Ein Spinatkonzert.

“Man mag es zwar nicht, aber es tut einem zumindest gut.”

So lautete die Selbstbeschreibung des Musikers Bernd Begemann im Laufe seines gestrigen Auftritts in Köln über selbiges Konzert – und kokettierte damit doch sehr heftig. Denn wenn man dem Enthusiasmus des gut gefüllten Publikums in der Kulturkirche in Köln-Nippes Glauben schenken durfte, dann wurde der Auftritt des Entertainers Begemann und seiner Band “Die Befreiung” sehr gemocht. Gut tat es natürlich auch – denn Lachen ist schließlich sehr gesund.

Bernd Begemann (2.v.l.) & Die Befreiung

Die meisten der Leser hier werden jetzt aller Voraussicht nach sagen: Bernd Wer? Denn obwohl Begemann seit mittlerweile mehr als 20 Jahren aktiv im Musikbusiness unterwegs ist und für eine gewisse Musikrichtung durchaus mitprägend war, so ist er selbst doch immer eher ein kleiner Held weit abseits des Mainstreams gewesen. In den 80er Jahren war er Mitbegründer des Labels “Fast Weltweit”, das stilprägend für die Hamburger Schule war und aus deren Umfeld Bands wie Blumfeld oder Die Sterne entstanden sind.

Begemanns Band aus der damaligen Zeit, “Die Antwort”, löste sich dann in den 90ern irgendwann auf und seitdem ist er vorwiegend als Solokünstler unterwegs, bzw. seit seiner Zeit beim Hamburger Label “Grand Hotel van Cleef” auch teilweise mit Unterstützung der Band “Die Befreiung”, die insgesamt aus drei Mitgliedern (Keyboard, Bass/Gitarre, Schlagzeug) besteht.

Aber gut, wer will, der kann das alles natürlich auch bei Wikipedia nachlesen…

Das Konzert am gestrigen Abend jedenfalls war schon unser zweiter Versuch*, ein Begemann-Konzert zu besuchen, was im ersten Anlauf vor ca. 5 Jahren allerdings daran scheiterte, dass wir uns dachten, er sei so unbekannt, dass es schon klappen würde, ohne Ticket zur Location zu gehen. Leider Pustekuchen, denn der Veranstaltungsort war mit einer Kapazität von 200 Zuschauern nicht gerade riesig und eine durchaus respektable Fangemeinde hat er sich dann eben doch über die Jahre erspielt. Nicht umsonst hatte sich sein Ruf, ein genialer Live-Musiker zu sein, ja auch bis zu uns herumgesprochen.

Gestern aber waren wir vorbereitet und stapften mit vorher erstandenen Tickets pünktlich zum auf der Karte angegebenen Einlassbeginn um 18.30h durch den Schnee im frostigen Nippes zum Veranstaltungsort – nur um dann festzustellen, dass die Pforte noch verschlossen war, sonst nur ein Mädel herumstand und die Band gerade beim Soundcheck war. Im Angesicht der -15°C drehten wir also um und gingen zur nächsten Eckkneipe auf einen Kaffee und ein Kölsch, sowie die erste Halbzeit von Stuttgart gegen Hoffenheim.

Nach dem mich überaus glücklich machenden Ausgleichstor durch Maicosuel in der 44. Minute, ging es wieder zurück zum Veranstaltungsort und es war glücklicherweise noch nicht übermäßig gefüllt, so dass sich ein Platz in der ersten Reihe ergab – direkt über einem Heizungsausgang. Ein Aspekt, der von einem kaum zu überschätzemdem Wert ist, angesichts der sibyrischen Aussentemperaturen und einem Konzert, dass in einer neogotischen Kirche stattfand.

In der Tat ist die Kulturkirche nicht einfach nur ein bloßer Name und erfreulicherweise handelt es sich bei der Kirche tatsächlich um einen klassischen Bau und nicht um einen dieser modernen trendy Neubauten, sondern eben ein 120 Jahre altes neogotisches Gebäude, das einen mehr als passenden stimmungsvollen Rahmen für den getragenen, sehnsuchtsvollen Sound zahlreicher Songs wie beispielsweise “Bleib zuhause im Sommer”. Aber auch die schnelleren, swingenden und rockenden Songs kamen adäquat kraftvoll in den hohen Gemäuern rüber und brachten uns im Publikum auf den Kirchenbänken anständig zum Wippen.

Doch aus noch einem weiteren Grund war die Kirche ein durchaus passender Rahmen, denn Bernd Begemann habe ich im ersten Absatz nicht umsonst einen “Entertainer” genannt, schließlich ist es neben der guten Musik und den intelligenten Texten vor allem die extreme Bühnenpräsenz der Rampensau Begemann, die einen Konzertbesuch so lohnenswert machen. Und wenn er dann zwischen oder auch während der Songs beinahe anfängt über irgendwelche Themen zu sinnieren oder zu “predigen”, dann  passt das eben sehr gut an einen solchen Ort.

Die derzeitige Tour steht zwar ganz im Zeichen des neuen Albums “Ich erkläre diese Krise für beendet” (sowas wie der inoffizielle Nachfolger seines 93er-Albums “Rezession, Baby”…), doch die Setlist des Abends umfasste nur einen Teil dieser neuen Stücke. So wie beispielsweise die gutgelaunte Single “Die neuen Mädchen sind da”, das verträumte “Sie gehört den Sternen”, das treibende “Sie redet Revolution” und vor allem natürlich das ganz wunderbare “Du bist mein Niveau”. Und ja, man kann einen gewissen Themenschwerpunkt durchaus erkennen, wenn man sich diese Titel so anschaut. Aber gut, alleine mit diesem Thema kann man ja auch Berliner Olympiastadien füllen und MediaMarkt-Werbeverträge bekommen. (Es sei an dieser Stelle aber auch einfach noch mal Begemann aus seiner Anmoderation für “Du bist mein Niveau” zitiert: “Mario Barth hat unrecht.” Punkt.)

Abgesehen von diesen ca. Dreiviertel des neuen Album (das sehr schöne, aber dennoch leicht alberne “Wir Drei” sollte noch erwähnt werden), die so etwas wie das Gerüst des gestrigen Abend bildeten, gab es allerdings allem Anschein nach keine wirkliche Setlist im klassischen Sinne. Begemann kam zwar zu Beginn des Konzerts mit einem Zettel auf die Bühne den er vor sich legte – dieser war allerdings ca. Größe DIN A1 und komplett in relativ kleiner Schriftgröße bekritzelt und listete mit Sicherheit weder alle Songtexte des Abends (zu wenig Platz) noch alle gespielten Songs (zu wenig Text) auf. Meine Vermutung ist eher, dass es sich dabei um eine Auswahl von ca. 100 (?) Songtiteln  handelt, so mehr oder weniger als Gedankenstütze, schätze ich. Bestätigt wird das zumindest, dass sehr viele Songs an diesem Abend so wirkten, als ob sich Begemann spontan dazu entschied, diesen oder jenen jetzt zu spielen und darüber dann die Band informierte – die an diesem Abend übrigens Keyboarderlos war (was eine prima Rahmenstory für “Unsere Band ist am Ende ergab).
Also, natürlich auch abseits der Songs, die er Zuschauerzuruf spielte, was so ca. 5-6 mal im Laufe des rund dreistündigen Konzerts der Fall war und zu einigen schönen Situationen der Interaktion zwischen Künstler und Publikum führte.

Um es zum Ende hin kurz zu machen: Es war ein wirklich exzellentes Konzert, dass mir extrem großen Spaß bereitet habe und ich kann nur jedem ans Herz legen, der etwas für deutschsprachigen Indie-Pop-Rock und die Hamburger Schule übrig hat, ein Konzert von Bernd Begemann zu besuchen. Es wird unter Garantie ein äußerst vergnüglicher Abend!

Zum Abschluss gibt es daher noch ein Video der aktuellen Singe “Die neuen Mädchen sind da” versehen mit dem Hinweis, dass ich selbst Begemann aus dem Studio lediglich das Prädikat “gut” verleihen würde, live aber eben ein “absolut großartig”.

PS: Neben dem ersten Konzertbesuch gab es übrigens noch ein weiteres erstes Mal an diesem Abend. Denn zum ersten Mal habe ich einem professionellen Musiker ins Gesicht gesagt, dass ich seine Musik mal illegal runtergeladen habe. Kann ich ebenfalls nur empfehlen, mal zu machen, gibt lustige Reaktionen (Finger in die Ohren und “lalalala” rufende Musiker zum Beispiel).

PPS: Bernd Begemann hat übrigens auch einen Podcast, in dem er gemeinsam mit einem Bandkollegen und einem Filmemacher Filme bespricht.

*) Der Vollständigkeit halber sei zumindest noch kurz erwähnt, dass ich Begemann zumindest schon mal live vorher gesehen habe. Denn er hatte vor einigen Jahren mal einen Kurzauftritt im Rahmen der wunderbaren “Sarah Kuttner Show” zu der Zeit als auf deutschen Musiksendern auch tagsüber noch Musik eine Rolle ausserhalb von Klingeltonreklamen fand und bei dieser Show saß ich im Publikum. Toller Auftritt aber natürlich viel zu kurz, um ihn wirklich beurteilen zu können. Immerhin hat er sich noch ein kurzes Wortgefecht mit Ferris MC geliefert, der sich damals aber auch dermaßen asozial benommen hatte, dass sogar ich ihn im Laufe der Sendung ausbuhen musste (was mich dann zumindest mal für einen kurzen Moment ins Bild brachte, nachdem mich die Kameramänner zuvor konsequent zugunsten der hübschen Mädels in den anderen Sofas und Sesseln ignorierten – ha, ihr seid so berechenbar, ihr Aufmerksamkeitshuren!)

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Hast du Töne!?, Muss man wohl dabei gewesen sein...

6 Antworten zu “Ein Spinatkonzert.

  1. Pingback: Schöne Bescherung « Brustring – Ein Blog zum VfB Stuttgart

  2. Wann

    Ich war eher zufällig beim Schaufensterkonzert von Bernd Begemann im Michelle Records(Plattenladen) in Hamburg. Ich mag zwar den Song ‘Unten am Hafen’, aber sonst ist das nicht so meine Lieblingsmusik. Live macht das allerdings schon deutlich mehr Laune. Jedenfalls hat er dort die Kundschaft etwa eine Stunde sehr gut unterhalten. Das hat sich dann auch im anschließenden CD-Verkauf(mit Signatur) wieder gespiegelt. Ich würde weder für eine CD noch für ein Konzert von ihm Geld ausgeben, wenn aber bei einem Festival ein Zeitfenster besteht, dann könnte ich mir das schon vorstellen.

  3. Wie ich ja auch schon angedeutet hatte, ist da ein gewisser Unterschied zwischen seiner Musik aus der Konserve und dem, was er bei Live-Auftritten absolviert.
    Dennoch habe ich zwei CDs an diesem Abend erstanden (für einen allerdings auch unsagbar günstigen Kurs) und ich würde ihn mir auf alle Fälle nochmal bei einem Konzert anschauen.

    Schaufensterkonzert klingt auf jeden Fall auch mal sehr spannend. =)

  4. Wann

    Hätte ja auch gleich ein paar Beispiele liefern können.
    The Rifles http://www.youtube.com/watch?v=-Y_O62Lyh1I
    WYE OAK http://www.youtube.com/watch?v=Ebb1J2SFq4E
    Fink http://www.youtube.com/watch?v=3TlFhN6-3Fo
    Ich war leider von diesen drei Konzerten nur bei Fink dabei. Dafür habe ich aber Sophie Hunger und Gemma Ray dort gesehen. Interessanter Weise habe ich auch von denen dann jeweils die aktuelle CD gekauft.

  5. Nice! Schöne Idee das Ganze.

    Konzerte sind in der Regel bei mir sogar der häufigste Anlass, CDs zu kaufen.

    Achja, morgen mittag gibt es übrigens wieder einen Eintrag, der Dich vielleicht interessieren könnte. =)

  6. Pingback: Projekt Hörsturz #11 « Hirngabel. Reisen, Leben, Popkultur.

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