich Spaß gemacht. Und keine Frage, wenn man diese Leistungen dauerhaft wiederholen kann, dann wird im Finale mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Mannschaft in orangefarbenen Trikots auflaufen.
Aber, bei mir hat sich doch auch ein wenig Skepsis eingeschlichen. Denn ich habe leichte Zweifel, dass das man gegen eine Mannschaft wie Rumänien das gleiche Spiel aufziehen kann. Dieses holländische Spiel braucht Platz, sehr viel Platz – und den wird es, wenn die Rumänen ähnlich auftreten wie heute, garantiert nicht geben. Glücklicherweise ist das allerdings erst der letzte Gegner, so dass man darauf hoffen kann, zu diesem Zeitpunkt schon durch zu sein. Dies würde natürlich einen Sieg gegen die Franzosen voraussetzen, der nach den Eindrücken von heute natürlich beinahe nur eine Formsache zu sein scheint. Aber ich glaube persönlich nicht, dass dies eine so eindeutige Sache sein wird, denn meines Erachtens hat dieser deutliche Sieg der Holländer heute, bei aller spielerischen Stärke, auch einiges mit der Schwäche der Italiener zu tun. Man scheint recht überheblich angetreten zu sein, in der festen Überzeugung, hier gar nicht verlieren zu können, nicht als Weltmeister. Da wurde nicht energisch genug in der Rückwärtsbewegung angegriffen, da wurden die Räume nicht eng genug gemacht. Und dann hat man sich derart überrumpeln lassen, dass es bis in die zweite Halbzeit rein dauerte, um sich von dem Schock zu erholen.
Den Franzosen wird dies sicherlich nicht passierren, die werden nach diesem holländischen Auftritt gewarnt sein und nicht so ins offene Kontermesser reinlaufen. Und was passiert, wenn sich dann das Spiel plötzlich an den Strafraum der Holländer verlagert hat man in den letzen 30 Minuten heute abend gesehen: Diese Verteidigungsreihe braucht ein funktionierendes Offensivspiel um den Ball möglichst weg vom eigenen Tor zu halten. Und wenn die Italiener nicht derartig mental angegriffen gewesen wären (und zudem Van der Sar nicht einige Dinger richtig gut gerettet hätte), dann wären hier einige Treffer drin gewesen. Diese Abwehr ist definitiv zu knacken und ich bin gespannt zu sehen, wie es läuft, wenn man nicht so viel Entgegenkommen vom Gegner hat und die Offensive des Gegners durchschlagskräftiger ist. Zugegeben, der französische Sturm hat heute keine Argumente dafür gesammelt, warum ausgerechnet sie das sein sollten, aber die Franzosen haben in den letzten Jahren gezeigt, dass sie in der Lage sind sich in ein Turnier reinzuarbeiten.
Daher halte ich diese Gruppe nach wie vor für absolut offen, wo ich jedem noch Chancen auf das Viertelfinale zugestehe. Potential ist in jedem Team nämlich eigentlich ausreichend vorhanden – wenngleich die Holländer jetzt natürlich das Momentum absolut auf ihrer Seite haben.

Übrigens sehr amüsant zu sehen, dass diese ungewöhnliche Situation vor dem 1:0 zustande kommt und auf einmal alle aus heiterem Himmel fallen, dass es so ist, wie es ist. Das Ganze war nämlich schon in so ähnlicher Form vor über 10 Jahren in meinen Schiedsrichterprüfung regelmäßiger „Gast“ – und vermutlich auch schon Jahrzehnte davor. Das war ne blöde Situation aber es ist nun mal kein Abseits. Und es zeigt mal wieder wie oberflächlich die Regelkunde bei so vielen Beteiligten ist, die mit diesem Beruf ihre Millionen verdienen… Respekt auf jeden Fall für das Schiedsrichtergespann und auch für Steffen Simon (bzw. dessen Redaktion), an dem ich sonst selten ein gutes Haar lassen kann (allerdings ist diese Kolumne eine Kommentatoren-Bashing-freie Zone – so ich denn nicht dazu genötigt werde; aber ich beklaue ja auch keine Betrunkenen…)

Auf jeden Fall macht die EM durchaus schon wieder Spaß, auch wenn es nicht das erhoffte Offensivspektakel ist, mit einem Schnitt von lediglich 1,5 Toren pro Spiel und bisher immer mind. einem Team das torlos geblieben ist. Morgen werden wir dann sehen, wie sich die nächsten großen Unbekannten des Turniers schlagen werden. Denn in Gruppe D sind direkt 4 Teams, bei denen man nicht so richtig weiß, was man von ihnen erwarten kann.

Bis dahin verbleibe ich mit sportlichem Gruß,
Eure Hirngabel

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Ballgefühl

2 Antworten zu “Hirngäbli #01 – Die unregelmäßige Kolumne zur Euro 2008

  1. tststs

    wieso hat die Schweiz 1:0 gegen Tschechien gewonnen ?????

  2. Soso, da liest du also monatelang still mit, um dann SO einen Kommentar zu bringen? =)

    Naja, hast ja recht. Da war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens…

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