Auch wenn ich als bloggender Mensch ja nicht gerade im Verdacht der Technikfeindlichkeit stehe, so war mir Twitter [eine Art "Mikroblogging"-Plattform für Mitteilungen, die maximal 140 Zeichen lang sind] bisher immer relativ suspekt, bzw. habe ich in dieser Software keinen wirklichen Mehrwert gesehen. Natürlich sind so Geschichten wie bei allesaussersport, wo Kai sie als Quasi-Ticker nutzt, schon ganz praktisch, aber sicherlich nichts was den Hype legitimiert, der sich teilweise darum entfacht hat, in den vergangenen ein, zwei Jahren. Für mich war das im Prinzip weitestgehend einfach nur kommunikatives Grundrauschen, das mir viel zu aufwändig wäre, um da nun auch noch über diesen Kanal regelmäßig mit eher weniger relevanten „Meldungen“ zugekleistert zu werden. Auch ein Grund, warum ich mich beispielsweise auch auf nur eine Social Networking Plattform beschränke, die zudem auch nur recht sporadisch gepflegt wird (zumindest muss man ja Gesicht zeigen).

Nun habe ich aber natürlich auch mitbekommen, dass Twitter immer mal wieder im Zusammenhang mit Unfällen, Umweltkatastrophen und ähnlichem (bspw. die Notwasserung auf dem Hudson River) genannt wurde und auf einigen, nennen wir sie mal „technikfreundlichen“, Blogs gerne als ultimatives Medium für die schnelle und authentische Informationsvermittlung bezeichnet wurden, die traditionelle Medien und deren Internetportale aber mal ganz locker in die Tasche stecken könnten.

Heute begab es sich nun also, dass am frühen Nachmittag -ihr werdet es sicherlich auch mitbekommen haben- das Historische Stadtarchiv in Köln eingestürzt ist, wie meine Kollegin als Eilmeldung im Radio vernommen hat und dies an die radiolosen Räume unseres Büros weitergab.

Das klang natürlich schon ziemlich heftig und gab so auch eine Erklärung für die in den vorangegangenen Minuten extrem zunehmenden Sirenen- und Hubschraubergeräuschen in und über dem Kölner Stadtzentrum. [Unser Büro liegt Luftlinie vielleicht 500 Meter vom Ort des Geschehens entfernt, ohne aber direkt erreichbar oder gar einsehbar zu sein.]

Da die Webseite des Kölner Stadtanzeigers direkt schon nicht erreichbar war und auch der Express zwar schon eine kurze News online hatte, aber keine weiteren Informationen bereit hielt (was natürlich auch zu erwarten war), kam mir dann der Gedanke, dass dies der passende Moment sei, um mal zu überprüfen, welche Möglichkeiten sich durch Twitter ergeben. Und dort zeigte sich dann auch schon in der Suchfunktion (#Stadtarchiv), dass der erste Tweet zum Thema wirklich unmittelbar nach dem Unglück abgesetzt worden sein muss.

Und in der Folge dieses Nachmittags zeigte sich denn auch tatsächlich für mich zum ersten Mal ein echter Mehrwert, den Twitter bietet: Im Laufe der Minuten (und später dann zwei, drei Stunden) nach dem Einsturz des Archivgebäudes sammelten sich schnell immer mehr Links zu Seiten an, die über das Unglück berichteten, gemischt mit kurzen Zitaten von Augenzeugen und natürlich auch ersten Vermutungen über die Ursachen.

Für mich, der ich natürlich heute bei der Arbeit war, war die Suchfunktion von Twitter daher wirklich eine große Hilfe, konnte ich doch von hier aus schnell auf die zum jeweiligen Zeitpunkt aktuellen Informationen zugreifen, ohne groß auf eigene Suche oder aber ein einziges Medium angewiesen zu sein. Das war schon prima.

Aber was dadurch eben auch klar wurde: Zumindest in Deutschland ist Twitter noch kein originäres, kein eigenständiges Medium. Es gab gerade mal einen Twitterer, der tatsächlich aus erster Hand von seinem Balkon an der Severinsstraße twitterte, Eindrücke schilderte und sogar Bilder veröffentlichte – das ist wirklich sehr interessant, aber bringt zumindest informationstechnisch keinen wirklichen Mehrwert zu dem, was man an Informationen über die regulären Kanäle bekam.

Vielmehr wirkte Twitter für mich als eine Art Newsaggregator / Orientierungspunkt im Webdschungel, der mir dabei half, schnell zu den Seiten zu finden, die mir echte Informationen boten – und das waren eben allesamt professionelle Internetauftritte klassischer Medien, wie Welt, Kölner Stadtanzeiger, WDR, Tagesschau, SpOn, etc. pp.

Dementsprechend finde ich es auch völlig übertrieben, nein, daneben, an Twitter ein weiteres Indiz für den Untergang des klassischen Journalismus festmachen zu wollen, wie es in der Tat auch schon an diesem Nachmittag Twitterer wieder gemacht haben.

Aber zumindest habe ich nun zum ersten Mal einen Mehrwert an Twitter sehen können!

Zum Abschluss noch ein paar Worte zum Unglück an sich.

Wirklich schon erschreckend, dass nur Minuten vom Büro entfernt einfach mal so ein Gebäude komplett umkippt. Dass es zudem noch ein Gebäude mit derart krasser kulturhistorischer Bedeutsamkeit ist (also weniger das Gebäude, sondern dessen unendlich wertvoller Inhalt, der nun wohl nahezu komplett weg ist), macht die Sache natürlich noch umso heftiger. Auch wenn es wohl 2 Tote geben könnte, so ist das Ganze zumindest extrem glimpflich vonstatten gegangen, wenn man bedenkt, dass das nicht gerade eine unbelebte Straße irgendwo in der Einöde ist, sondern sich zudem direkt gegenüber eine Schule, daneben ein Altersheim und sowieso zahlreiche Wohnhäuser in direkter Nähe befinden. Von den Menschen in den Gebäuden, die sich wohl beinahe alle rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten mal ganz zu schweigen.

Die Frage, die sich mir -und wohl nicht nur mir- nun stellt, ist natürlich die Frage nach den Ursachen, dieses Unglücks. Auch wenn ein Wasserrohrbruch der Auslöser für das „Umkippen“ des Gebäudes gewesen sein könnte, so wird doch die „Hauptschuld“ von den meisten Menschen den Kölner Verkehrsbetrieben angelastet.

Die bauen nämlich seit mittlerweile ca. 5 Jahren eine Nord-Süd-Verbindung der U-Bahn durch die Tiefetage der Kölner Altstadt und sind schon an vielen Stellen in Verdacht geraten, für strukturelle Bauschäden zumindest mitverantwortlich gewesen zu sein, die durch Erschütterungen im Laufe von Tunnelbohrungen aufgetreten sind. Das bekannteste Beispiel dafür war sicherlich der stark abgesackte Kirchturm der Kirche St. Johann Baptist, der 2004 nach einem Absacken plötzlich extremst schief  stand – zufälligerweise genau an dem Tag, an dem 18 Meter darunter Tunnelbohrungen stattfanden.

Und ganz ehrlich, ich bin da auch nicht gerade skeptisch was einen möglichen Zusammenhang angeht, denn die Häufung ist schon sehr auffällig – und auch das Historische Stadtarchiv lag wieder direkt in der Nähe zu einem dieser neuangelegten U-Bahn-Schächte.

Aber mal schauen, was die Experten in den nächsten Wochen so herausfinden und ob es dann tatsächlich zu Regress-Forderungen für die KVB kommen wird – würden eh vermutlich nur noch Peanuts auf die ohnehin schon absurd explodierenden Baukosten sein.