Die John Wayne Cocktailparty.

Ein großer Anhänger von Westernfilmen war ich nie so wirklich. Klar, als kleiner Bub‘ habe ich natürlich an Feiertagen oder so auch immer mal wieder ganz gerne die Cowboy- und Indianer-Geschichten geschaut. Doch eine wirklich innige Liebe hat sich meinerseits nie so richtig aufgebaut, zumal Western in den Jahren um die Jahrtausendwende, als sich meine Leidenschaft für Film und Kino gebildet hat, im damals aktuellen Kinogeschehen maximal ein Nischendasein gefristet haben. Ausnahmen, wie Mann’s Der letzte Mohikaner, der vielleicht aber auch nicht als klassischer Western gilt, gibt es natürlich immer.

In den letzten ein, zwei Jahren gab es dann nicht nur in den Kinos eine kleine Renaissance des Westerngenres, zuletzt mit der Jesse James-Verfilmung oder dem ganz traditionellen Todeszug nach Yuma, sondern auch bei mir persönlich stieg dann das Interesse aus beruflichen Gründen stark an, mich mit diesen Genre mehr auseinanderzusetzen. Nicht zuletzt mit meinen Besuchen im betörend schönen Monument Valley im Dezember 2006 (wo u.a. der John Wayne-Klassiker Stagecoach) und vor allem im vergangenen Mai in den Old Tucson Studios, wo über 300 TV- und Filmproduktionen zumindest teilweise gedreht wurden, stieg der Anteil von Western in meiner DVD-Sammlung mittlerweile sprunghaft an.

Zwei dieser Film gab es nun gestern im „Doppelfeature“ (unterbrochen von einem kleinen Cocktailbar-Intermezzo) und zwar die beiden John Wayne-Klassiker Rio Bravo und Rio Lobo von Regie-Ikone Howard Hawks, die beide zu nicht unerheblichen Teilen (ersterer sogar quasi komplett) in schon besagten Old Tucson Studios gedreht worden sind. Die jeweiligen Finals sogar am selben Ort in den Kulissen – nur dass sich die Good Guys bei Rio Bravo in der Scheune verschanzt haben, während es bei Rio Lobo die Bösewichte sind, die dort den finalen Showdown erwarteten.

Saguaro-Kakteen im Saguaro Nationa Park bei Tucson

Achja, noch ein kleiner Funfact für diejenigen, die mal ein bisschen klugscheissen möchten: Immer wenn Ihr in einem Western (oder sonstwo) einen Kaktus wie die obenstehend Abgebildeten seht, dann könnt ihr Euch sicher sein, dass der entsprechende Film in der Südhälfte Arizonas, also meist in der Gegend von Tucson gedreht worden ist. Diese sogenannten Saguaro-Kakteen wachsen nämlich nur dort und in den grenznahen Regionen Nord-Mexikos, sowie Ost-Kaliforniens. Aber das nur mal so am Rande. =)

Rio Bravo

Western/Komödie, USA 1959
Laufzeit: 136 Minuten
Regie: Howard Hawks
Darsteller: John Wayne, Dean Martin, Ricky Nelson, Angie Dickinson, Walter Brennan

In  einem kleinen texanischen Kaff irgendwo nahe der mexikanischen Grenze versucht der gealterte Sherrif John T. Chance (John Wayne) für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Doch als er den Bruder des reichen Ranchers Burdette wegen Mordes verhaftet, gerät er und sein greiser Gehilfe Stumpy ins Visier der „Söldnerarmee“ eben dieses Ranchers, die versuchen den Inhaftierten vor Eintreffen der Regierungsbeamten zu befreien. Verstärkung für den alten Sherrif und den noch älteren Stumpy ist rar gesät: Lediglich der meist betrunkene, frühere Hilfssherrif Dude (Dean Martin), der junge Colorado Ryan (Ricky Nelson), sowie die wortgewaltige Lady Feathers (Angie Dickinson) stehen Chance zur Seite im Kampf gegen die numerische Übermacht der Banditen, die die Stadt belagern.

Was sich hier als klassische Ausgangssituation für einen knallharten, klassischen Westernfight Gut gegen Böse darstellt, ist von Regisseur Howard Hawks allerdings auf sehr untypische Art und Weise inszeniert worden, als lakonische Komödie mit Kammerspielcharakter, wo das Augenmerk weit weniger als in vergleichbaren Genre-Vertretern auf dem Kampf gegen die Bad Guys liegt, als vielmehr auf dem Zusammenspiel und die Beziehungen der „Guten“ untereinander.

Vor allem zwei Beziehungen stehen hier im Vordergrund. Zum einen ist dies das beinahe schon väterliche Verhältnis von Chance zu seinem Hilfssherrif Dude, in den er trotz seiner Alkoholprobleme immer großes Vertrauen setzte. Dude seinerseits sieht Chance auch als eine Art Vaterfigur, dem er dauernd etwas beweisen möchte und sich von dessen bärbeißigen Kommentaren auch stets wieder dazu provozieren lässt, sich doch mehr anzustrengen.

Die zweite Beziehungskonstellation, die zwar nicht so sehr im Vordergrund steht, die aber für das Westerngenre insgesamt vielleicht noch etwas interessanter ist, ist Chance’s Verhältnis zu Feathers (von der wunderbaren Angie Dickinson gespielt), die als ertappte, gesuchte Falschspielerin dem Sherrif gehörig den kopf verdreht. Interessant ist die Beziehung vor allem deshalb, weil das Westerngenre allgemein ja schon so etwas wie eine Männerdomäne ist, und John Wayne im Besonderen als so etwas wie ein Prototyp des „männlichen“ Mannes gilt. In Rio Bravo allerdings konterkariert Hawks dieses Image seines langjährigen Weggefährten, indem er seinem Protagonisten eine überaus starke weibliche Figur entgegenstellt, die Chance in deren gemeinsamen Szenen ein ums andere Mal beinahe schon zum Pantoffelhelden degradiert. Besonders deutlich wird dies in der „Trikot“-Szene im Hotelzimmer, in der Chance kaum weiß wie ihm geschieht und absolut hilflos wirkt – was gerade dadurch umso beeindruckender wirkt, dass er kurz zuvor noch im großen Showdown Geistesgegenwart und Führungsstärke par Excellence bewiesen hat. Für mich war dies, neben dem wunderbaren Zusammenspiel der vier Männer im Sherrif’s Office, die viele wunderbar gewitzte Dialogwechsel haben, wohl der mit Abstand interessanteste Aspekt dieses Westerns.

Starke 9 von 10 Gabeln für diese kammerspielartige „Beziehungskomödie“ vor den Kulissen des Wilden Westens

Rio Lobo

Western, USA 1970
Laufzeit: 114 Minuten
Regie: Howard Hawks
Darsteller: John Wayne, Jorge Rivero, Jennifer O’Neal, Christopher Mitchum, Jack Elam

Weitaus mehr als der kurz zuvor geschaute Rio Bravo, ist die letzte Zusammenarbeit von Hawks und Wayne ein verhältnismäßig klassich gestrickter Western, bei dem es darum geht eine Schurkenbande im großen Showdown zu besiegen, um damit ein terrorisiertes Dorf zu befreien.

Im Fall von „Rio Lobo“ geht es dabei um den ehemaligen Nordstaaten-General Cord McNally, den es nach dem amerikanischen Bürgerkrieg in die Wüste von Texas treibt, um dort die Verräter zu finden, die zu Kriegszeiten taktische Informationen an die Feinde aus dem Süden weitergaben, die zu einem Raubüberfall führten, bei dem einer seiner Freunde tödlich verletzt wurde. In einem kleinen Nest nahe der mexikanischen Grenze werden dort die Bewohner von einer Gruppe zwielichtiger Gestalten terrorisiert, zu der auch die Spuren der damaligen Kriegsverräter führen. Daher macht sich McNally gemeinsam mit dem Südstaaten-Offizier „Frenchy“ Cardona (Jorge Rivero), den er damals im Krieg inhaftierte und dessen ehemaliger Militärkollege und Freund in besagtem Dorf drangsaliert wird, und der Witwe Shasta Delaney (die bezaubernde Jennifer O’Neal -die eigentlich Jennifer O’Neill heisst, aber von Hawks absichtlich falsch geschrieben wurde, da sie nicht mit ihm schlafen wollte – so die Legende) auf den Weg um den Bewohnern des Dorfes zur Hilfe zu kommen. 

Rio Lobo beginnt schon spektakulär mit dem grandiosen Überfall auf einen Gold transportierenden Zug, der klasse inszeniert ist und zudem äußerst kreativ gestaltet worden ist. Hier wird, quasi in einer Art Prolog, gezeigt, wie die seltsam freundliche Beziehung zwischen den eigentlich befeindeten Offizieren McNally und Cardona sowie dessen Freund Tuscarora entstand, die dann im eigentlichen Hauptteil die zentrale Rolle spielt. Dieser inneramerikanische Konflikt wird denn auch immer wieder mal kurz angeschnittenen und zählt für mich zu den besonderen Aspekten, die Rio Lobo über den durchschnittlichen Western heben. Ähnlich interessant ist auch hier wieder die weibliche (Semi-)Hauptrolle, die im Vergleich zu Dickinson in Rio Bravo, John Wayne zwar nicht ganz so sehr dominiert, es aber doch immer mal wieder schafft die beiden kriegsgestählten Männer gehörig aus der Fasson zu bringen, so dass auch in diesem Western immer wieder sehr amüsante Momente zustande kommen.

Insgesamt ist dieses Abschlusswerk des Hawkschen Schaffens dann aber doch ein verhältnismäßig straighter Western geworden, mit einigen interessanten Randthemen, einem furiosen Auftakt und einem gewohnt souverän aufspielen John Wayne in der Hauptrolle, der hier den in Würde gealterten Brummbären mimt, der noch eine letzte persönliche Rechnung zu begleichen hat. Sicherlich kein Meilenstein des Genres aber doch ein sehenswerter und kurzweiliger Vertreter des klassischen Westerns.

Wohlmeinende 7 von 10 Gabeln für das unterhaltsame Alterswerk von Howard Hawks 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Cinema Paradiso

Eine Antwort zu “Die John Wayne Cocktailparty.

  1. Sehr interessant und schöne Einleitung! Auch so ein Genre, dem ich mich mal mehr (da geht es mir wie Dir) widmen sollte …

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