Klavier mit Schleife.

…für timo

Ich habe mich verliebt.
Verliebt in eine englische Rotzgöre mit dem Gesicht eines pausbäckigen Engels und dem Mundwerk eines Bierkutschers.

Sie hat mich in ihr kuscheliges Wohnzimmer eingeladen. Ein gemütliches kleines Wohnzimmer mit roten Samtvorhängen und ganz viel Nippes. Eine kleine Porzellaneule, eine Porzellanballerina und jede Menge Plastikblumen umrahmen das zentrale Element ihres Wohnzimmers, das bei meinem Schatz allerdings kein Sofa oder Tisch ist sondern ein stoffbehangenes rotes Piano mit einer kleinen, süßen Schleife ist.

Leider musste ich noch ein wenig auf sie warten, da sie noch auf eine kleine Stippvisite in Bochum vorbeischauen musste. Doch glücklicherweise hat mir ihr sehr sympathischer Mitbewohner Sam die Wartezeit vertrieben, der immer ein kleiner Superheld sein wollte und sich deshalb auch Get Cape. Wear Cape. Fly nennt.
Er packte nämlich seinen schicken Laptop aus, ein Apple Notebook, und zeigte mir einige technische Frickeleien, die er mit ein wenig Gesang und Gitarrenspiel unterlegte. Und das gelang ihm wirklich für fast 40 Minuten derart gut, dass ich mir später am Abend extra noch ein kleines rundes, silbernes Andenken von ihm mitnehmen musste. Und wer Sam [bzw. Get Cape. Wear Cape. Fly] mal irgendwo begegnet, der sollte ihn definitiv mal anschauen und -hören, denn das ist schon richtig großes Tennis, was der Junge da so fabriziert.

Er hat auch noch einige tollle Videos aus seinem Leben gemacht, die ich wärmstens empfehlen kann.

Im Anschluss hörten wir dann noch was von der Plattensammlung meiner Angebeteten, die einige Schätzchen bereithielt, wie z.B. Songs von Yann Tiersen aus dem Amelie-Score, „Big Rock Candy Mountain“ (bekannt aus „Oh Brother, where art thou“) oder „Je t’aime“ von Serge Gainsbourg und Jane Birkin. Oder auch die Harry Belafonte Songs „Zombie Jamboree“ und „Jump in the line“ (Shake Shake Shake Senora), der am Ende von Beetlejuice gespielt wird. Und sogar „Heartbeats“ von The Knife’s, das 2004 von José Gonzalez wirklich bekannt gemacht wurde. Ja, sie hat schon Geschmack, meine Käthe.

Nach einer guten Stunde war es dann aber so weit und mein Cutie-Pie war aus Bochum zurückgekehrt und ließ sich von einem wunderbar stimmungsvollen Filmscore-Intro ankündigen (sie liebt halt die kleine große Show), um anschließend durch die roten Plüschvorhänge in das Wohnzimmer zu schweben und mir ein verschüchtertes Lächeln und ein zartes Winken zukommen zu lassen.

Dann nahm sie an ihrem roten Klavier mit Schleife Platz und sang für mich.

Sie sang von Liebe und Trennungsschmerz, aber auch von der Schönheit des Lebens und zwischendurch, da fluchte sie immer mal wieder gerne mit ihrem schnuckeligen breiten britischen Akzent.
Denn auch wenn sie immer wieder gerne mit ihrem unschuldigen Auftreten kokettierte, so hat sie es doch schon recht faustdick hinter den Ohren, für eine gerade mal 20 Jährige. Wobei man ihr schon ein wenig die Unsicherheit anmerkte, wenn sie sich mit mir unterhalten musste und sich nicht hinter ihren Instrumenten verstecken konnte. Aber das verzeihe ich gerne, wenn sie so nett lächelt, mit den Augen blinzelt oder einfach nur verstohlen seufzt.

Wenn sie aber in ihren Songs eintaucht, dann merkt man wie sehr sie sich öffnet, wie sehr es ihre Geschichten sind, die sie mir erzählt und das erwärmt mein Herz. Und wenn man dann noch hört wie toll sie singt (oder auch „rappt“), und sieht wie sehr sie sowohl Klavier wie auch Gitarre beherrscht, dann bedauere ich es von ganzem Herzen, dass es nur eine kurze gut einstündige Affäre war die wir hatten. Immerhin eine Affäre made of bricks die auf wirklich soliden Foundations basiert. Und wenn meine Katie dann mal etwas mehr Zeit und noch mehr Geschichten mitbringt, dann werde ich sie sicher wieder in ihrem kuscheligen, roten Wohnzimmer besuchen und ihr ein wenig pumpkin soup kochen.
Schließlich war ich wirklich very merry happy mit ihr und ihrem Klavier mit Schleife!

Und über allem schwebte leuchtend ihr neongelber Name:
Kate Nash

Kate Nash
„Made of Bricks“
6.12.2007
Kantine, Köln
Vorband: Get Cape. Wear Cape. Fly

(Die folgenden Video sind allerdings nicht von diesem Konzert, das zweite noch nicht mal ein offizielles, aber ein schön gemachtes und ein ganz, großartiger Song namens „Birds“)

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9 Kommentare

Eingeordnet unter Hast du Töne!?

9 Antworten zu “Klavier mit Schleife.

  1. Ich verbeuge mich und gönne dir diesen Augenblick von Herzen. Ich beneide dich!

  2. Hehe. Ja, schade, dass es bei Dir nicht hingehauen hat. Jetzt wirds wohl erstmal wieder was dauern bis Miss Nash wieder zu uns kommen wird, nachdem die Europatour gestern zu Ende gegangen ist. Aber ich bin mir bei Ihrem Songschreiber-Talent eigentlich fast sicher, dass wir von ihr noch mal was zu hören bekommen in der nächsten Jahren.

    Es muss ja nicht jedes britische Frolleinwunder enden wie Amy Winehouse…

  3. Habe ich es mir doch schon nach dem 1. Absatz gedacht. Nee, ernsthaft! Ich kenne Deinen Musikgeschmack zwar nicht so genau, aber auf Katie-Baby fährst Du bestimmt ab. Finde ihre Scheibe gut, wenn auch nicht sooo „mega“ wie gute Stromgitarrenmusik. Habe leider ihr Konzert in Berlin aus Zeitgründen verpasst. Wäre gern gegangen! Naja, mal sehen, wie sich die Dame entwickelt. Da mache ich mir aber keine Sorgen. Dann träume mal schön weiter … 😀

    p.s.: Amy ist für mich eine tragische Sache. Die Frau hat niemanden, der sich um sie kümmert. Alle wollen nur am Erfolg teilhaben, an dem sie zu Grunde geht. Schlimme Sache!

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