Into the wild

Abenteuer/Drama, USA 2007
Laufzeit: 148 min
Regie: Sean Penn
Darsteller: Emile Hirsch, William Hurt, Marcia Gay Harden, Cathrine Keener, Kristen Stewart, Vince Vaughn

Manchmal gibt es Filme, die kommen zum perfekten Zeitpunkt und passen wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Dies war zum Beispiel der Fall als ich -nach einer knapp zweistündigen Zollkontrolle bei der Ausreise aus Israel- auf dem Rückflug von Tel Aviv den Film „Maria voll der Gnade“ sah.

Dies war aber auch vergangene Woche wieder der Fall, als ich auf dem Rückflug aus den USA die Verfilmung des auf Tatsachen basierenden Romans “Into the wild“ (dt. Titel: In die Wildnis) zu sehen bekommen habe.

„Into the wild“ erzählt die Geschichte von Christopher McCandless, einem hochtalentierten jungen Mann, dem, gerade mit besten Noten das College abgeschlossen, sämtliche Türen der Berufswelt offen zu stehen scheinen. Doch statt nun seine Karriere voranzutreiben, entscheidet er sich dazu sämtliche Brücken zu seinem bisherigen Leben abzubrechen, sein bislang angespartes Vermögen der Wohlfahrt zu spenden und sich den lang gehegten Traum endlich zu erfüllen: Ausbruch aus dem konventionellen gesellschaftlichen Leben an der amerikanischen Ostküste und Flucht in die wilde Natur Alaskas. Diese Reise führt ihn dabei quer durch die USA und sogar für einen kurzen Abstecher nach Mexiko, bevor er letztlich sein Traumziel erreicht, wo er dann gänzlich alle Verbindungen zur Zivilisation kappt und alleine in einem verlassenen Bus mitten in der Wildnis Alaskas lebt.

Regisseur Sean Penn erzählt die Geschichte von McCandless, der sich im Laufe der Reise das Pseudonym „Alexander Supertramp“, auf eine leicht verschachtelte Art, indem er seinen Aufenthalt in Alaska immer wieder mit „Flashbacks“ zu dessen Reise aufbricht, um so die Motivation und die Charakterzüge des Aussteigers näher zu beleuchten. Penn verzichtet dabei allerdings auf eine detailliert durcherzählte Geschichte, sondern inszeniert McCandless’ Reise vielmehr als eine Art happenartigen Bilderreigen, ohne allzu viel Wert auf Text oder Dialoge zu legen – etwas wodurch sich auch schon Penns letzte große Regiearbeit „Das Versprechen“ auszeichnete.

Wie nun der eine oder andere Leser sicherlich schon aus meinen vorangegangenen Blog-Einträgen mitbekommen haben mag, durfte ich im vergangenen Monat selbst eine kleine Reise durch einen Teil der USA machen, der zu den ebenfalls etwas wilderen und natürlichen Regionen dieses Kontinents Landes zählt, nämlich dem südwestlichen Teil Colorados. Natürlich ist meine Art der Reise wesentlich komfortabler, die Motivation eine gänzlich andere und doch konnte ich mich (bzw. meine Erfahrungen) hier sehr gut wiederfinden können. Und dies gleich aus mehreren Gründen.

Zum einen ist es natürlich die grandiose Natur, die Wildnis, die man in diesem beinahe unendlich erscheinenden, größtenteils dünn besiedelten Land so wunderbar nah erleben kann und die hier vielleicht sogar der eigentliche Hauptdarsteller in diesem Film ist. Denn Penn’s Film ist vor allem auch eine innige Liebeserklärung an die schwer fassbare Schönheit seines Heimatlandes – womit er denn auch irgendwie den Geist McCandless’ atmet.
Zugleich ist der Film aber auch eine Liebeserklärung an die Einwohner der USA – sicherlich nicht aller (schließlich kommen doch die etablierten Autoritäten eher weniger gut weg), aber doch zumindest einiger. Denn McCandless trifft auf seiner Reise immer wieder auf offene, freundliche Menschen, die ihn wie selbstverständlich an ihrem Leben teilhaben lassen. Und auch dies ist etwas, was ich selbst erfahren durfte, denn auch wenn man Amerikanern gemeinhin vorwirft sie seien oberflächlich und ignorant, so ist dies etwas, was ich nur sehr bedingt bestätigen kann – wenn man sich selbst offen und interessiert gibt.

Ein weiterer Aspekt, der den Film so authentisch und greifbar macht -gerade wenn man weiß, dass zumindest weite Teile der Geschichte wahr sind- ist die zugrunde liegende Motivation von McCandless, die vielleicht nicht komplett aber doch zumindest in Teilen nachvollziehbar ist. Denn Ausbruch aus dem Alltag, Rückkehr zu den Wurzeln und ein autarkes Leben in der Natur sind Sehnsüchte, die vermutlich in den meisten Menschen ab und an einmal aufkommen – meistens aber dann doch wieder von der Vernunft verdrängt werden.
McCandless hingegen zog diesen Ausbruch Anfang der 90er in beeindruckender Konsequenz durch und auch wenn man es vielleicht nicht komplett verstehen kann, so bleibt doch zumindest eine Faszination, die den Film über weite Strecken tragen dürfte, selbst wenn man sich nicht mit den oben von mir genannten Aspekten so sehr identifizieren kann.

Da ich mich aber nicht nur damit identifizieren konnte, sondern auch die letztliche (bittere) Erkenntnis von McCandless persönlich teilen durfte und der Film zudem eben einfach grandios bebildert ist, einen fantastischen Soundtrack hat und mit Emile Hirsch (Alpha Dog, Lords of Dogtown) einen unglaublich intensiven Hauptdarsteler aufweist, komme ich nicht umhin hier die Höchstwertung zu ziehen.

Vielleicht kann ich damit ja zumindest ein wenig mehr Aufmerksamkeit für dieses Kleinod generieren, die ihm durch die quasi komplette Nichtbeachtung bei den Oscars verwehrt bleibt. Verdient hat „Into the wild“ sie nämlich allemal!

Persönliche 10 von 10 Gabeln