Staubsauser.

Der goldene Kompass

Fantasy, USA 2007
Laufzeit: 113 Minuten
Regie: Chris Weitz
Darsteller: Dakota Blue Richards, Nicole Kidman, Daniel Craig, Sam Elliott, Ian McKellen

Es ist schwer, wenn nicht gar nahezu unmöglich, eine Besprechung von Der goldene Kompass zu machen ohne in irgendeiner Weise Bezug auf „Der Herr der Ringe“ zu nehmen. Vor allem als Nichtkenner der Dark Materials-Trilogie von Philip Pullman. Und da wären wir auch schon bei der ersten Parallele zwischen beiden Werken, denn es handelt sich jeweils um Fantasy-Bücher, die den Filmen zugrunde liegen. In beiden Fällen sind es Trilogien (sowohl in der Buch- als auch der Filmversion), beide Filmtrilogien wurden in der Weihnachtszeit in die Kinos gebracht und hier wie dort sind es die „Kleinen“, die in die Welt ausziehen um sie zu retten. Doch während es bei HdR kleine Fabelwesen waren die aus ihrem behüteten Umfeld ausziehen mussten, um eine gänzlich erfundene Welt zu retten, handelt es sich bei „Der goldene Kompass“ um ein kleines Mädchen, Lyra (Dakota Blue Richards), das eine Welt retten muss bzw. will, die verhältnismäßig nah an unsere angelehnt ist. Lyra ist ein Waisenkind, das relativ gut behütet und abgeschottet vom Leben außerhalb in einem College aufgewachsen ist und nur sporadisch Kontakt zu ihrem einzigen Verwandten, ihrem Onkel Lord Asriel (der fantastische Daniel Craig) hat, der gerade versucht Investoren für eine Forschungsexpedition zu bekommen, um geheimnisvollen Vorgängen am Nordpol auf den Grund gehen zu können. Da seine Forschungsarbeit allerdings bei einigen Mitgliedern der machthabenden Elite, dem sogenannten Magisterium, nicht auf sonderliche Gegenliebe traf, weil sie deren Machtbasis gefährdet, wird Asriel Ziel eines Mordanschlags, den Lyra durch Zufall vereiteln kann.
Kurz darauf bekommt die neugierige Lyra die Gelegenheit, das College hinter sich zu lassen und soll die nette Forscherin Mrs. Coulter (Nicole Kidman) auf einer Reise begleiten. Doch schon nach kurzer Zeit kommt Lyra dahinter, dass ihre neue Mentorin wohl doch gar nicht so nett ist, sondern in das Verschwinden mehrerer Freunde von ihr verwickelt zu sein scheint, woraufhin sie die erste Gelegenheit zur Flucht ergreift, um ihre Freunde zu befreien…

Das vorangegangen Beschriebene findet alles in relativ kurzer Zeit statt, womit wir schon bei dem großen Problem sind, woran der Film für mich krankt. Es ist das Problem des Verzichts, mit dem jede Verfilmung langer Romane zu kämpfen hat, und das man gut (hier wieder der Verweis auf Herr der Ringe) oder wie hier eben weniger gut lösen kann. Wie schon erwähnt kenne ich die Bücher von Pullman nicht, aber auf die Art und Weise, wie man hier „ins kalte Wasser“ gestoßen wird, hat es mir sehr schwer gemacht, mit der Protagonistin Lyra so schnell warmzuwerden, als das mir ihr Schicksal sofort ans Herz hätte gehen können, wodurch die Flucht von Lyra hätte spannend sein können. So aber schaute man sich das ganze relativ neutral an und harrte der Dinge die da noch kommen würden. Stattdessen nahm man sich zu Beginn wesentlich mehr (vielleicht zu viel) Zeit für die natürlich sehr gelungenen optischen Elemente der Welt, in der Lyra lebt. Das College und die naheliegenden Städte sind stark an das England der vorletzten Jahrhundertwende angelehnt, mit einigen technischen Spielereien, die im weitesten Sinne an „Wild Wild West“ erinnerten. Das sah alles selbstverständlich hervorragend aus, aber stand im ersten Drittel für mich leider zu sehr im Vordergrund, denn die Zeit hätte man besser darauf verwenden sollen, es dem Zuschauer zu ermöglichen, eine emotionale Bindung zu Lyra aufbauen zu können. Dies hat Regisseur Chris Weitz (u.a. About a boy, wo er sein Talent für Buchverfilmungen wesentlich besser unter Beweis stellen konnte, wenngleich dort zusammen mit seinem Bruder Paul) nur leider versäumt und sich stattdessen auf die Schauwerte konzentriert, was sich leider auch auf Dauer eher negativ ausgewirkt hat, denn so wirkte Lyra mit zunehmender Laufzeit des Films auch zunehmend nerviger mit ihrer nassforschen und teilweise altklugen Art.

Dies ist natürlich sehr schade, ist der Film doch -im Gegensatz zu Herr der Ringe- völlig auf die Storyline um Lyra zentriert und erschwert es dadurch merklich für mich irgendwann einmal wirklich in den Film hinein zu kommen. Darüber hinaus hat der Film schließlich alles zu bieten, was das Fantasy-Herz so begehrt. Liebe und Verrat, große Schlachten, heiße Duelle und natürlich jede Menge Phantasiewesen. Teilweise durchaus auf eher bekannten Pfaden, aber durchaus auch mit ungewohnten Bestandteilen, wie die schon erwähnten „technischen“ Elemente, die in der sehr stark mittelalterlich geprägten Welt von Mittelerde eher undenkbar waren.

Der interessanteste Aspekt sind aber sicherlich die so genannten „Dämonen“.
„Dämonen“ sind in diesem Fall eine Art Verkörperung der Seele in Tierform, die jeden Menschen in dieser Welt begleiten und optisch absolut glänzend umgesetzt worden sind. Vor allem der Dämon Lyras, Pan, der sich noch nicht für eine Gestalt entschieden hat und dementsprechend häufig sein Erscheinungsbild ändert, was wirklich hervorragend gelungen ist und hinten raus glücklicherweise auch nicht übertrieben wird. Ohnehin sind die Animationen der Fabelwesen, wie beispielsweise auch des Eisbärenvolks, wohl der große Pluspunkt des Films, da alles auf dem aktuellsten technischen Stand ist und sowohl Fellanimation, wie auch Bewegungsabläufe -was beides sicherlich neben der Animation von Flüssigkeiten zu den größten Herausforderungen auf diesem Sektor zählt- beinahe real erscheinen.

Insgesamt ist mein Eindruck von „Der goldene Kompass“ daher recht zwiegespalten, zumal man am Ende es leider für nötig befunden hat, auf äußerst plakative Art und Weise die Geschehnisse des Films (plus Ausblick auf die potentiellen nächsten zwei Teile) durch einen relativ dämlichen Monolog von Lyra zusammenzufassen. Auch wenn es ein Fantasyfilm ist, wäre das eine Unterhaltung gewesen, die nie im Leben so stattgefunden hätte. Wenn man dies überhaupt hätte machen müssen, dann vielleicht eher in Form eines neutralen Off-Kommentars, so aber wirkte es wie ein Vorkauen für noch den letzten Idioten im Kinosaal.

Nimmt man dann noch einige kleinere Kritikpunkte, wie logische Anschlussfehler, hinzu, dann kann ich leider nicht zu einer Wertung kommen, die über dem Durchschnitt liegt.

5 von 10 Gabeln

[veröffentlich auch auf kino.de]

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15 Kommentare

Eingeordnet unter Cinema Paradiso

15 Antworten zu “Staubsauser.

  1. Ich kann dem allen durchaus zustimmen. Dennoch hat der Film auf mich einen wesentlich positiveren Eindruck gemacht. Wenn man sich die Besucherzahlen ansieht, wird es aber wohl so oder so bei diesem ersten Teil bleiben…

  2. Zugegeben, der Text hinterlässt einen etwas negativeren Eindruck, als ich letztlich vom Film selbst hatte, was ich mit der relativ ordentlichen Wertung 5/10 ja auch noch mal versucht habe zu unterstreichen. Habe den Film recht gerne gesehen und wäre beim zweiten Teil sicherlich wieder dabei, alleine, wie ja hier und auch bei dir schon erwähnt, fiel es mir schwer ohne emotionalen Zugang zum Geschehen, wirklich mitfiebern zu können. Und das ist nun mal einfach etwas, was bei solchen Geschichten unabdingbar ist. Ohne dies reicht es dann nicht auf eine höhere Bewertung im grünen Bereich (7-9) zu kommen.

    In der Tat wird es aber wohl eher bei diesem einen Teil bleiben. Die Einspielergebnisse sind extremst bescheiden, wenn man nicht schon besser von einem großen Flop sprechen sollte, bei diesem Staraufgebot und dem damit einhergehenden Finanzaufwand.

  3. Ohne Deinen Text gelesen zu haben (noch nicht): Ich gehe morgen in den Film ;o) Jetzt erstmal Sneak …

  4. Achja, Sneaks… Ich vermisse die guten, alten Sneak-Zeiten… *schnüff*
    Aber mittlerweile sind beide Sneaks hier in Köln Geschichte, soweit ich das richtig mitbekommen habe. Leider.

    Auf jeden Fall viel Spaß und bin dann morgen gespannt auf dein Urteil zum Kompass!

  5. Guter Text.
    Den Film habe ich inzwischen ebenfalls gesehen. Finde ihn einen Film, der schon gegen 7/10 tendiert.
    Warum? Ich habe versucht die ganze „HdR“-Sache von meinem Gedanken auszuschliessen und auch, wie das Buch umgesetzt wurde. Dann finde ich den Film gut. Und darum gehe ich ja auch ins Kino.

    Wie Du beschrieben hast, sind auch die Daemonen meine persoenlichen Favoriten. Schoene Idee und der Affe von Coulter ist doch der Hammer. Hat etwas von Outbreak mit Dustin Hoffman.

    Die ganze persoenliche Meinung

  6. Danke erstmal für das Lob.

    Allerdings habe ich den Vergleich zu HdR ja vorwiegend deshalb erwähnt, um ihn einstufen zu können und ihn für den Leser etwas besser „einordbar“ zu machen. Es geht dabei weniger darum, dass für mich die „Herr der Ringe“-Trilogie so übermächtig wäre, dass sie alles andere auf dem Sektor erschlägt.

    Wenn man aber, im Verlauf des Films, immer mal wieder daran erinnert wird, dass es sowas doch schon mal auf die eine oder andere Weise gab, dann zieht man natürlich automatisch Vergleiche (siehe z.B. die Eisbrücke über die Schlucht). Und das finde ich auch absolut legitim. Wenn ich immer alles andere ausblenden würde, was ich in meinem Leben bisher so als Vergleichsmaßstäbe kennengelernt habe, dann finde ich natürlich wahrscheinlich fast jeden Film gut. Von daher MUSS man einfach auch Vergleiche ziehen (dürfen), gerade wenn es wie Herr der Ringe nun mal DAS Referenzwerk seines Genres ist (egal ob Buch oder Film).

    Ja, den Gedanken an Outbreak hatte ich ebenfalls bei dem fiesen Affen. =)

  7. Ja klar zieht man immer Vergleiche. Mir persoenlich geht halt einfach der Vergleich immer von „HdR“ – „Der goldene Kompass“ etwas … .
    Wieso kommt eigentlich Niemand auf die Idee das Ganze mit „Die Chroniken von Narnia“ zu vergleichen?

    Zugegebenermassen musste ich bei der Bruecke auch an den Film denken 😉 Dank dem unsaeglichen Schnitt war diese Szene sehr kurz und holprig gehalten.

  8. Abgesehen davon, dass ich durchaus von ein paar Leuten gelesen/gehört habe, dass sie einen Vergleich zu Narnia ziehen (was ja aufgrund der dort ähnlich präsenten Tierfiguren und Kindern in Hauptrollen irgendwo auf der Hand liegen würde), hat das wohl vor allem zwei Gründe:

    a) HdR ist nun mal *das* Referenzwerk der Fantasyliteratur und Narnia eben nicht, daher kommt man als erstes zum Vergleich mit HdR

    b) Narnia haben einfach auch ziemlich wenig Leute gesehen (und noch weniger für gut befunden…;-)) – ich kenn ihn auch nicht, daher erübrigt sich ein Vergleich natürlich für mich.

    Bei der Brückenszene musste ich ganz fies grinsen, weil ich mir echt vorgestellt habe, wie der Eisbär auf einmal brüllt „Du kannst nicht vorbei!“. Vor allem, da ja Sir Ian „Gandalf“ McKellen eben auch im Original die Stimme des Eisbären gesprochen hat… Aber das waren dann wieder meine abwegigen Gehirnwindungen…

  9. Ja, gibt es eigentlich fuer Fantasy-Filme nur McKellen und Christopher Lee?
    Nein. Deine Gehirnwindungen sind schon ok. Denke ich Mal. 😉

    > b) Narnia
    Ich habe ihn gesehen und gehoere zu denen, die es als schlecht empfunden haben. Den sprechenden Loewen war einfach schlecht gemacht und die Schlacht gegen Schluss lahm.
    Jedoch hatte der Film in den USA nicht so schlechte Einschaltquoten:
    „…
    teure Streifen nach Studioschätzungen am ersten Wochenende allerdings nur 26 Millionen Dollar ein. Vorbilder wie etwa „Der Herr der Ringe“ oder „Der König von Narnia“ waren jeweils mit deutlich über 60 Millionen Dollar gestartet….“

    Quelle

  10. @ grossesmanitu:

    Der Löwe in Narnia war doch grandios gemacht! Zu diesem Zeitpunkt sicher eine der ausgefeiltesten CGI-Figuren. Hast du dir mal die Testanimationen angesehen (finde gerade leider keinen Link, sind auf der DVD). Da könnte man meinen ein echter Löwe läuft herum… und das sage ich als jemand, der zumindest etwas Ahnung von CGI hat… 😉

  11. @bullion
    Findest Du? Ich kann jetzt natuerlich nicht sagen, ob es von der CGI Stand was vom Besten war, aber mich hat es irgendwie nicht so bewegt.
    Wuerde mich natuerlich ueber den Link freuen.

    Fandest Du dann die Schlacht am Schluss gelungen? Vom CGI Standpunkt her?

  12. Richtig, der Löwe in Narnia war gut. Er kam ja auch von den gleichen Leuten wie Gollum oder der Eisbär hier. Das zum Thema Zusammenhänge! 😉

    Der Narnia-Film war aber tatsächlich mies. Das lag zum Einen an der schwankenden Animationsqualität (WETA hat nur wenige Tiere gemacht), zum Anderen an der dämlichen Story und der langweiligen Umsetzung. Jetzt aber gut mit Narnia!

    Bin auch auf weitere Teile der Pullman-Romanverfilmung gespannt. Potential ist da!

    @ hirngabel
    siehe Posting auf den „blauen Seiten“ 😀

  13. @ grossesmanitu:

    Die Endschlacht war halt typisch für die Post-„Herr der Ringe“-Zeit. Fand ich aber (zumindest in der ungeschnittenen Fassung) durchaus unterhaltsam.

    Die CGI waren hier teils schon deutlich als solche auszumachen, aber hat mich nicht zu sehr gestört. Ich komme bei solchen Dingen immer nicht umhin, den immensen Aufwand zu sehen und wie schwierig es ist Animation und Oberflächen fotorealistisch wirken zu lassen…

  14. re: Narnia
    Okay, in den USA ist er dann wohl ziemlich erfolgreich gelaufen, aber ich meine, dass er hier nicht wirklich die breiten Massen erreichen konnte. Zudem kann ich mich vor allem an ein ziemlich maues Image erinnern, dass so in Sachen Mund zu Mund-Propaganda entstanden war. Aber gut, jetzt kommt ja mit Prinz Kaspian der zweite Teil, da wird man dann sehen, wie gut der sich, auch im Vergleich zum Goldenen Kompass schlägt.

  15. Pingback: Life is hard. But so am I. « Hirngabel

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