Voll verplant.

Die Thematik des Urheberrechts ist neben der Datenschutzproblematik im Internet wohl an den meisten Stellen Thema Nummer 1, wenn es um grundsätzliche Sachen und Rechtsfragen im World Wide Web geht. Das Eisen „Datenschutz/-handel“ ist ja derzeit wieder mehr als heiß, einerseits in Bezug auf das unsägliche „Datenvorratsspeicherungsgesetz“ und andererseits im Zusammenhang mit den neuen AGBs im StudiVZ, wo ich ja schon vor kurzem hier im Blog drauf hingewiesen habe.

Ein mindestens so großer Dauerbrenner ist aber natürlich das Thema Urheberrecht. Hier ist es vor allem der Bereich Musik, der lange Zeit an vorderster Front des Themas stand, und dann mit zunehmender technischer Entwicklung auch immer mehr die unrechtmäßige Verbreitung von Filmen, egal ob Kurzclip, Kinofilm oder TV-Show.
Dass diese Produkte allesamt zumindest eine gewisse kreative Leistung voraussetzen, die auch honoriert werden sollten – darüber muss man eigentlich nicht diskutieren. Wie hoch und in welcher Form, darüber ließe sich sicherlich streiten. Aber es sind nun mal Künstler, Regisseure, Autoren, Musiker, Schauspieler, etc. an diesen Werken beteiligt, die hierfür auch belohnt werden müssen.

Um die Einhaltung der Rechteabgaben zu gewährleisten, haben die einzelnen „Kunstbereiche“ (bzw. Branchen) jeweils ihre eigenen Interessenvertretungen, die sich darum kümmern, dass möglichst niemand, die Urheberrechte verletzt. Am bekanntesten ist hier sicherlich die GEMA, die das Geld für Künstler aus dem Musikbusiness eintreibt.

Ein bisher weitestgehend unbekannter Verein (außer in der Hotelbranche, wenn man sich mal die Gerichtsurteile auf der Website anschaut) ist die vg.media, die laut Selbstauskunft auf besagter Website „…Rechte und Ansprüche, die sich aus dem Urheberrecht für Medienunternehmen ergeben…“ als Verwertungsgesellschaft wahrnimmt.

Nun gibt es im Netz eine kleine private Internetseite, die eine Software entwickelt hat, die die Programme einer Vielzahl der deutschen TV-Sender zusammenfasst und dadurch eine Art digitale Fernsehzeitschrift bieten. Diese Seite nennt sich www.tvbrowser.org und ist wie gesagt ein vollkommen privates Projekt, das mit einem Open Source-Ansatz arbeitet und völlig ohne Werbung auskommt, und auch darüber hinaus absolut kostenfrei ist.
Ein wirklich guter Service, der bei momentan ca. 170 gelisteten Sendern selbstverständlich alle TV-Zeitschriften in den Schatten stellen dürfte, daher dem Fernsehzuschauer eine perfekte Orientierungsmöglichkeit bietet und daher indirekt den TV-Sendern indirekt als kostenlose Werbemöglichkeit zugute kommt – sollte man zumindest meinen!

Doch die schon erwähnte vg.media hat sich nun in der vergangenen Woche an die Jungs (und evtl. Mädels) von tvbrowser.org gewandt, mit der Mitteilung, dass sie ab dem 1. Januar 2008 eine Art „Schutzgebühr“ auf die genutzten Programmankündigungen zu leisten hätten.
Da diese Schutzgebühr aber keine Pauschale ist, sondern nach Seitenaufrufen abgerechnet wird und tvbrowser.org zu den bekannteren Seiten im Netz gehört, würde dies bei den derzeitigen Nutzerzahlen Kosten von ca. 14.000€ im Jahr bedeuten – für ein Freizeitprojekt ohne kommerziellen Anspruch natürlich ein Ding der absoluten Unmöglichkeit!

Für die Macher von tvbrowser.org gibt es daher erstmal nur eine Konsequenz:
Alle Sender, die durch die vg.media vertreten werden, aus ihrem Service rauszustreichen.
Hierzu zählen sowohl die ProSiebenSat1-Gruppe mit all ihren angeschlossenen Sendern, wie auch die gesamte RTL-Senderfamilie und noch zahlreiche weitere TV-Ausgeburtenstalten, wie z.B. 9Live. Damit fällt also ein nicht unerheblicher Inhaltsinput, der für diesen Service natürlich essentiell ist, einfach so weg – und das alles mit der Begründung, dass hier Urheberrecht geschützt/honoriert werden muss.
Für mich ein absoluter Witz. Und zwar ein ganz schlechter.

Keine Diskussion, eine TV-Sendung, mag sie noch so schlecht sein, wie Big Brother & Co., hat immer eine gewisse „Schöpfungshöhe“ (dies ist zumindest juristisch relevant, wenn es darum geht, ob etwas unter das Urheberrecht fällt), dass aber ein bloßer PROGRAMMABLAUF eine kreative Leistung erfordert, die urheberrechtlich geschützt werden müsste, halte ich für einen vollkommen absurden Ansatz, der derart hirnrissig und kursichtig gedacht erscheint, dass ich am liebsten eine Viertelstunde lang versuchen würde, die Mona Lisa mit dem Kopf in meinen Couchtisch einzuhämmern… Erst recht wenn man bedenkt, dass die Macher von tvbrowser.org ja ihr Projekt nicht „illegal“ durchgeführt haben, sondern dies jahrelang mit schriftlicher Genehmigung der Sender!
Einfach nur vollkommen absurd, diese Geschichte!

Ich kann es mir logisch nur auf zwei Arten erklären, wie sich die Fernsehsender eine derartige Gratiswerbung entgehen lassen wollen:
1) Sie sind einfach komplett kurzsichtig und denken tatsächlich, sie könnten auf diese Art noch ein wenig Zusatzeinkommen generieren, was bei dem privaten Hintergrund dieses Freizeitprojekts für jeden offensichtlich nicht von Erfolg gekrönt sein kann. Dies würde zwar zu der arroganten Selbstübereinschätzung der Macher des „führenden Mediums“ Fernsehen passen, aber da ich ja eigentlich immer an den gesunden Menschenverstand glauben möchte, erscheint mir das irgendwie nicht ganz nachvollziehbar.
Eher schon Punkt
2) Die vg.media hat Druck von Printmedien, sprich Verläge mit TV-Zeitschriften, bekommen, die ihrerseits die Gratiskonkurrenz aus dem Internet fürchten (zurecht), da immer weniger Menschen (vermutet) TV-Zeitschriften kaufen wollen und sich die Informationen lieber gratis aus dem Internet holen. Und diese Konkurrenz einzudämmen würde natürlich über den Weg hoher Schutzgebühren ziemlich gut funktionieren. Eine schlüssigere Erklärung fällt mir auf Anhieb nicht wirklich ein.

Die Meldung zu dieser Geschichte findet Ihr hier auf der Seite von tvbrowser.org, die hier auch noch mal einen zusätzlichen Forenbereich zu diesem Thema eingerichtet haben.
Trotz der Ankündigung, die angesprochenen Sender erstmal aus ihrem Angebot zu nehmen, versuchen die Macher natürlich auf mehreren Ebenen ihren unkommerziellen Service weiterhin in Gänze aufrechtzuerhalten und dies auf zwei Wegen.
Einerseits haben Sie eine Petition gestartet, bei der sich mittlerweile schon über 6000 Menschen eingetragen haben (Stand: 18.12., 0 Uhr) und auch wenn ich die Erfolgschancen von Petitionen generell als nicht allzu groß einschätze, so denke ich doch, dass dies zumindest ein positives Zeichen sein sollte und hoffe, dass ein paar der wenigen Leser hier, sich auch dazu entscheiden, sich dort einzutragen.
Die zweite Ebene halte ich da schon für erfolgversprechender und zwar die Gründung eines Vereins, die das fehlende kommerzielle Ziel des Projekts unterstreicht und so evtl. eine kostenlose Nutzung der Programminformationen ermöglicht.

Ich wünsche den Machern von tvbrowser.org jedenfalls viel Erfolg dabei, damit sie ein Zeichen setzen können. Kein Zeichen gegen das Urheberrecht, sondern ein Zeichen für die sinnvolle Anwendung dieses Schutzes kreativer Arbeit und ein Zeichen gegen die sinnfreie und kurzsichtige Kommerzialisierung solcher kleinster Teilleistungen!

Bitte nehmt an der Petition teil.

[Aufgegabelt bei: allesaussersport.de]
PS: Gerade bei AAS in den Kommentaren zudem noch eine weitere „Verschwörungstheorie“ gesehen, die einen möglichen Erklärungsansatz bieten könnte. Und zwar eine Steigerung der Nutzungszahlen auf den Sender-eigenen Websites, die dann natürlich irgendwann erste Anlaufstelle bei der Programmsuche im Internet wären – wenn diese „Ausblutungs- und Abschreckungspolitik“ konsequent durchgezogen würde…

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Eingeordnet unter Digi-Tales. Stories from the Blog., Television Madness

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